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Jobmotor Energiewende: 230.000 neue Stellen - oder auch nicht

Die Energiewende soll ein wahres Jobwunder werden: Laut Wirtschaftsministerium schafft sie 230.000 Menschen neue Stellen. Der Haken: Sicher ist die Zahl natürlich nicht.

Von Larissa Schwedes

Nichts als heiße Luft? Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie bauscht sie im großen Stil auf: die 230.000 Arbeitsplätze, die angeblich durch die Energiewende geschaffen werden sollen.

Nichts als heiße Luft? Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie bauscht sie im großen Stil auf: die 230.000 Arbeitsplätze, die angeblich durch die Energiewende geschaffen werden sollen.

Unter den Linden, Berlin-Mitte. Auf einer der prominentesten Flaniermeilen der Republik hängt an einer Hausfassade ein riesiges Plakat. In großen Lettern verspricht das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi): Die Energiewende wird ein Segen für den Arbeitsmarkt. 230.000 zusätzliche Jobs bis zum Jahr 2050! Wow.

Auch in vielen anderen Städten startet die Kampagne in diesen Tagen. Trotzdem hat im Ministerium des Vizekanzlers Sigmar Gabriel davon offenbar noch nicht jeder erfahren. Erster Anruf im Referat für Energiepolitik: "Ach wirklich, wir fahren eine Kampagne?" Zweiter Anruf in der Pressestelle: "Nicht meine Zuständigkeit." Erst dem dritten Ansprechpartner kommt zumindest die Zahl bekannt vor: 230.000.

Immerhin ist so viel zu erfahren: Grundlage der Berechnung ist eine Studie mit dem Titel "Beschäftigung durch erneuerbare Energien in Deutschland", die das Ministerium bei Wirtschaftsforschungsinstituten in Auftrag gab. Wer will, kann die Studie - weil die Linken darauf gedrungen haben - online einsehen: Ausführliche Auswertungen und komplizierte Hochrechnungen wagen auf 185 Seiten einen Blick in die Zukunft.

Allein: Die Zukunft war und bleibt unsicher. Deswegen nennt die Studie auch die Annahmen und Voraussetzungen, unter denen die Prognose erstellt wurde: Sie kann nur dann eintreffen, wenn für die Ausrüster nicht nur der Binnenmarkt, sondern auch der Export stabil läuft. Das ist eines der möglichen Szenarien. Ein anderes besagt: Bleibt der Export hinter den Erwartungen zurück und erreicht nur fünf Milliarden Euro im Jahr 2020, gibt es auch die vielen schönen neuen Jobs nicht. Die Beschäftigung läge im Jahr 2022 sogar hinter den Prognosen für ein Vergleichsszenario ohne Energiewende. Welches Szenario aber ist zutreffend? Niemand weiß es. Internationale Geschäftsbeziehungen über 35 Jahre vorhersagen zu wollen, grenzt an Kaffeesatzleserei.

Hinzu kommt: Das BMWi hat sich für die Plakatkampagne die Studie mit den beeindruckendsten Zahlen ausgesucht. Eine andere Auftragsstudie des Wirtschaftsministeriums mit dem Titel "Gesamtwirtschaftliche Effekte der Energiewende" kam mit anderer Methodik wenige Monate zuvor zu konservativeren Schätzungen. Ein Beispiel: Die für die Kampagne genutzte Studie prognostiziert 73.000 neue Jobs bis 2020 dank der Energiewende. Die vorherige bezifferte den Stellenzuwachs im gleichen Zeitraum nur auf 22.000  - und wagt keine weitergehenden Schätzungen. Kurioserweise haben an beiden Studien die Institute Prognos und GWS mitgearbeitet. Statistik auf der Überholspur.

Kritisch gesehen wird die Kampagne allerdings nicht nur wegen der zweifelhaften Zahl. Sondern auch wegen ihres Bildes. Das Motiv - Windräder vor scheinbar abgasfreiem, tiefblauem Himmel - identifiziert Gabriels Ministerium mit der Energiewende. Das ist jedoch nur die halbe Wahrheit, denn als waschechter Sozialdemokrat hat der Minister noch immer ein großes Herz für die Kumpel im Bergbau. "Anstatt die Klimapolitik und die erneuerbaren Energien voranzutreiben wird die Kohleindustrie nun mit einer sogenannten Kapazitäts- und Klimareserve kräftig unterstützt", empört sich die linke Bundestagsabgeordnete Eva Bulling-Schröter. "Da nützt auch eine Imagekampagne für die Erneuerbaren nichts. Offenbar ist Gabriel das Hemd näher als die Hose: die bestehenden Arbeitsplätze der Kohle-Kumpels schlagen sich schließlich in möglichen Wählerstimmen nieder – Klimapolitik hin oder her."

Auch Julia Verlinden, die energiepolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion, ist mit dem aktuellen Kurs in der Energiewende nicht einverstanden: "Leider hat die Bundesregierung den Ausbau der Erneuerbaren Energien ausgebremst und damit dem positiven Arbeitsplatz-Trend einen deutlichen Knick beschert." Könnten also sogar mehr neue Jobs entstehen, wenn Gabriel nur gewollt hätte?

Alles eine Frage der Szenarien. Weniger der Statistik. Eigentlich müsste der Satz auf dem Plakat: "Die Energiewende schafft 230.000 neue Jobs. Vielleicht. Vielleicht auch nicht." Aber damit lässt sich halt nicht so schön werben.