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Umstrittener Tiefbahnhof in Stuttgart Stresstest geht Gegnern auf den Geist


Was als schlichtende Maßnahme gedacht war, entzweit Gegner und Befürworter von Stuttgart 21 endgültig: Das Aktionsbündnis gegen den Mega-Bahnhof will der Präsentation des Stresstests fernbleiben.
Von Mathias Rittgerott und Anna Hunger, Stuttgart

Schade, dass niemand mitgezählt hat. Der Eindruck mag ja täuschen, aber es fühlt sich so an, als sei das Wort "Geist" häufiger gefallen als das Wort "Bahnhof". Ob Hannes Rockenbauch und Berthold Frieß das so gewollt haben?

Im Stuttgarter Rathaus reden Rockenbauch und Frieß, Anführer des Aktionsbündnisses gegen Stuttgart 21, über den sogenannten Stresstest, der zeigen soll, ob der geplante Bahnhof besser funktioniert als der alte. Sie würden abgespeist, ärgern sich die Bündnispartner und bemühen den Geist, wieder und wieder. "Das ist gegen den Geist aus dem Faktencheck" sagt Frieß: "So nicht!" Damals diskutierten die Bahn und ihre Kritiker noch auf Augenhöhe. Öffentlich und unter dem weisen Vorsitz von Schlichter Heiner Geißler. "Alle Fakten auf den Tisch" hieß der Slogan. Die Bahn hielt sich daran, die Kritiker bewiesen Fachkunde und fühlten sich ernst genommen.

Das ist heute anders, monieren die S21-Gegner. In einem "intransparenten Verfahren" und "hinter verschlossenen Türen" arbeite die Bahn den Stresstest ab, sagt Frieß. "Das Prinzip alle Fakten auf den Tisch wurde verlassen", sagt Rockenbauch: "Daher gibt es nicht alle an einen Tisch." Das Bündnis werde der "Schauveranstaltung" fernbleiben, auf der die Bahn am 14. Juli die Ergebnisse des Stresstest präsentiert.

"Am Stresstest wird Stuttgart 21"

Der Ärger der Projektgegner entzündet sich daran, dass sie in ihren Augen am Stresstest kaum mitwirken konnten. Sie hätten nicht mitreden dürfen als festgelegt wurde, wie Fahrpläne, Haltezeiten oder Anschlussverbindungen simuliert werden. Schon gar nicht hätten sie Daten erhalten, um selbst Verspätungen und Fahrpläne vom Computer durchrechnen zu lassen. "Wir werden das Ergebnis des Stresstests mit Sicherheit nicht anerkennen können", sagt Frieß, was in gewisser Weise mit dem kollidiert, was Rockenbauch wenig später feststellt: "Am Stresstest wird Stuttgart 21 scheitern!" Weil er nicht dazu da sei, das Projekt zu verbessern.

Bahn-Pojektsprecher Wolfgang Dietrich schimpft fünf Minuten lang ohne Luft zu holen über die Aussagen der Gegner. "Abenteuerlich" und eine "richtige Sauerei" seien die Vorwürfe. "Ja, der Geist ist verloren", sagt er. An der Bahn liege das aber nicht. "Wir haben doch schon im Februar das Aktionsbündnis zum Dialogforum eingeladen." Dort hätten sie über die Grundannahmen des Stresstests reden können. "Aber die haben abgelehnt zu kommen."

Der Wirbel um Hermann

Außerdem wüssten die Gegner bestens über die Testergebisse Bescheid. "Auf deren Internetforen finden Sie alle Berichte. Die wissen mehr als ich." Dennoch habe die Bahn am Donnerstag ihren Abschlussbericht zum Stresstest auch dem Aktionsbündnis zuzuschicken, um "möglichst große Transparenz zu schaffen".

Über das Scheitern oder Nichtscheitern hatte es in den vergangenen Tagen einige Konfusion gegeben, sogar der Rücktritt des grünen Verkehrsminister Winfried Hermann wurde gefordert. Die "Berliner Zeitung" und die "Frankfurter Rundschau" hatten ihn zitiert, der Stresstest werde "wohl nicht scheitern". Hermann betonte jedoch anschließend im SWR, der Landesregierung lägen "keinerlei Materialien" zum Stresstest vor. Natürlich sei er informiert gewesen, konterte die Bahn, und das "Umfeld der Bahn" bestätigte: Ja, der Stresstest sei bestanden. Der SWR verbreitete kurz darauf, das als letzte Instanz beauftragte Schweizer Gutachterbüro SMA stelle durchaus Mängel fest. Also: Nicht bestanden, jedenfalls nicht mit 1,0. Was denn nun? "Alle Fakten auf den Tisch" sieht anders aus.

Das Aktionsbündnis jedenfalls sieht in der Bahn wieder – wie vor der Schlichtung - den bösen Buben. Der Konzern habe "unnötig eskaliert" und sich "nicht in die Karten schauen lassen", sagt Klaus Arnoldi vom Verkehrsclub Deutschland (VCD). Völlig ausgeschlossen sei es, das Testergebnis, an dem ein vielköpfiges Expertenteam monatelang gearbeitet habe, während der bahneigenen Präsentation zu analysieren. Drei Wochen brauche man mindestens dafür, nicht nur sechs Stunden. Am liebsten wollen die Kritiker die Gutachter aus der Schweiz dabeihaben. Auch diese Klage lässt Bahn-Mann Dietrich nicht gelten. Hermann sei mit dem Termin 14. Juli, 16 Uhr einverstanden gewesen. "Auch die Bahn hat nur drei Tage Zeit, das Gutachten der SMA zu lesen", sagt Dietrich: "Vielleicht ein paar Stunden mehr als die anderen."

Und überhaupt: Der Stresstest sei nicht Idee der Bahn. "Wir sehen uns in der Rolle des Auftraggebers", sagt Arnoldi. Schließlich hätten die Kritiker durchgesetzt, dass der Test gemacht wird. Damals, beim Faktencheck unter Geißler, als noch der Geist herrschte, den sie jetzt so vermissen.


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