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Zwischenruf: Netzwerk Espede

Dem Wahlkampf der Parteien folgt der Nahkampf von Journalisten - einige wollen zurück in die alte Welt politisch sortierter Medien. Es sind Freunde des Kanzlers. Aus stern Nr. 40/2005

Es war einmal eine Zeit, runde 30 Jahre ist das her, da saßen in Hamburg vor Wahlen zwei, manchmal drei eindrucksvolle Männer, Meinungsmacher bedeutender Blätter, beisammen und besprachen, wen man denn unterstützen sollte im Kampf um die Macht. Es war eine andere Zeit: die Welt gespalten, der Krieg kalt, die Medien sortiert. Man sortierte sich mit, irgendwo zwischen links und liberal, jedenfalls nicht dort, wo sich die anderen sortierten, rechts. Dazwischen war ein Abgrund.

Nun ist eine neue Zeit: die Welt eins, der Krieg woanders, die Medien... Sagen wir: Sie sortieren sich nicht mehr so ohne weiteres zwischen links und rechts, und in Hamburg sitzt vor Wahlen niemand mehr beisammen. Für das Land wie für die Medien ist das gut. Für manche aber ein Problem. Denn sie kommen aus der alten Zeit und hätten es gerne wieder sortiert. Also folgt dem Wahlkampf der Angriff jener, die diktieren möchten, wie Journalisten zu denken, zu schreiben und zu kommentieren hätten. Die Angegriffenen sind "Spiegel" und stern, denen vorgeworfen wird, sie hätten Schwarz-Gelb hochgeschrieben. Gemeint ist: Sie haben nicht für Rot-Grün gekämpft. Der Gesinnungsjournalismus der 70er Jahre ist tot, und die Hinterbliebenen peinigt Phantomschmerz.

Der Ton ist schrill, die Haltung anmaßend. Es geht um Revanche und um Einschüchterung. Das Signal gab am Wahlabend Gerhard Schröder mit dem Lamento über "Medienmacht und Medienmanipulation". Ziel waren all jene, die Rot-Grün, analytisch präzise, am Ende gesehen hatten durch Selbstaufgabe und Oskars Linke, jene auch, die an Angela Merkel und ihrer Reformagenda Positives zu entdecken vermochten.

Der Kanzler, der nicht verlieren kann, trug die Attacke physisch vor. "Gerade Ihnen muss ich jetzt mal sagen, Ihre Zunft muss aufpassen", ging er am selben Abend, den Ring der Bodyguards durchbrechend, "Spiegel"-Reporter Matthias Geyer an. Im Leitartikel der "Süddeutschen Zeitung" wurde er verärgert korrigiert - aber nur um eine Nuance: Es gehe nicht "pauschalierend" um die Medien, sondern um spezielle. Den Ton gäben dort "ältere und jüngere Renegaten" der 68er-Bewegung an, die "ihre einstigen Ideale verloren haben". Das aber ist streng verboten. Gerichtet wird von einem medialen Netzwerk, das seine entschiedene Parteilichkeit zum verbindlichen Maßstab erklären möchte. Es ist das Netzwerk Espede, persönlich wie politisch eng geknüpft.

Da befindet Manfred Bissinger, "dass in einer großen Koalition von 'Bild' bis 'Spiegel', auch unter Einfluss der übrigen Springer-Presse und des stern, Frau Merkel nach oben geschrieben worden ist". Bissinger ist einer der engsten Freunde und Berater Schröders. Da erregt sich Hans Leyendecker in der "Süddeutschen Zeitung", die beiden Magazine seien "früher mal im Zweifel linksliberal" gewesen - und zeigt sich fassungslos ob der unklaren Fronten: "Wo leben wir eigentlich?" Er selbst offenbarte im Juli im "Tagesspiegel": "Ja, ich habe in meinem ganzen Leben noch nie etwas anderes als die SPD gewählt, völlig egal, wer gerade kandidierte."

Das Blatt fügte hinzu: "Den Vorwurf, er sei ein ,Kampagnero", der seine Recherchen in der Zeitung inszeniere, weist Leyendecker nicht von sich." Dieser Tage zitierte er aus einem Brief von "Spiegel"-Chefredakteur Stefan Aust an Schröder, der ihm aus dem Kanzleramt zugesteckt wurde, um das kaputte Verhältnis der beiden zu dokumentieren.

Da zieht der Schweizer Kolumnist Frank A. Meyer gegen "Spiegel" und stern zu Felde, von Leyendecker als Kronzeuge zitiert, weil er sich "nicht einfach politischen Lagern zuordnen" lasse und Mitbegründer des "konservativen Magazins ,Cicero'" sei. Meyer feierte seinen 60. Geburtstag in einer Berliner Bar gemeinsam mit Schröder, die "NZZ am Sonntag" beschrieb ihn als "echten Sozi", den der Kanzler einen Freund nenne. "Cicero" ist so konservativ, dass der Journalist Heiko Gebhardt, Freund Schröders und Bissingers, dort im publizistischen Beirat sitzt.

Der Autor Michael Jürgs geißelt im NDR "Oberlehrer der Nation" und angebliche Wahlkampfhelfer für Merkel. Jürgs ist Aufrufunterzeichner für Schröder. Niemanden erregt indes, dass "Zeit"-Herausgeber Michael Naumann am Wahlabend von der "FAZ" beobachtet wird, wie er im VIP-Bereich der SPD-Zentrale strahlende Neuankömmlinge ebenso strahlend begrüßt: "Nicht so fröhlich. Wir haben verloren." Wir!

Der stern ist nicht "Wir". Er gehört politisch niemandem, und er schreibt mit vielen Farben. Übrigens: Am Ende der alten Zeit, da saßen drei eindrucksvolle Herren in Hamburg im Souterrain eines feinen Restaurants und besprachen, wen sie denn unterstützen sollten bei der nächsten Wahl. Der Abend war warm und das Fenster geöffnet. Da kam draußen ein einfacher Mann vorbei - und pinkelte ihnen von oben schräg auf den Tisch. Sie verstanden es als Kommentar. Und wenn sie nicht gestorben wären, säßen sie heute nicht mehr dort.

Hans-Ulrich Jörges / print