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Wulff soll Bundespräsident werden: Nicht unbedingt Merkels Mann

Christian Wulff ist der Idealtyp eines bürgerlichen Präsidenten: charmant, gut aussehend, kompetent. Dennoch wird er der Kanzlerin nicht nur Freude bereiten.

Ein Kommentar von Hans Peter Schütz

Die Gesellenprüfung zum Bundespräsidenten hat er brillant bestanden. Küsschen links, Küsschen rechts für Lena, nachdem sie Europas Herz erobert hatte und wieder in Hannover ankam. Christian Wulff gab - was er besser als jeder andere Spitzenpolitiker beherrscht - den perfekten Strahlemann. Mal was Neues im höchsten Staatsamt.

Ein Mann mit Seitenscheitel-Charme, wie er in der deutschen Politikszene unerreicht ist. Ein Mann, der nach öffentlicher Anerkennung zu lechzen scheint. Einer, der Leerstellen im Terminkalender hasst. Und jemand, der sehr genau weiß, dass er bei den Menschen ankommt. Liebling aller Schwiegermütter wird er seit langem genannt. Er verlor diesen Ruf nicht einmal, als seine erste Ehe an einer neuen Liebschaft scheiterte. Und wer wollte bestreiten, dass Wulff nicht auch schon als Ministerpräsident in Niedersachsen präsidialen Charme versprüht hat?

Auf der Lauer überleben

So einer passt schon ins bürgerliche Bild eines Präsidenten. Und ebenso in den theoretischen Rahmen unserer Verfassung. "Mir fehlt der unbedingte Wille zur Macht und die Bereitschaft, dem alles unterzuordnen", hat er dem stern einmal gestanden. Die Republik staunte, dass er sich öffentlich von Ambitionen auf das Kanzleramt distanzierte. Das sei ja wohl nur das Tarnmanöver eines Mannes, der unverändert auf den Sturz der Kanzlerin lauere, lautete eine gängige Interpretation.

Es war indes eher ein Stück Ehrlichkeit zu sich selbst. Der Mann hat bereits 32 Jahre Politik hinter sich. Er war schon alles, was man unterhalb der Kanzlerschaft als Politiker sein kann. Der Posten eines Bundesministers unter der Knute einer Kanzlerin Merkel? Das wollte er nicht, nicht einmal geschenkt. Kronprinz war er lange genug und seit dem Abgang von Roland Koch und dem Einbruch von Jürgen Rüttgers sogar derjenige, der als Einziger in der Lauerposition unbeschädigt überlebt hatte.

Kritik an Merkels Profillosigkeit

Was hätte er in absehbarer Zeit noch werden können? Der Gedanke an weitere zehn Jahre als Ministerpräsident bereitete ihm gewiss keinen Lustgewinn. Systematisch hat er den Ausstieg vorbereitet und den Absprung jetzt gewagt. Mit Merkel pflegte er zu sagen, sei eine Tandemlösung nicht möglich, kreative Mitspieler dulde sie neben sich nicht. Und Wulff hatte, wie man vielfach bei ihm erkennen konnte, die Schnauze voll, wie er selbst zuweilen schimpfte, von einem CDU-Präsidium, in dem die Vorsitzende jedes Risiko mied, mit offenem Ergebnis zu diskutieren. Die überraschende Chance, sich an einer völlig neuen, protokollarisch überragenden und politisch unabhängigen Position zu etablieren, nutzte er konsequent.

Dieser Christian Wulff wird als Bundespräsident bella figura machen. Kein Zweifel. Aber mit Sicherheit wird er nicht damit zufrieden sein, sich mit der Rolle des Staatsoberhaupts selbst gekrönt zu haben. Ihn prägt bis in den letzten Winkel seiner politischen Seele tiefes Misstrauen gegen Angela Merkel. Aus seiner Sicht macht sie nie auch nur den geringsten Versuch, die Inhalte der Volkspartei CDU durchzufechten. Unter ihr sei das Profil der Partei zur Unkenntlichkeit verkommen.

Ein Profi bei vielen Themen

Der neue Präsident ist thematisch auf so gut wie allen politischen Sachfeldern ein Profi, von der Wirtschafts- bis zur Sozialpolitik. Es ist auch kein Zufall, dass so gewichtige Nachwuchstalente wie Ursula von der Leyen oder Eckhart von Klaeden aus der niedersächsischen CDU kommen. Wulff kennt alle politischen Spielregeln. Er wird sich ihrer mit Sicherheit im Präsidentenamt auf der Verfassung angemessene Art bedienen. Er wird dort sehr bald sehr wahrnehmbar sein. Und nicht immer zu Merkels Wohlgefallen.