Tagebuch eines Gipfel-Polizisten, Tag 5 Neue Aussichten


16.000 Polizisten sichern den G8-Gipfel ab. Anders als Politiker und Demonstranten kommen sie kaum zu Wort. Für stern.de schildert Polizeioberkommissar Ingolf Boldt täglich, wie er den Gipfel erlebt. Im fünften Teil berichtet er von einem ruhigen Tag - mit viel Getier.
Von Ingolf Boldt, Heiligendamm

Der 6. Tag im Einsatzraum! … oder ist es schon der 7.? Welcher Wochentag ist heute eigentlich? Keine Zeitung, kein Radio und der Funk ist bis auf das Erforderliche reduziert.

Stumpf schaue ich durch die Frontscheibe und zähle die Blätter einer großen Brennnessel. Langsam ist es wohl soweit, dass Zeit und Raum ineinander übergehen und unwichtig werden. Lediglich ein unbestimmtes, fast unmerkliches Gefühl verhindert wohl, dass man nicht völlig abschaltet.

Wir setzen uns langsam in Bewegung und dann spürt man es deutlich, … es brummt wie in einem Bienenstock.

"Hektische" Betriebsamkeit überall. Ach ja, heut Abend soll er ja kommen, der US-Präsident. Ist wenigstens schon einer da.

Mit mittlerweile wieder hellwachen Sinnen durchfahren wir unseren Einsatzabschnitt. Einfach mal schauen, ob es was zu sehen gibt. Aber außer ein paar Hubschrauberüberflügen ist nicht viel zu holen.

Zum Mittag ist alles wieder ruhig.

Kann ich mich im Bereich relativ frei bewegen, ziehen meine Leute in den ihnen zugewiesenen Abschnitten stetig ihre Streifen. Die einzige Abwechslung die ich ihnen momentan geben kann, ist die, dass sie am nächsten Tag 200 Meter weiter eingeteilt werden. Ich bin verdammt stolz auf diesen "eingeschworenen Haufen": Pflichtgefühl und Einsatzbereitschaft kann man nicht befehlen.

Schon gar nicht nach dieser langen und extrem hohen Belastung der letzten Monate. Das kann nur nachvollziehen, wer es selber erlebt hat, vorlebt und mit ihnen zusammen auf der Straße steht. Lautes Lachen schallt aus dem Wald herüber, …alles in Ordnung also!

Zufrieden, schmunzelnd fahre ich langsam weiter. Kontrollieren brauche ich bei meinen Leuten nicht.

Dafür aber zwei Stunden später unsere Einsatzanzüge. Nach einer Streife durch einen Waldabschnitt sind wir von oben bis unten mit Zecken übersäht. Angeblich sollen die Mecklenburger Zecken völlig ungefährlich sein. Aber wer traut diesem kleinen Viehzeug schon zu, dass sie sich an diese Abmachung halten?! Es muss ziemlich schräg ausgesehen haben, wie sich vier Einsatzbeamte gegenseitig auf der Straße mit Handfegern bearbeiten und mit Taschenmesser die hartnäckigsten Zecken aus dem Anzug pulen.

Die Bananenfraktion aus dem Zoo wäre blass vor Neid geworden und beim Anblick der Ausbeute in helle Begeisterung ausgebrochen.

Nur noch einen Tag. Dann soll es soweit sein. Die Sonne scheint, der Kaffee schmeckt, …alles ist schön!

Bilanz des heutigen Tages:

- 17 erschlagene Mücken
- 1 gerissener Schnürsenkel

…. keine besonderen Vorkommnisse.


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