Zwischenruf Wie Schwule siegen


Brief an einen homosexuellen Spitzenpolitiker, der das öffentliche Bekenntnis scheut wie ehedem Ole von Beust - und nun aus dessen Scheitern lernen muss. Aus stern Nr. 36/2003

Sie haben gebebt und gelitten mit Ole von Beust. Haben sich ausgemalt, Ihnen säße ein Charakterlump gegenüber, versuchte Sie zu erpressen. Und Sie müssten in einer einzigen Sekunde entscheiden: Schmeiß ich den Kerl raus und mach das Fass, das er mir vor die Füße gerollt hat, selbst auf, sofort und in aller Öffentlichkeit - oder kämpfe ich um Zeit, werde weich, Wachs in der Hand des Feindes?

Den Alb des Outings geträumt

Wie oft haben Sie den Alb des Outings schon vorgeträumt in unruhigen Nächten - bloß anders, in der saubereren Version. Eines Morgens steht es eben in der Zeitung, oder der Denunziant plaudert es in einer Talkshow aus. Haben sich zurechtgelegt, wie kühl Sie dann antworten, wie würdevoll Sie den Dreck der Denunziation vom Revers wischen.

Ist doch alles kein Problem mehr, haben Sie sich eingeredet, die Gesellschaft ist doch reif. Ein Tag Aufregung, dann ist es ausgestanden. Den Spitzenleuten der Partei und der Pressemeute haben Sie es doch längst offenbart. Haben sich fotografieren lassen in schwuler Symbolik - stummes Outing für jene, die Bilder zu lesen verstehen. Haben sich in protokollarischer Not von Damen begleiten lassen, die Verständige unmöglich für Frauen Ihres Herzens halten konnten. Haben Gäste in Ihrer Wohnung empfangen, denen die Kunst an den Wänden als ästhetisches Bekenntnis entgegensprang. Sind der Frage aller Fragen, unter vier Augen im Restaurant, nicht ausgewichen. Und haben das Gewisper, die wissenden Blicke ertragen.

Normales braucht man nicht zu outen

Plötzlich: der Horror der Erpressung. Und der, der ihn auszustehen hatte, war mit seinem Schwulsein exakt so umgegangen wie Sie. Hatte das Umfeld nicht im Unklaren gelassen, die Öffentlichkeit aber wohl - und sich selbst wie den anderen stets beruhigend eingeflüstert: Homosexualität ist doch völlig normal - und Normales braucht man nicht zu outen. Plötzlich saß der da, ganz allein mit einem, den er selbst eingeweiht hatte und für einen Verbündeten, wenn nicht gar Freund hielt.

Das ändert alles. Sie müssen daraus lernen. Rasch. Begreifen, dass Ole von Beust mit seinem - und Ihrem - Konstrukt gescheitert ist. Dass er alles falsch gemacht hat - außer der Entscheidung für die eigene Ehre im Augenblick der Wahrheit. Denn nicht das Risiko des Outings, sondern das der Erpressung im selbst geschaffenen Halbdunkel ist der wunde Punkt.

Vor erpresserischer Verlockung bewahren

Zeitpunkt und Umstände der eigenen Offenbarung kann jeder selbst wählen, die Erpressung aber kommt immer zur falschen Zeit und in politisch ungünstigster Lage. Sie stürzt mithin nicht nur den Erpressten in Turbulenzen, sondern auch die Partei oder Regierung, der er angehört. Sie haben Anspruch darauf, dass man ihnen das erspart. Homosexuelle sind für alle Ämter geeignet, ohne Ausnahme, doch der Respekt davor gebietet es, sie vor erpresserischer Verlockung zu bewahren.

Und die ist groß, denn Sex und Politik ergeben die brisanteste Mischung. Willy Brandt musste als Kanzler gehen, als zu fürchten war, dass die Stasi von Affären wusste. Michel Friedman war erledigt, als ein peinliches Video auftauchte, das zuerst seinem Widersacher Jürgen Möllemann angeboten wurde. Und Möllemann wurde zum Denunzianten, als er in einem Buch davon fantasierte, Israels Geheimdienst erpresse den FDP-Vorsitzenden mit "Wissen um die privatesten Dinge".

Schwulsein publik machen

Hätten Ole von Beust und sein Justizsenator Roger Kusch ihr Schwulsein längst publik gemacht, wären nicht nur sie, sondern auch ihre Koalition davor gefeit gewesen, was nun kam und noch kommt. Wäre Kusch der Partner von Beusts (gewesen), dann hätte der ihn nie in seinen Senat geholt. Umgekehrt hätte schon seine Berufung als Beweis gedient, dass da nichts ist. Jedenfalls wäre Kusch der Erniedrigung entgangen, Reportern seine Wohnung zu öffnen - in dem irrwitzigen Versuch zu beweisen, dass sie kein Liebesnest ist.

Spitzenpolitiker kann nur sein, wer klar und transparent ist, auch im Privaten. Das Publikum hat keinen Anspruch, ans Bett geführt zu werden. Aber es erwartet, dass nichts verdeckt wird, was Erpresser locken könnte. Wie lange wollen Sie noch ans Ende der Welt jetten, um mit einem Partner diskret Urlaub zu machen? Wie lange wollen Sie noch zittern, dass dennoch heimlich geschossene Fotos unterm Tisch herumgereicht werden? Klaus Wowereit geht mit seinem Partner in Berlin zu Empfängen! Der Kampf der Schwulen ist noch nicht gewonnen, aber sie werden siegen, wenn sie sich bekennen. Mit allem Respekt: Outen Sie sich! Viele, auch wir, werden an Ihrer Seite stehen.

Hans-Ulrich Jörges print

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