HOME

Widerstand gegen Castortransport: Blockadeparty vor Gorleben

Im Wendland rockt der Widerstand gegen Atomkraft. Mehr als 1000 Aktivisten sind in der Nacht zum Montag auf der Straßenblockade vor Gorleben und machen Party.

Von Manuela Pfohl, Gorleben

Blockadenacht vor Gorleben. Mehr als 1000 Castorgegner haben seit Stunden die Straße besetzt, über die der Castorzug irgendwann rollen soll. Noch ist er weit weg. Keine Polizei macht den Blockierern ihren Platz auf der Straße streitig. Die Stimmung bei den Aktivisten ist gut und die Musik auch. Durch die Dunkelheit des Waldes links und rechts dröhnen die Bässe. Lichtkegel blitzen in den Himmel. Wer nicht schon in den Schlafsack gekrochen ist, oder es sich auf den Strohballen gemütlich gemacht hat, die die Bauern vorhin gebracht haben, steht vor dem Lautsprecherwagen und tanzt. Party. Zumindest an diesem Ende der Blockade.

Weiter vorn, dort, wo die Polizei ihren Scheinwerfer aufgebaut hat und hinter einer Absperrung das Treiben der Widerständler beobachtet, wird schwer gearbeitet. Eine Gruppe Helfer aus der Umgebung ist damit beschäftigt, immer wieder Stullen zu schmieren, Kaffee und Punsch zu kochen, Tassen und Teller abzuwaschen und für Nachschub an der Versorgungsfront zu sorgen. Blockadelogistik, die die Polizisten neidisch machen muss. Denn die Verpflegung der Beamten kann mit der üppigen Versorgung der Protestierer nicht mithalten.

Ein Stückchen vom Versorgungszelt entfernt, hinterm Lagerfeuer sitzt derweil eine Gruppe im Kreis. Aktionstraining. Wie gehe ich mit einer Räumung um und mit den Polizisten, die mich wegschleppen werden. Fragen, die geklärt werden müssen. Denn spätestens Montagfrüh wird es soweit sein. Rückt der Castorzug näher wird die Blockade aufgelöst.

Die hochoffizielle dritte und damit letzte Räumungsaufforderung der Polizei kam schon vor Stunden, gegen 16. Uhr. "Bitte verlassen Sie die Straße vor Gorleben", hatte der Einsatzleiter ins Megafon gerufen. "Eine Versammlung im Bereich des Castortransportweges ist nicht erlaubt." Die Leute auf der Straße hatten "Ja, ja" gesagt und sich ansonsten nicht weiter um die Ansage gekümmert. Warum auch. "Ist schließlich eine Sitzblockade", meint ein Mädchen kopfschüttelnd, das es sich auf einem Strohsack mitten auf der Straße bequem gemacht hat. Die Castorgegner richten sich auf länger ein - und offenbar hat auch die Polizei selbst wenige Ambitionen, zu diesem Zeitpunkt schon zu räumen. 17 Uhr ist erstmal Schichtwechsel. "Dann sehen wir weiter", erklärt der zuständige Beamte den Umstehenden.

Gewalt gibt es anderswo

Initiator der Blockade ist das Bündnis "X-tausendmal quer", das schon im vergangenen Jahr hier vor Gorleben zur Blockade aufgerufen hatte. Auf Zoff mit der Polizei sind die Aktivisten nicht eingestellt. "Wer mit uns blockiert, hat sich auf einen Aktionskonsens verpflichtet. Dazu gehört, auf jede Gewalt zu verzichten, keine Menschen zu verletzen und die einzelnen Polizisten als Menschen achten, auch wenn ihr Handeln kritisierbar ist", erklärt Luise Neumann-Cosel, eine der Sprecherinnen der Initiative. Über Radio freies Wendland kommt am frühen Abend die Einladung: "Wer sich diesem Aktionskonsens anschließt, ist herzlich zu unserer Sitzblockade eingeladen. Wir sind gekommen, um zu bleiben, und wir können jede Unterstützung gebrauchen."

Irgendwann an den nächsten 24 Stunden soll hier der Castorzug lang kommen. Bis zum Zwischenlager Gorleben sind es nur noch ein paar Kilometer. Für ihn ist es die letzte Hürde, die er nehmen muss, ehe die elf Castoren eingelagert werden können. Für die Castorgegner eine der letzten Chancen, ihn aufzuhalten - und für einige auch die Gelegenheit, sich nach dem Stress der vergangenen Aktionen mal auszuruhen. Denn nach der Blockade ist vor der Blockade. Alte Wendlandweisheit, die auch in diesem Jahr ihre Gültigkeit hat. Und deshalb hatten die Strategen des Widerstands gegen den Atommülltransport schon am Samstag nach der Großdemo in Dannenberg zu den ersten Blockaden aufgerufen. Schienesitzen bei Harlingen beispielsweise.

Hauptfeind ist der Regen

Einige tausend Leute waren dem Aufruf gefolgt und hatten sich im Wald niedergelassen. In der Nacht gab es die Räumung. Mit Widerstand. Rund 1300 Blockierer landeten schließlich in einem Polizeikessel mitten in der Pampa. Erst nach Sonntagmittag begann die Polizei die Eingeschlossenen frei zu lassen - mit dem Hinweis, dass die Aktivisten ab sofort ein Aufenthaltsverbot für die Castortransportstrecke haben. Für eine Truppe aus Bremen kein Grund, nicht sofort die Rucksäcke zu schultern und sich auf den Weg nach Gorleben zu machen. Mit Wanderkarte und Wendlandlogistik, die die Castorgegner in beinahe jeder Lebenslage unterstützt und auch der Bremer Truppe eine Mitfahrgelegenheit in einem abenteuerlichen Kleinbus bescherte.

Kurz vor 19 Uhr waren sie an der Straße vor Gorleben angekommen - um wieder zu blockieren. Mitten im Platzregen, der die Straße in eine Badewanne verwandelte und die Polizisten in ihre Einsatzwagen trieb. Vorbei. Jetzt, kurz vor 23 Uhr trocknen die Klamotten am Lagerfeuer, die heiße Kürbissuppe wärmt die Hände und die Geschichten von den Aktionen der anderen Castorgegner im Wendland machen gute Laune. Es ist ein bisschen wie beim Pfadfinderausflug. Mal sehen, was noch kommt.

Themen in diesem Artikel