Zwischenruf Der Freund dem Freunde


19 Intellektuelle und Künstler solidarisierten sich mit der Irakpolitik des Kanzlers - dahinter verbirgt sich ein altes Netzwerk Gerhard Schröders. Aus stern Nr. 11/2003

Politische Interventionen von Intellektuellen zeichnen - sofern sie einer Überzeugung dienen und keinem Herrn - drei Eigenschaften aus: Mut, Wahrhaftigkeit und Unabhängigkeit. Der wohl berühmteste Fall ist der des französischen Schriftstellers Emile Zola, der 1898 mit seiner Streitschrift "J'accuse" ("Ich klage an") die Dreyfusaffäre zum öffentlichen Skandal machte - und sich seiner Verhaftung nur durch Flucht nach England entziehen konnte. In Deutschland zogen sich 18 Atomphysiker, darunter Otto Hahn und Werner Heisenberg, den Zorn der Kalten Krieger zu, als sie im April 1957 mit ihrer "Göttinger Erklärung" für den Verzicht der jungen Republik auf Atomwaffen stritten. Sie setzten ihre Karriere aufs Spiel - und gingen in die Geschichtsbücher ein.

In Zeiten medialen Geklingels mit plattem Bekennertum ist vieles anders: Mut, Wahrhaftigkeit und Unabhängigkeit rangieren ganz oben auf der roten Liste aussterbender Eigenschaften. Besonders lehrreich ist in dieser Hinsicht die jüngste Solidaritätsadresse von 19 Künstlern und Intellektuellen mit der Irakpolitik des Kanzlers. "Die Gründe, aus denen dieser Krieg geführt werden soll, sind uns nicht einsichtig", heißt es da in durchaus mäßigem Deutsch: "Gerhard Schröder hat es als erster europäischer Regierungschef auf sich genommen, vor diesem Krieg zu warnen." Unterzeichnet haben unter anderem Günter Grass, Marius Müller-Western-hagen, Jürgen Flimm, Manfred Bissinger, Peter Rühmkorf und Hark Bohm.

Die Sättigungsbeilage differierte

Wer sein Gedächtnis ein wenig anstrengt, der erinnert sich daran, diesem Freundschaftsring bei anderer Gelegenheit schon einmal begegnet zu sein. Vergangenen Juni - Flut und Irakdebatte hatten Schröders siechenden Wahlkampf noch nicht beseelt - erschien eine ganzseitige Anzeige in der "Süddeutschen Zeitung" und warb aufs intellektuell Feinste: "Zweite Halbzeit für Gerhard Schröder" und "Geben wir ihm unser Kreuz". Das allerdings trug er damals längst, und er trägt es noch heute. Denn als "Bürger für Schröder" unterzeichneten unter anderem die Herren Grass, Müller-Westernhagen, Flimm, Bissinger, Rühmkorf und Bohm. Das Beef also war in beiden Fällen identisch, nur die Sättigungsbeilage differierte. Im Friedensfall wurde das Menü durch Peter Sloterdijk und Martin Walser veredelt, beim Wahl-Fußball durch Senta Berger und Hannelore Elsner aufgehübscht.

Die Spuren der Amigos

Verfolgen wir die Spuren der Amigos auf der Zeitachse des Kanzlers noch weiter zurück, bis zu deren Anfang, so stoßen wir auf jene konspirative Findungskommission, die dem allseits geduzten Gerd in trauter Runde seinen ersten Kulturstaatsminister ausguckte: Michael Naumann. Den Pop-Krösus Müller-Westernhagen hatte man seinerzeit schon weitsichtig in den intellektuellen Olymp adoptiert, um die Ausstrahlung der alten Herren in die jüngere Generation zu verlängern. Nicht mal drei Jahre später, im April 2001, überreichte Schröder seinem Marius höchstpersönlich das Bundesverdienstkreuz am Bande und pries ihn als "genialen Künstler". Der Instant-Rebell war so gebauchpinselt, dass er die Hand, die ihm den Orden schenkte, noch heute küsst. Und nur allzu gern an den abendlichen Rotweinrunden teilnimmt, zu denen der Kanzler in überschaubaren Abständen die Grassens, Flimms, Rühmkorfs, Bohms und Bissingers (und drumherum wechselnde Sättigungsbeilagen) nach Berlin lädt.

Die "uneingeschränkte Solidarität" mit den USA (kritisch), später das Nein zum Irakkrieg (lobend) waren da stets große Themen. Wolf Lepenies berichtete schon im März 2002 in der "Süddeutschen Zeitung" aus der Runde: "Stellvertretend für das blockierte Europa den USA gegenüber ein alternatives Sicherheitsdenken zu entwickeln, ist - so scheint es Gerhard Schröder zu sehen - ein deutscher Sonderweg, den jetzt zu gehen sich lohnt." Keineswegs aus purem Zufall schloss der Kanzler am 21. Januar in seiner Goslarer Wahlkampfrede deutsche Zustimmung zu einer Kriegsresolution aus - am Vorabend hatte ihn die Tafelrunde dazu gedrängt. Manfred Bissinger, der schon lange an Schröders historischer Überhöhung schnitzt, schlug den Freund im "Hamburger Abendblatt" prompt für den Friedensnobelpreis vor.

Der unbefangene Leser freilich nimmt dies alles für bare Münze intellektueller Redlichkeit. Wie soll er auch ahnen, dass es hier um Freundschaftsdienste geht, vorgetragen in brennender Sorge um die Menschheit? Wenn das öffentliche Wort zur Schamlosigkeit wird, ist es ein Gebot des Anstands zu schweigen.

Hans-Ulrich Jörges print

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