Zwischenruf Ritt in die Apokalypse


Statt dem Verhängnis, der großen Krise, gemeinsam zu widerstehen, redet sich Deutschland erst so richtig hinein - sie wird zur selbsterfüllenden Prophezeiung. Den Schwätzern folgen die Manager, sie übergeben dem Rotstift die Macht.
Von Hans-Ulrich Jörges

"Hoffentlich wird es nicht so schlimm, wie es schon ist."

Karl Valentin
Es gibt Schwätzer der Apokalypse, Sparer der Apokalypse und Profiteure der Apokalypse. Im Moment sind alle apokalyptischen Reiter miteinander unterwegs. In wilder Horde, auf schäumenden Rössern. "Krise" ist auf das blutrote Banner gestickt, das ihnen voranflattert. Getragen von den Schwätzern, die es von Hand zu Hand reichen. Sie sind die Offiziere der Krise, und wie echte Offiziere eint sie Befehlsgewalt und Eitelkeit. Ja, es gibt auch so etwas wie Kriseneitelkeit. Und einen Wettstreit der Eitlen: Wer beschreit die schaurigste, die schwärzeste Apokalypse?

Ganz vorn galoppieren jene, die eigentlich längst hätten absatteln sollen. Die Schwätzer, die besser schweigen sollten. Weil sie für jene schreien, die die Krise angerichtet haben - für die Banken. Sie haben die Krise nicht kommen sehen, sich nicht bemüht, sie abzuwenden, und sich schon gar nicht - reumütig und zerknirscht - zur eigenen Verantwortung bekannt. Doch nun behaupten sie, wissenschaftlich exakt zu wissen, wie blutig sie werden wird. Fünf Prozent Minus für die deutsche Wirtschaft, gibt die Deutsche Bank vor, im Jahr der Apokalypse 2009. Da mag sich die Commerzbank nicht lumpen lassen: Sieben Prozent werden es, sieben Prozent! Ach, ihr Herren des verzockten Geldes, unseres Geldes, dem wir nun noch mehr hinterher- werfen müssen, wie wäre es mit ein wenig Demut auf dem hohen Ross, der Demut des Schweigens?

Wirtschaft ist Psychologie, habt ihr das nicht immer gepredigt? Ihr wisst doch, dass ihr nichts wisst. Dass ihr nur Kaffeesatz lest. Weil es solche Rezession, überall, noch nie gab, weil also Erfahrungswerte fehlen, weil die Rechenprogramme der Prognostiker darauf nicht ausgelegt sind, weil ihre Schätzungen über die Dauer der Krise schwanken zwischen einem halben Jahr und zehn Jahren.

"Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen."

Karl Valentin
Den Schlachtruf der Offiziere nimmt die Truppe auf: Es ist ganz schrecklich - und es wird alles noch viel schrecklicher! "Rezession würgt Umsätze im Einzelhandel ab", ist zu lesen. Um 0,2 Prozent sind die im Februar im Vergleich zum Vormonat geschrumpft. Abgewürgt? Herrschaften! Selbst im Maschinenbau, den es wirklich erwischt hat, tut ein wenig Relativierung gut. Im Februar sind 49 Prozent weniger Bestellungen eingegangen als im Vorjahr. Übel. Aber die Branche hat einen fünfjährigen Boom erlebt. Bis April 2008 wuchsen die Aufträge beständig mit zweistelligen Raten! Selbst eine theoretische Studie, wonach 11,3 Millionen Arbeitsplätze ins Ausland verlagert werden könnten, kriecht nun als düstere Prophezeiung auf die Titelseite: "Elf Millionen Jobs bedroht".

"Die Zukunft war früher auch besser."

Karl Valentin
Den Schwätzern folgen die Sparer der Apokalypse. Jeder Unternehmer, jeder Manager spart, was er kann, streicht, sperrt, streckt - und reißt damit zehn andere in die Krise, deren Stimmung, deren Geschäft er verdirbt. Selbstredend sparen auch die dann, streichen, sperren, strecken - und schon erwischt es wieder zehn andere. Alle Erkenntnisse aus Krisenzeiten, alle Mahnungen, alle Weisheiten sind vergessen. Antizyklisch soll sich der klug Wirtschaftende verhalten, weil er weiß, dass er sonst Opfer der selbst erzeugten Depression wird - auch er gehört ja zu den zehn Rasierten eines anderen. Aber es ist prozyklischer Spar-Wahn ausgebrochen, mächtiges Gedrängel am Notausgang. Panik. Die Erfahrung indes lehrt, dass in kollektiver Hysterie stets einige zu Tode getrampelt werden.

Den Sparern folgen wiederum die Profiteure der Apokalypse. Besser gesagt: die Möchtegernprofiteure, die Oberschlauen, die dem Schicksal ein Schnippchen schlagen, die vermeintliche Gunst der Stunde nutzen möchten. Um zu erledigen, was sie schon lange erledigen wollten - sich aber nicht getrauten. Jetzt endlich gibt es die zwingende Rechtfertigung, um in Betrieben und Kontoren Strukturen zu zerschlagen, Gewohntes zu entwöhnen, Verdientes zu kassieren. Der Speck der guten Jahre, angesetzt, um magere zu überstehen, hat seinen Zweck verloren. Die Rendite muss gehalten - besser noch: ausgebaut - werden. Koste es, was es wolle. Und es kostet viel. Bloß anders als gedacht.

Denn am Ende des Ritts, wenn die Pferde kotzen, ist angerichtet, was es zu kontern galt: Die Apokalypse ist zur selbsterfüllenden Prophezeiung geworden. Die Krise einiger wird zur Krise vieler, dann zur Krise aller. Entweder wir lernen, sie so zu erleiden, oder wir lernen, sie gemeinsam zu bestehen. Karl Valentin, der große Philosoph, mahnt uns: "Heute ist die gute, alte Zeit von morgen."

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