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Zum Tod von Thomas Schäuble: Das Ländle, der Wolfgang und die Politik

Thomas Schäuble, der an diesem Freitag verstorben ist, gab unserem Autor Hans Peter Schütz für eine Buchrecherche ein sehr persönliches Interview. stern.de veröffentlicht Auszüge.

Herr Schäuble woran lag es, dass Sie und ihr Bruder Wolfgang in die Politik gingen?
Wolfgang war ja schon als kleiner Bub im politischen Geschäft aktiv. Mit zehn, zwölf Jahren hat er unseren Vater auf dessen Veranstaltungen als ehemaliger Landtagsabgeordneter begleitet und ihm das Aktentäschchen getragen. Ich selbst kam einiges später ins politische Fahrwasser. Ich habe allerdings meine Freizeit nicht bei der Jungen Union verbracht wie der Wolfgang.

Hat der Vater Sie in eine bestimmte politische Richtung gedrängt? Alle drei Jungs studierten Jura, gingen in die Politik und wurden CDU-Politiker.
Unser Vater war das große Vorbild für uns drei Burschen, sonst hätten wir uns bestimmt anders orientiert. Bei uns zuhause ist unglaublich politisiert worden, und unser Vater hatte enorm viel Spaß dabei. Unsere Mutter ist manchmal schier verzweifelt, weil immer nur Politik, Politik, Politik das Thema war. Das hatte auch Vorteile: In der Schule musste ich im Fach Gemeinschaftskunde nie etwas lernen, denn ich habe alles schon gewusst, was da zum Stoff gehörte. Schon in der Sexta konnte ich auf Anhieb en Detail erklären, was ein Bundesratspräsident ist.

Würden Sie sagen, Ihr Vater hat Sie und Ihren Bruder politiksüchtig gemacht?
Ich war sehr gern politisch aktiv, aber süchtig nach Politik war ich nie. Beim Wolf wage ich das Wörtchen politiksüchtig.

Wie hat der Vater den Söhnen beigebracht, worauf es im Leben ankommt? Bei einer Drei in Mathematik soll er geschrieen haben: Vom Durchschnitt haben wir genug?
Ach, das war nur bei mir der Fall. Ich hatte eine Drei geschrieben, der Klassendurchschnitt betrug 3,2.

Und wie war der Wolfgang als Schüler?
Der Wolf konnte schon in der Schule rechnen wie ein guter Finanzminister es können muss. Er hatte daher auch immer die Ehre dem Mathelehrer das große Lineal und den Zirkel nachtragen zu dürfen. Er hat sogar eine zeitlang darüber nachgedacht, ob er nicht Mathematik studieren solle.

Wer von ihnen drei hatte den größten Ehrgeiz?
Der Wolf. Das war eindeutig. Mit weitem Abstand lag er beim Ehrgeiz vor uns. Das war unglaublich. Er wollte immer der Beste sein. Anderen zuzusehen oder zuzuhören, die auch gut waren, fiel ihm stets unheimlich schwer.

Fehlt Ihrem Bruder der Lebenssinn, wenn er nicht mehr Politik machen könnte?
Das hoffe ich nicht. Seine Interessen an Kultur, Musik und Geschichte sind ja breit gefächert. Und er ist unglaublich belesen, literarisch sehr interessiert. Mit Martin Walser pflegt er enge Kontakte. Und er ist seit Jahren Vorsitzender der Freunde des Festspielhauses Baden-Baden, als Nachfolger von Lothar Späth. Das wird ihm helfen, wenn nicht mehr die Politik im Zentrum seines Lebens steht.

Ist Ihr Bruder eigentlich fasziniert vom politischen Geschäft?
Derzeit konzentriert er sich ganz besonders auf seine Aufgabe einer Sanierung der europäischen Wirtschafts- und Finanzpolitik, die ihn vermutlich manchmal zur Verzweiflung bringt. Aber im Grund genommen ist er auch sichtbar fasziniert. Mir sagt er, dass er sich sehr gerne mit Christine Lagarde, der IWF-Präsidentin, unterhält. Bei ihr schmilzt er. Sie ist die Einzige, die ihn im Rollstuhl schieben darf, außer seiner Frau. In Europa und Brüssel gefällt ihm vieles besser als in Berlin.

Gibt es etwas, was Sie als Konsequenz aus dem politischen Leben des Bruders für sich selbst gezogen haben?
Ich habe ihn bewundert. Ein Teil meines Verdrusses über Kohl war auch, dass ich viele Bundespolitiker persönlich sehr gut kannte. Mir war immer klar, Wolf ragt aus diesen Leuten heraus und er ist besser.

