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Zwischenruf: Guido Schmetterling

Endlich bekennt sich Guido Westerwelle öffentlich zu seinem Schwulsein - eine Geste, deren politische Wirkung weit unterschätzt wird. Aus stern Nr. 32/2004.

Ein kleines Signal eines noch kleinen Politikers einer ewig kleinen Partei: Guido Westerwelle bekennt, dass er schwul ist, und zeigt sich öffentlich mit seinem Partner. Mit sommerlicher Leichtigkeit ist das durch den Blätterwald gerauscht, wie ein Lufthauch im Birkenhain. Gewisper. Blicke. Achselzucken. Was ist das schon nach Wowereit und Beust? Es ist viel mehr als das, was im einschlägigen Jargon der Seifigkeit ein Coming-out genannt wird. Westerwelles spätes, sehr spätes Bekenntnis verändert nicht nur ihn selbst, es kann auch seine Partei verändern, die Koalition, auf die er sich vorbereitet, die Union als Partnerin, den Wertegehalt von Bürgerlichkeit - und die Außenansicht wie die Selbstwahrnehmung des ganzen Landes.

Übertrieben? Keineswegs. In der kompliziert vernetzten Welt vermag der Flügelschlag eines Schmetterlings einen Orkan zu verursachen. Wohlgemerkt: Er kann, er muss nicht. Westerwelles Flügelschlag hat das Potenzial, einen kulturellen Sturm auszulösen - wenn er begreift, was er getan hat, wenn er Mut zur Konsequenz beweist, wenn er Scheitern nicht fürchtet. Wenn er endlich authentisch wird.

Es gibt für ihn nur einen Kurs: Bewegung, nach vorne. Der Zauderer, der Taktierer, der Trendsurfer, der Versteckspieler, der angstgetriebene Guido Westerwelle war am Ende seines Weges. Ohne Antreiber, ohne Patron seit dem Tod Jürgen Möllemanns, erstarrt und isoliert in der eigenen Partei; enttäuscht, herablassend, verzweifelt beäugt von den liberalen Altvorderen um Hans-Dietrich Genscher wie den Jungspunden um Daniel Bahr. Ein Sozial- und ein Christdemokrat machten ihm vor, was von einem Freidenker längst verlangt werden konnte - zu bekennen, wie er ist: schwul.

Im weißen Anzug in venezianischer Gondel

Er blieb ein Mann der halben Wahrheit, trotzte wohlmeinenden Ratgebern, zeigte sich mit mütterlichen Begleiterinnen, nachdem er sich vor Jahren, im weißen Anzug in samtroter venezianischer Gondel fotografiert, grotesk andeutend abgemüht hatte. Obwohl in Berlin alle wussten. Und schwiegen. Obwohl Möllemann ihn, kurz vor dem Selbstmord, zu erpressen versuchte, indem er ihn in einem hinterhältigen Buch als erpressbar - und vom israelischen Geheimdienst angeblich schon erpresst - denunzierte.

Nun ist er nicht mehr erpressbar, nun kann er rund sein statt halb, nun muss er klar sein statt trüb. Das heißt: wirklich um die Führung kämpfen in der FDP, Junge ins Präsidium ziehen und dort ein eigenes Netzwerk knüpfen, ganz auf den Machtwechsel in Berlin setzen statt auf pendelnde Äquidistanz zu den Großparteien. Der Container- und der Campingmobil-Guido, der Talkshow-Clown mit der 18 auf den Sohlen, sie bleiben zurück als Bilder aus der Pubertät eines politischen Schaustellers.

Schon sein schwules Bekenntnis, sein Reden über Aids und die volle Gleichstellung homosexueller Partnerschaften verschieben die FDP: Die in purer Ökonomie verspießerte Handwerker- und Mittelstandsagentur gewinnt Weite als Partei der Toleranz und der neu verstandenen Bürgerrechte. Das ist nicht ohne Risiko, aber es ist ein Sprung in die Modernität und bedrängt die Grünen, statt von ihnen bedrängt zu werden. Die Grünen sind nicht mehr unangefochten kulturell-gesellschaftliche Avantgarde.

Als heimlicher Schwuler wäre Westerwelle gefährlich

Kann ein Schwuler Außenminister und Vizekanzler werden? Er kann. Er muss es werden können. Und er sollte es sein wollen. Angela Merkel sieht es mit Sympathie, nicht alleine, weil damit Ambitionen Edmund Stoibers beschnitten würden. Als heimlicher Schwuler wäre Westerwelle gefährlich für sie gewesen, von Outing bedroht und von kundigen Gesprächspartnern in der Welt belächelt. Jetzt aber passt er in ihr Konzept eines Aufbruchs, der auch im Personal sichtbar wird. Horst Köhler, der ungezähmte Präsident, ist der Prophet des Neuen, von dem sie träumt und für das nun auch Westerwelle, ihr Duzfreund, auf seine Weise steht.

Der erste Seiteneinsteiger als Präsident, die erste Frau und erste Ostdeutsche als Kanzlerin, der erste offen Schwule als Außenminister und Vorsitzender einer Regierungspartei - das verspricht etwas. Umbruch, Erneuerung unter zeitgemäßen bürgerlichen Vorzeichen, jenseits einer rein ökonomisch-sozialen Rosskur. Wie einst Rot-Grün gewänne auch Schwarz-Gelb den Nimbus eines "Projekts". Die Kräfte des Alten sträuben sich dagegen. Vielleicht redet Edmund Stoiber deshalb von großer Koalition, vielleicht will Wolfgang Gerhardt auch aus diesem Grund Außenminister werden, was ihm 2002 noch versprochen war. Ihre Zeit ist vorüber. Durch den Flügelschlag eines Schmetterlings.

Hans-Ulrich Jörges / print