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Wahlkampf in Hamburg: Frierende Millionäre und fröhliche Linke

Auftritt Gregor Gysi: Zwei Tage nach Bekanntwerden des Falls Zumwinkel hat der Chef-Linke eine diebische Freude daran, die angebliche Gier der Manager anzuprangern. Etwas Besseres hätte seiner Partei nicht passieren können.

Von Sebastian Christ

Was bisher geschah: Die Hamburger Linke zeigte sich in den ersten Wochen des Wahlkampfs drollig bis harmlos. Am Mittwoch schickte sich eine niedersächsische Landtagsabgeordnete der Linksfraktion sogar kurzfristig an, die Kampagne des hanseatischen Schwesterverbands in Staub und Matsch zu treten - weil sie die Stasi eigentlich ganz sinnvoll fand. Dann kam Klaus Zumwinkel angestakst, trat die Flasche mit dem Antikapitalismusgeist um, und einige deutsche A- B- und C-Promis werden wohl noch polonaisenhaft durch die Scherben hinterher paradieren. Jetzt schimpfen alle wieder über die angebliche Gier der Manager. Gregor Gysi hat seine helle Freude daran.

Heimspiel in Altona

Er steht an diesem Samstagmorgen auf der Großen Bergstraße im Hamburger Bezirk Altona, links neben ihm ein heruntergekommener Betonklotz aus den 70-ern, der früher mal ein Kaufhaus war. Einige Medienvertreter sind gekommen, aber auch viele Menschen, die bisher vom Aufschwung in Deutschland nicht profitieren konnten. Ein fast schon gewonnenes Heimspiel für ihn. Er soll Schützenhilfe für den meist etwas ungelenk agierenden Landesverband leisten.

"Es ist ja ein wenig frisch an diesem Wochenende geworden, und einigen Leuten in Blankenese dürfte jetzt auch ein wenig kälter werden", spottet der Chef-Linke mit Bezug auf die laufenden Ermittlungen wegen des Verdachts auf Steuerhinterziehung gegen Hunderte Deutsche, die ihr Geld nach Liechtenstein transferiert hatten. "Wenn die Staatsanwaltschaft jetzt konsequent ist, werden bald einige nette Villen frei werden."

Begnadeter Rhetoriker

Später fällt ihm der Name Zumwinkel noch einmal ein, und es überkommt ihn regelrecht, seine Stimme wird laut und heftig. "Der verdient Millionen, und als er den Job bei der Post angenommen hat, da war der schon mehrfacher Millionär. Und für noch eine Million mehr geht der zum Bescheißen strafbare Wege, wenn der Verdacht stimmt. Und Tausende andere mit ihm." Gysi holt kurz Luft. "Ich möchte jetzt gerne wissen, wer jetzt alles zittert in seiner Villa, weil er ein Konto in Liechtenstein hat. Zeigt euch doch bitte wenigstens heute an, geht einen Schritt der Ehrlichkeit, damit wir wieder eine Struktur in dieser Gesellschaft haben, und nicht nur diese Maßlosigkeit, wie jetzt in der Gegenwart."

Langer Applaus, Jubel, Trillerpfeifen auf der Großen Bergstraße. Er hat es wieder zum Schwingen gebracht, das innere Ungerechtigkeitsorgan der Menschen. Mit einfachen Sätzen - frei von Politiker- und Intellektuellendeutsch - schafft er es, dass sich unzählige Menschen von ihm angesprochen fühlen. Gysi ist eines der größten rhetorischen Talente der Bundespolitik. Von seinen Hamburger Genossen kann man das nicht gerade sagen.

Hamburger Wirrsinn und Gestotter

Die Hamburger Spitzenkandidatin Dora Heyenn war die Vorrednerin von Gysi. Sie stand auf der Ladefläche des Mietlasters, und man hatte bei ihr das Gefühl, als sei ihr größter Wahlkampfgegner die noch verbleibende Redezeit bis zum 24. Februar. Immer wieder Aussetzer, Versprecher, Schachtelsätze. Vorgestanzte Phrasen aus den sozialistischen Redebaukasten: "Kinder werden definiert über die Geldbörse ihrer Eltern." Oder: "Hartz IV ist staatlich verordnete Armut". Einmal stutzten selbst die Genossen, als Heyenn über die Abschaffung von Studiengebühren redete: "Die Universitäten haben früher auch ohne Studiengebühren gut funktioniert". "Nein, haben sie nicht", murmelte ein Punk.

Ihr Parteikollege und Bundestagsabgeordnete Norman Paech sagte, dass in Hamburg Kriege geplant und organisiert würden. Er meinte damit den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr. Außerdem führte er aus, dass der Westen verantwortlich sei für die Zersplitterung Serbiens. Die Unabhängigkeitsbestrebungen des Kosovo verglich er völkerrechtlich mit angeblichen separatistischen Bestrebungen auf den Balearen. "Mallorca würde doch auch liebend gern der Bundsrepublik beitreten". Und darf es trotzdem nicht, weil die Insel integraler Bestandteil Spaniens sei.

Einer gegen die Großen

Kein Wunder, dass in den heißen Wahlkampfphasen jeder Westverband der Linken auf die prominente Doppelspitze Gysi/Lafontaine baut. Auch, wenn sie bei ihren Auftritten fast nur über Bundesthemen reden.

Gysi donnerte an diesem Morgen nach Herzenslaune los. Trotz eisiger Temperaturen fetzte er gegen alles, was seiner Meinung nach nicht funktioniert: Bildungspolitik, Rente, Hartz IV oder sein Mikrofon ("Ist das DDR-Technik?"), egal.

Am meisten freut er sich jedoch, wenn er merkt, dass die anderen sich nicht so sehr freuen. Nämlich die etablierten Parteien im Bundestag. "Durch die Wahl der Linken ist die ganze Wirrnis im Bundestag erst anstanden, und das gönne ich den anderen Parteien auch." Das ist seine Rolle: die Großen zu ärgern. Und in einer Zeit, in der sich das deutsche Establishment selbst zu zerlegen droht, läuft Gysis Geschäft quasi wie von selbst.

  • Sebastian Christ