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Anschlag von Weiterstadt: Fahnder identifizieren zwei RAF-Attentäter

Die Sprengung des Gefängnisses von Weiterstadt war 1993 der letzte Anschlag der RAF vor deren Auflösung. Nach Informationen des stern konnten zwei der Täter schon vor Jahren identifiziert werden - ohne Konsequenzen für die Verdächtigen.

Von Uli Rauss und Oliver Schröm

Der letzte Anschlag der Roten Armee Fraktion (RAF) ist in wichtigen Teilen aufgeklärt. Wie der stern in seiner neuen, am Donnerstag erscheinenden Ausgabe berichtet, konnten die Fahnder zwei der fünf Täter, die 1993 das neu erbaute Gefängnis Weiterstadt sprengten, bereits vor Jahren an Hand von DNA-Spuren identifizieren. Dabei handelt es sich um die flüchtigen RAF-Mitglieder Daniela Klette, 49, und Ernst-Volker Staub, 52. Aus ermittlungstaktischen Gründen hielten die Sicherheitsbehörden die Erkenntnisse zurück und erweckten den Eindruck, bei keinem Attentat der sogenannten 3. Generation der RAF hätten bislang Täter ermittelt werden können.

Zwischen 1984 und 1993 hatte die 3. Generation der RAF mehr als 20 Gewaltverbrechen verübt, zahlreiche Raubüberfälle und Anschläge mit 29 teils schwer verletzten Opfern und mit 10 Toten, darunter etwa der Siemens-Vorstand Karl Heinz Beckurts, der Gerold von Braunmühl, Ministerialdirektor im Auswärtigen Amt, sowie Alfred Herrhausen, Chef der Deutschen Bank. Bis heute konnten angeblich bei keinem dieser Gewaltverbrechen die Täter ermittelt werden, mit einer Ausnahme: Beim Mord an Treuhandchef Detlev Karsten Rohwedder wurde am Tatort ein Handtuch gefunden. Darin befand sich ein Haar des 1993 in Bad Kleinen getöteten des RAF-Terroristen Wolfgang Grams, der beim Rohwedder-Mord vermutlich vor Ort war.

Gefängnis mit 200 Kilo Strengstoff platt gemacht

Der Neubau der Justizvollzugsanstalt Weiterstadt war am 27. März 1993 von einem "Kommando Katharina Hammerschmidt" der RAF mit 200 Kilo Sprengstoff total zerstört worden. Es war der letzte Anschlag der RAF vor ihrer Auflösung im Jahre 1998. Bei dem Anschlag hatten die Täter eine sechs Meter hohe Mauer rund um den Gebäudekomplex zu überwinden, wofür sie eine Strickleiter benutzten. Zum Dämpfen der Trittgeräusche hatten sie die Sprossen mit Teppichstücken umwickelt. Darin fanden die Ermittler nach stern-Informationen Haare von Daniela Klette und Ernst-Volker Staub.

Das Bundeskriminalamt (BKA) hatte in seiner 1998 eingerichteten DNA-Datei die Codes der beiden RAF-Terroristen gespeichert. Blutspuren von Ernst-Volker Staub hatte das BKA auf einem Handschuh gefunden, der 1993 in Bad Kleinem nach einer Schießerei mit dem RAF-Terroristen Wolfgang Grams sichergestellt worden war. Im Fall Daniela Klette konnte der genetische Fingerabdruck von der Klebelasche eines Briefumschlages gewonnen werden , den Klette 1989, kurz vor ihrem Abtauchen in den Untergrund, an das Arbeitsamt in Wiesbaden geschickt hatte, wie aus BKA-Dokumenten hervorgeht.

Klette in weitere Aktionen verwickelt

Daniela Klette war zudem an einem missglückten Anschlag auf die Computerzentrale der Deutschen Bank in Eschborn beteiligt, was von den Behörden bislang ebenfalls unter Verschluss gehalten wird. Am 25. Februar 1990 wurde ein zu einer Bombe umfunktionierter VW-Golf auf das abgesicherte Gelände der Bank gefahren, die Täter flüchteten, der Zeitzünder versagte - es kam nicht zur geplanten Explosion. Ermittler fanden im Auto Haare, die später Daniela Klette zugeordnet werden konnten.

Bislang war lediglich bekannt, dass Klette an einem Schusswaffenanschlag auf die US-Botschaft in Bonn am 13. Februar 1991 beteiligt war; im aufgefunden Fluchtauto konnte ein Haar sichergestellt werden, das durch ein neue entwickeltes Verfahren zur DNA-Analyse im Oktober 2000 Daniela Klette zugeordnet werden konnte. Ebenfalls erwiesen ist eine Tatbeteiligung von Klette und Staub an einem spektakulären Überfall auf einen Geldtransporter in Duisburg-Rheinhausen: Am 30. Juli 1999, 14 Monate nach Auflösung der RAF, erbeuteten vier Täter eine Million Mark. Sie ließen am Tatort Gesichtsmasken mit Speichelspuren zurück; zwei Jahre später übergaben diese Spuren Übereinstimmungen mit den DNA-Codes von Staub und Klette.

Verfassungsschutz folgte ihren Spuren

Der Hamburger Ernst-Volker Staub hatte sich Anfang der 80er Jahre der RAF angeschlossen. 1984 wurde er in Frankfurt verhaftet und 1986 zu vier Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Nach seiner Freilassung war er in der Hausbesetzerszene der Hamburger Hafenstraße aktiv und tauchte im März 1990 ab. Daniela Klette, geboren in Karlsruhe, war Ende 1989 untergetaucht - sieben Tage nach dem Mord am Bankier Alfred Herrhausen. Laut BKA-Unterlagen wurde sie noch im Frühjahr 1990 in der Hamburger Hafenstraße gesehen. 1991 meldete ein Spitzel des Verfassungsschutzes, Klette und Staub im französischen Metz gesehen zu haben. V-Mann Klaus Steinmetz hatte beste Kontakte zur RAF, nach Informationen von stern.de sogar eine Affäre zur Top-Terroristin Birgit Hogefeld. Die Lebensgefährtin von Wolfgang Grams wurde 1993 in Bad Kleinen festgenommen.

Drei Monate zuvor hatte die RAF das Gefängnis in Weiterstadt gesprengt. Neben den Haaren von Daniela Klette und Ernst-Volker Staub hatten die Ermittler in den mit Teppichfetzen der Strickleiter auch die Haare von weiteren Personen gefunden. Nach Informationen von stern.de wollte die Bundesanwaltschaft daraufhin ein Verfahren gegen V-Mann Klaus Steinmetz wegen Beteiligung an dem Anschlag in Weiterstadt einleiten. Dazu kam es nie. Der Verfassungsschutz half seinem V-Mann unterzutauchen.

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