Auschwitz und die Intellektuellen Unauslöschliche Eindrücke


Manche Intellektuelle unter den Häftlingen in Auschwitz konnten ihre Eindrücke gleich nach dem Kriegsende verarbeiten, andere fanden erst nach Jahren Worte dafür. Doch völlig frei konnten viele Überlebende nicht mehr werden.

"Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch", schrieb Theodor Adorno 1949 unter dem Eindruck des nationalsozialistischen Massenmordes. Doch Auschwitz machte nicht sprachlos, auch wenn die Zeit im Lager bei Künstlern und Intellektuellen unter den Häftlingen einen unauslöschlichen Eindruck hinterließ. Manche verarbeiteten das Geschehen unmittelbar, andere konnten erst nach Jahrzehnten ihre Eindrücke in Worte fassen.

"Wenn ich über einen Roman nachdenke, denke ich an Auschwitz", schrieb Literaturnobelpreisträger Imre Kertesz, der seine Zeit als jugendlicher Häftling in Auschwitz in seinem autobiografisch geprägten "Roman eines Schicksallosen" verarbeitete. In einer Passage beschrieb er den "süßlichen und irgendwie klebrigen" Geruch des Rauches über den Krematorien: "Da verbrannten in diesem Augenblick unsere Reisegefährten aus der Eisenbahn, all die, die sich vor dem Arzt aus Altersgründen oder anderen Gründen als untauglich erwiesen hatten, genauso die Kleinen und mit ihnen die Mütter."

"Nie werde ich vergessen"

"Nie werde ich jene Nacht vergessen, die erste Nacht im Lager, die mein Leben in eine lange Nacht verwandelt hat", schrieb Elie Wiesel, dessen Werk über den Holocaust ebenfalls mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde. "Nie werde ich die kleinen Gesichter der Kinder vergessen, deren Körper ich in Rauchwolken unter einem blauen Himmel verwandelt sah. Nie werde ich die Flammen vergessen, die meinen Glauben für immer verzehrten. Nie werde ich die Augenblicke vergessen, die meinen Gott ermordeten und meine Seele und meine Träume in Staub wandelten."

Andere, wie der polnische Schriftsteller Tadeusz Borowski, versuchten mit nüchternen Worten und Distanz das Grauen in Worte zu fassen. "Bitte ins Gas, meine Herrschaften" lautet der Titel einer der Kurzgeschichten Borowskis, der sich 1951 das Leben nahm. "Hier die Gaskammer: gemeinsamer Tod, hässlich, scheußlich, widerlich", heißt es darin. "Und dort das Lager: kahl geschorener Kopf, wattierte sowjetische Hose für die Hitze, ekliger, stickiger Gestank der schmutzigen, erhitzten Leiber, tierischer Hunger, unmenschliche Arbeit und am Ende die gleiche Gaskammer. Nur der Tod ist noch hässlicher, noch scheußlicher, noch widerlicher als dieses Leben. Wer einmal hier hereinkommt, der bringt noch nicht mal seine Asche an der Postenkette vorbei wieder hinaus. Der kehrt nie wieder ins andere Leben zurück."

Primo Levi war einer der wenigen Häftlinge, die in Auschwitz die Befreiung durch die Rote Armee erlebten. In seinem autobiografischen Roman "Ist das ein Mensch?" beschreibt er die Ahnung von Freiheit in einer Welt voller Zerstörung und Tod, in der "die meisten von uns vor Erschöpfung nicht einmal mehr warten" konnten auf den Moment der Befreiung. "Wir lagen in einer Welt der Toten und der Larven", schrieb Levi über den 26. Januar 1945. "Um uns und in uns war die letzte Spur von Zivilisation verschwunden. Das Werk der Vertierung, von den triumphierenden Deutschen begonnen, war von den geschlagenen Deutschen vollbracht worden." Levi nahm sich 1987 das Leben.

Lange Schatten der Vergangenheit

Unwirklich erschien der Moment der Freiheit dem österreichischen Psychiater Victor Frankl: "Freiheit, wiederholten wir und konnten es nicht fassen. Wir hatten dieses Wort in all den Jahren so oft gesagt, hatten davon geträumt... Wir konnten die Tatsache nicht begreifen, dass wir frei waren." Doch völlig frei von Auschwitz konnten viele der überlebenden Ex-Häftlinge nicht mehr werden. "Auschwitz ist für uns, seine einstigen Insassen, keine Vergangenheit", schrieb Jean Amery. "Es ist unsere Gegenwart, vielleicht sogar unsere Zukunft."

Eva Krafczyk/DPA DPA

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