Wie hat das Attentat Ihren Bruder verändert?
Ich fand ihn nach dem Attentat eher zugänglicher als vorher. Das ist vermutlich darauf zurückzuführen, wie unheimlich er sich gefreut hat, dass seine große Familie zu ihm stand, als er lernen musste, im Rollstuhl zu leben. Aber in anderer Hinsicht – das habe ich aber nie persönlich erlebt – ist er härter geworden. Ich hatte viele Jahre später eine Begegnung mit Hans Jochen Vogel, der mal gesagt hatte, der Rollstuhl habe meinen Bruder bitter gemacht. Da hat er mir gestanden, die harsche Reaktion meines Bruders auf diese Bemerkung belaste ihn heute noch, es tue ihm so leid, dass er das gesagt habe.

Weshalb waren die Tränen, die Kohl im Krankenhaus in den Augen hatte, für Sie fragwürdig?
Ich habe den Satz so gemeint, wie ich ihn gesagt habe: Kohl könne offenbar jederzeit auf Abruf weinen. Ich bin in dieser Frage allerdings anderer Meinung als Wolfgang und Ingeborg.

Weshalb haben Sie Anfang 2000, nachdem ihr Bruder wegen der CDU-Spendenaffäre vom CDU-Vorsitz hatte zurücktreten müssen, gesagt: "Ich verabscheue Helmut Kohl. Und da kann ich für die ganze Familie sprechen"?
Das geschah im Zusammenhang mit den enttäuschenden Ereignissen in der Nacht des Attentats. Ich war auch im Jahr 2000 immer noch sehr enttäuscht, dass Helmut Kohl damals der Öffentlichkeit quasi stündlich vorgespielt hatte, wie er sich sorge um Wolfgang. Dabei hat er auch damals meine Schwägerin nicht mal angerufen. Im Jahr 2000 kamen dann die anderen schäbigen Dinge hinzu, als der Wolfgang in der Schreiber-Affäre einen Fehler gemacht und zu spät über eine Geldspende dieses dubiosen Lobbyisten informiert hatte. Da zeigte Kohl jedenfalls nicht einen Funken Loyalität gegenüber meinem Bruder, der ihm bis dahin immer in äußerster Loyalität zugearbeitet hatte und dem er letztlich auch dankte, dass er alle Krisen seiner Kanzlerschaft politisch überlebt hatte.

Wie war die Reaktion ihres Bruders in dieser Sache?
Zunächst war die gar nicht gut, das lag aber daran, dass ihm und seiner Frau natürlich klar war, dass ich mit meinen Worten das Tischtuch zwischen Kohl und der Familie Schäuble endgültig zerschnitten hatte. Diesen Schritt hatte Wolfgang sich eigentlich selbst vorbehalten.

Wie bewerten Sie es, dass Angela Merkel ihren Bruder in der Frage des neuen Bundespräsidenten nicht ernsthaft durchsetzen wollte und dann auf Horst Köhler setzte?
Ich weiß jedenfalls aus Äußerungen meines Bruders, dass er diese Sache Angela Merkel übel genommen hat. Aber ich glaube bei dieser schlimmen Geschichte der nicht geglückten Präsidentenwahl spielte der Edmund Stoiber noch eine mindestens gleichrangig negative Rolle. Der hat noch am Morgen des Tages der Entscheidung bei Wolfgang angerufen und ihn gefragt, ob er stehe und eventuell auch zu einer Kampfabstimmung bereit sei. Wolfgang antwortete ihm, wenn Sie auch stehen und bereit sind, bin ich's auch. Wegen dieser Geschichte betrachtet er heute den Stoiber mindestens ebenso kritisch wie die Angela Merkel.

Können Sie sich vorstellen, dass ihr Bruder zu Ministerpräsident Erwin Teufel auch mal - wie Sie -gesagt hätte: "So ein Scheiß!"
Mit Ausnahme von Mayer-Vorfelder, der war härter zu Erwin Teufel, war ich der Einzige, der irgendwann noch ein offenes Wort wagte am Kabinettstisch Teufels. Ich habe etwa beim Projekt der Verwaltungsreform zu ihm gesagt: "Erwin, kennst Du jemanden außer dir, der sagt, das ist alles richtig?" Dass mir vielleicht auch einmal das von Ihnen genannte Zitat rausgerutscht ist, mag ich nicht bestreiten.

Warum sind Sie aus der Politik ausgestiegen? Sie waren lange Minister und hätten es bis zum Ministerpräsidenten in Stuttgart schaffen können. Nun sind Sie Bierbrauer.
Ich wollte Erwin Teufel nicht stürzen. Man hätte es können und den Günther Oettinger verhindern können. Aber ich habe dann irgendwann nicht mehr die innere Ruhe gehabt, das durchzuhalten. Ich bin nach Rothaus gegangen, weil ich mir sagte, ich höre auf jeden Fall mit der Politik auf. Die Überlegung, keinen Chef zu haben und sehr gut zu verdienen, dies hat dabei auch eine Rolle dabei gespielt.