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Wulffs Großer Zapfenstreich: Er hat ihn nicht verdient

Ein pompöser Abschied soll es für den Ex-Bundespräsidenten Wulff sein - mit Blasmusik und Fackelzug. Eine Spree-Schifffahrt wäre die angemessene Alternative.

Ein Kommentar von Hans Peter Schütz

Wir geben zu: Sehnsucht nach Gustav Heinemann macht sich in unseren Herzen breit beim Gedanken daran, dass sich diesen Donnerstag der Kurz-Bundespräsident Christian Wulff mit dem Tschingderassabum eines Großen Zapfenstreichs in "Würde" aus seinem Amt verabschieden lässt, dem er seine Würde weithin genommen hat. Und dafür wird ihm auch noch mit Nationalhymne und Fackelschein gedankt.

Ein Abschiedszeremoniell, das sich ein Mann mit Splitterrestchen von Rückgrat verboten hätte. Ein Zapfenstreich, der in Wirklichkeit ein Spießrutenlauf ist, untermalt auch noch von vier statt der üblichen drei Musikstücke. Eine absurde Veranstaltung. Welche Ehre hat ein Kurzzeit-Präsident dem höchsten Staatsamt gemacht, den man dort einen Lügner nennen durfte, der ein Abzocker von Staatsknete ist. Denn natürlich ist Wulff nicht aus "politischen" Gründen aus dem Amt gekippt, sondern aus juristischen. Er rannte davon, vor der eigenen Verantwortung, als die Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren gegen ihn eröffnete.

Heinemanns Rheinfahrt

Da lohnt der nostalgische Rückblick auf den ehemaligen Bundespräsidenten Heinemann. Nein sagte der zum Angebot eines Großen Zapfenstreichs, den er dank seiner honorigen Amtsführung sehr wohl verdient gehabt hätte. Er lud seine Freunde zum Abschied auf ein Rheinschiff und fuhr mit ihnen flussabwärts. Das war ein glaubwürdiger Abschied. Denn Heinemann hatte die Wiederbewaffnung der Bundeswehr politisch stets abgelehnt. Blinkende Stahlhelme wollte er auch am Ende seiner Amtszeit nicht sehen, schon gar nicht zu den Klängen der Nationalhymne.

So gesehen muss auch Christian Wulff eine gewisse Konsequenz beim Abschied bestätigt werden. Er beschädigt das würdelos geführte Amt noch einmal durch einen würdelosen Abgang. Dass die vier Amtsvorgänger sich der Anwesenheit bei diesem Spektakel verweigern – damit allein machen sie sich um ihr Altersruhegeld verdient. Und Bewunderung verdient auch der maulflinke FDP-Generalsekretär Döring, dem die schöne Erklärung eingefallen ist, er habe "Gott sei Dank" anderes zu tun, als zu diesem Zapfenstreich zu gehen. Der beste politische FDP-Zwischenruf seit langer Zeit. Denn wer nicht zum Wulff-Zapfenstreich kommt, leistet staatspolitisch wertvolle Arbeit: So wird der Beschädiger des höchsten Staatsamtes wenigstens indirekt in die Verantwortung genommen.

Abschied als Mahnung

Der angemessene Abschied für Wulff sollte - Verzeihung, Gustav Heinemann - wie folgt stattfinden: In Form einer Spree-Schifffahrt mit Wulffs Freunden an Bord. Es könnte daher ein kleines Schiffchen sein. Mit einem Platz für den CDU-Abgeordneten Peter Hintze, der Wulff noch verteidigte, als längst nichts mehr zu verteidigen war. Und einem Plätzchen für Angela Merkel, damit noch einmal alle sehen können, wer der Bundesrepublik diesen Präsidenten aus machtegoistischen Gründen aufgezwungen hat. Solch ein Abschied wäre angemessen und wäre eine Mahnung für alle Zeiten.