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Zwischenruf: Würgen vor der Wahl

14 Wahlen in einem Jahr - und die Köche der Politik locken mit einer köstlichen Belohnung: der ultimativen Steuerreform. Zum Magenumdrehen. Aus stern Nr. 02/2004

Brechreiz. Der Vorgeschmack genügt, um die Sinne zu empören. Der Vorgeschmack auf 14 Wahlen. Ein so strapaziöses Menü schier endloser Zumutungen hat die Politik noch nicht zusammengestellt. Und schon rebelliert der Verstand - gegen den Ludergeruch des Appetizers, den die Parteien in diesen Tagen servieren. Gerade erst ist der Hit der alten Speisekarte heruntergeschlungen, die vorgezogene Steuerreform - einst knackig annonciert, am Ende aber von vielen Köchen zu Matsch verkocht -, da wird neu eingedeckt. Ganz neu. Scheinbar neu.

Vergessen Sie das kleine Malheur in der Küche, Herrschaften, war doch bloß ein Versuch! Zugegeben: etwas misslungen. Jetzt aber werden die Maîtres in einem furiosen Wettkochen zeigen, was sie wirklich können. Zaubern werden sie, die ganz ganz große, ultimative Steuerreform. Appetitlich, leicht und raffiniert wie nie. Runter mit den Steuersätzen: 12, 24, 36 Prozent. Und weg mit allem, was die deutsche Steuerküche so fettig, schwer und ungenießbar macht: Paragrafen, Subventionen, Tricksereien. Schnuppern Sie schon mal! Duftet das nicht paradiesisch?

Der Duft des Würgens

Es stinkt. Nach Taktik. Nach Dreistigkeit. Nach Lüge. Würgen vor der Wahl. Und das heißt auch: Wahl des Würgens.

Denn nichts kann diese Küche verlassen, was auch nur annähernd so schmeckt, wie es annonciert ist. Wenn überhaupt etwas aufgetragen wird. Und welcher Koch auch immer brutzelt: Seine Zutaten fügen sich zu Unverdaulichem.

Beginnen wir mit dem Chef de Cuisine, der nach dem missratenen Hauptgang der alten Speisekarte schon wieder das große Wort führt. 22 Milliarden Euro vorgezogene Steuerreform wollte Gerhard Schröder eben noch servieren - bis sich herausstellte, dass mit Mühe 15 Milliarden zu finanzieren waren, und die auch nur zu knapp einem Drittel auf Pump. Denn das Restaurant ist so gut wie pleite. Und nun - lirum, larum, Löffelstiel - ganz fix und lecker mal eben 24 Milliarden aus dem Wok hinterher, schon 2005 auf dem Tisch, wie es Friedrich Merz, der Erfinder der verführerischen Leckerei, vorschlägt? 24 Milliarden im ersten Jahr - das wäre der komplette Verteidigungsetat! So können nur Bankrotteure kochen.

Durch den Fleischwolf

Aber darum geht's ja auch gar nicht. Es geht darum, das Lokal über 14 Wahlen hinweg mit erwartungsvoll naiven Gästen zu füllen. Und zu verdecken, dass der Chefkoch bislang nur einen Glückskeks namens Aufschwung und eine Dampfnudel namens Innovation auf der Wahlkampfkarte stehen hat, um die Fantasie des hungrigen Publikums zu beschäftigen. Also muss der Konkurrenz das Rezept entwendet werden. Um die Ingredienzien anschließend durch den Fleischwolf des großen Küchenkabinetts im Vermittlungsausschuss zu drehen - bis am Ende ein Konsensbrei herausquillt, der nichts mehr mit dem Rezept zu tun hat.

Egal. Hauptsache, die schwarzen Köche können 2006 bei der Bundestagswahl nicht mehr mit ihrem Knüller locken. Und haben dann nur noch einen zähen Braten auf der Menükarte, die Kopfpauschale in der Krankenversicherung.

Kampf bis auf den Löffel

Würgen vor der Wahl - und Wahl des Würgens. Denn auch die Artisten mit den schwarzen Mützen sind weit von seriöser Kochkunst entfernt. Schwitzend ringen Angela Merkel und Edmund Stoiber um Rezepturen und Hoheit am Herd. Die bayerischen Gourmands wollen Merz nature anfetten und eindicken - gefällige Subventionen hier, brave Steuertarife da. Rettet unsere Schmankerl! Heimlich paktieren sie sogar mit Schröder: Wäre die große Steuerreform schon vor 2006 aufgezehrt, geriete Merkel in Not, die in Bayern für ungenießbar erklärte Kopfpauschale danach noch einzuberechnen und zu finanzieren. Kampf bis auf den Löffel!

Die Berliner Gourmets wiederum haben auf dem Leipziger CDU-Parteitag ein grandioses Festmahl zusammengestellt. Jeder durfte seine Leibspeise auf die Karte setzen, die Mittelständler, die Sozialausschüssler, die Frauen. Leckereien satt für alle: Kopfpauschale, Merz-Reform, Kindergeld-Anfettung, Rentenbonus für Eltern. Der Partei schmeckt das, dem Steuerzahler dreht es den Magen um. Denn summa summarum könnte es 100 Milliarden kosten. Unverdaulich.

Also gehört der Speiseplan abgespeckt. Angela Merkel wird das Merz-Menü ohnehin einfrieren wollen bis 2006, um es erst im Wahlkampf wieder aufzutauen. Und es dann, falls sie in Bundestag und Bundesrat alleine kocht, nach Originalrezept zu servieren. Verlassen Sie also getrost das Lokal, Herrschaften. Das große Steuerfressen fällt aus!

Hans-Ulrich Jörges / print