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Tagebuch eines Gipfel-Polizisten, Tag 6: Molotowcocktails, 50 Stück

16.000 Polizisten sichern den G8-Gipfel. Anders als Politiker und Demonstranten kommen sie kaum zu Wort. Für stern.de schildert Polizeioberkommissar Ingolf Boldt täglich, was er erlebt. Im sechsten Teil zieht er die Bilanz eines riskanten Einsatzes.

Von Ingolf Boldt, Heiligendamm

"Ich bin blind!" Gott, wo bin ich überhaupt?

Mein Wecker schreit mich nach knapp fünf Stunden Schlaf an und hört einfach nicht auf. Wie ferngesteuert sitze ich auf meiner Matratze und versuche, wach zu werden. Da ich den Aus-Knopf nicht finden kann, stopfe ich das Teil kurzer Hand unter die Bettdecke. Im gleichen Augenblick schießt ein Blitz in meine Augen.

Können sich die Leute nicht im Dunkeln anziehen? Hadernd mit dem Schicksal, dass die Schöpfung uns Eulenaugen vorenthalten hat, schlage ich mich zum Bad durch. Befriedigend stelle ich fest, dass heut früh zumindest meine Augen schon mal wie die einer Eule aussehen. Schlecht und viel zu kurz geschlafen, … der Tag fängt gut an.

Beim Abschließen des Zimmers beschleicht mich eine leise Ahnung: "Zahnbürste, nimm Deine Zahnbürste mit!" Da Bauchgefühle oftmals die Besten sind und ich eh noch keine klaren Bilder sehe, geschweige denn konstruktive Gedanken hinbekomme, folge ich ihnen einfach und hole sie.

Autonome, mittendrin

Frühstück, Abfahrt, … Fenster auf, Kopf raus! Nach paar Minuten sehe ich zwar aus wie mein Kopfkissen, aber wenigstens bin ich wach. Da Herr Bush nun anwesend ist, wird es hoffentlich was zu tun, wenigstens was zu sehen geben. Bis zum Mittag bleibt das eine trügerische Hoffnung.

Allerdings ergeben die Lagemeldungen, dass sich große Personengruppen aus allen Richtungen nach Heiligendamm bewegen. Pünktlich zum Mittag wird es ernst. Wir legen die Sonderausrüstung an, sammeln uns und verlegen zügig in Richtung Kontrollstelle. Aus dem üblichen Funksalat kann man entnehmen, dass sich drei- bis viertausend Personen zirka fünfhundert Meter vor der Kontrollstelle befinden. Die üblichen Autonomen sind natürlich wie gehabt "mittendrin, statt nur dabei".

Nach einer kurzen Einweisung meiner Leute und Detailabsprachen mit den benachbarten Einheiten stehen wir an der Kontrollstelle und … schwitzen. Drückende Schwüle und eine Luft, die selbst zum Schneiden zu dick ist, lässt uns das Wasser in Bächen den Körper hinabströmen. Gespannt verfolge ich über Funk die Lageentwicklung. Wenn es anfangs auch nicht so aussah - alles bleibt friedlich.

Molotow-Cocktails und Barrikaden

Man möge es mir nachsehen, aber ich glaube nicht daran, dass es so bleiben wird. "Gebranntes Kind scheut das Feuer!" Und jetzt sollen es schon über 10.000 sein. Mein Vertrauen zu dieser Masse hält sich in engen Grenzen. Mit einer gehörigen Portion Skepsis verfolgen wir die weitere Entwicklung und harren der Dinge, die da wohl kommen werden. Wachsamkeit hat noch keinem geschadet.

Um Dehydrationserscheinungen zu verhindern, sammeln wir unsere Getränke zusammen, und als unser Versorger bei uns aufschlägt, ist die kleine Welt um uns herum, zumindest für kurze Zeit, wieder in Ordnung.

Stunden später scheint sich nun, wie erwartet, doch das erwartete Unheil zusammenzubrauen. "Molotowcocktail gesichtet, Steine werden aufgenommen, Barrikadenmaterial auf die Straßen gebracht." Hubschrauber kreisen wie ein Schwarm Fliegen in der Luft, Wasserwerfer und Sonderwagen fahren auf. Wir haben alles an Schutzausrüstung angelegt, was möglich ist.

Die Taschen sind vollgestopft, wir sind "bewaffnet" bis in die Haarspitzen, Helm auf und angespannt auf den ersten Angriff warten. Wer bereits die letzten Beiträge des "Tagebuches" verfolgt hat mag nun bereits erkennen, worauf sich meine Skepsis, mein Misstrauen gründet.

Motivation und Gefahr

Welcher Beruf bringt es mit sich, dass man innerhalb einer Woche mehrfach seine Gesundheit, sein Leben riskieren muss? Woher nehmen wir die Motivation, uns immer wieder bereit zu halten und uns dieser Gefahr auszusetzen? Weil wir Beamte sind, einen "sicheren Job" haben, gut bezahlt werden fürs Kaffeetrinken?

Achten Sie vielleicht beim nächsten Mal im Fernsehen oder gar hier vor Ort auf die Augen der Beamten, auf die Gesichter im schärfsten Einsatz. Dann wissen Sie, was ich meine.

Letzte Meldung aus Heiligendamm: "Eine große Personengruppe mit zirka 50 (!) Molotowcocktails bewegt sich Richtung Kontrollstelle." Der Wahnsinn geht weiter. Mein Bericht endet hier für heute. Ich muss nach vorn zu meinen Leuten.

Ich iwünsche Ihnen einen schönen Abend, grillen Sie doch mal wieder mit der Familie oder gehen sie spazieren. Genießen sie den Abend. Bis morgen, ... vielleicht!

Bilanz des heutigen Tages: Wir wissen nicht, was da noch kommt. Entschuldigen Sie den heutigen "Telegrammstil" des Berichtes. Stehend am Baum, sitzend im Gras und zwischendurch hin- und herlaufen - ich bin froh, dass ich es überhaupt geschafft habe.