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Wirtschaftswachstum: Katzenjammer statt Konsumrausch

Der Wirtschaft geht es nicht schlecht - die Verbraucher merken davon in den eigenen Geldbeuteln aber wenig: Die Löhne stagnieren. Für den Aufschwung hat das auch positive Seiten.

Viele Verbraucher kennen das Gefühl: Sie haben den Eindruck, dass sie sich seit Jahren weniger leisten können als früher. Dies ist nicht nur ein subjektiver Eindruck. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes sind die Nettoeinkommen der privaten Haushalte seit Anfang der 90er Jahre preisbereinigt um zwei Prozent gesunken.

Betrachtet man nur die Löhne und Gehälter - also ohne Vermögen, Renten oder Kindergeld - so sind die realen Bruttolöhne laut Bundesbank zwischen 1991 und 2005 um 0,5 Prozent zurückgegangen. Gewerkschaften und manche Volkswirte sehen das sinkende Budget der Privathaushalte als Grund für die Wachstumsschwäche der deutschen Wirtschaft. Behindern stagnierende Einkommen den Aufschwung?

Nur wenn sie Gras frisst, gibt die Kuh Milch

Unumstritten ist, dass die inländische Nachfrage ausgebremst wird, wenn Kaufkraft fehlt. Der Konsum ist der wichtigste Pfeiler für das deutsche Wirtschaftswachstum und trägt mit zwei Dritteln zum Bruttoinlandsprodukt bei. "Wenn der Bauer will, dass ihm seine Kuh anständig Milch gibt, muss er dafür sorgen, dass sie auch genug zu fressen hat", hat der Wirtschaftsweise Peter Bofinger diese These auf den Punkt gebracht.

Blickt man auf die letzten fünf Jahre zurück, so lautete die Stimmung der Konsumenten: Katzenjammer statt Konsumrausch. 2001 stieg der private Verbrauch letztmalig um knapp zwei Prozent. Seitdem ist er von Jahr zu Jahr gesunken, 2005 hat er sich zumindest stabilisiert. "Die Deutschen haben einfach nicht mehr Geld und können nicht mehr ausgeben - selbst wenn sie wollten", sagt Christoph Weil von der Commerzbank. Steuerliche Belastungen und private Vorsorge für die Rente ließen den Verbrauchern weniger übrig.

Immer mehr auf die hohe Kante

Die Massenarbeitslosigkeit hat das Phänomen des "Angstsparens" aus der Taufe gehoben: die Deutschen legen immer mehr auf die hohe Kante. Mitte dieses Jahres lag die Sparquote bei 10,4 Prozent - vor sechs Jahren waren es erst 9,2 Prozent. Teilzeitjobs, Wegfall des Weihnachtsgelds und längere Arbeitszeiten ohne Lohnausgleich verstärken den Trend.

Dabei bekommen die Arbeitnehmer immer weniger vom Kuchen ab. Das Volksvermögen wird zu ihren Lasten umverteilt, die Verschiebung von Löhnen und Gehältern hin zu Unternehmensgewinnen ist im vollen Gange. Der Anteil der Bruttolöhne am Bruttoinlandsprodukt (BIP) sank laut Bundesbank von 45,5 Prozent 1992 auf 40,2 Prozent Anfang 2006.

Gleichzeitig stieg der Anteil der Unternehmenseinkünfte am BIP von 21,4 auf 25,2 Prozent - das ist der höchste Wert seit Beginn der 70er Jahre. 2007 wird die geplante Mehrwertsteuererhöhung die Schieflage verstärken: Den Haushalten werden dann insgesamt 25 Milliarden Euro Kaufkraft fehlen.

Mit Neid über die Grenze

Doch die geringe Einkommensentwicklung hat nicht nur negative Seiten. Geringe Lohnzuwächse haben die deutsche Wirtschaft wettbewerbsfähiger gemacht und Deutschland einen entscheidenden Standortvorteil geliefert. Manch ein europäisches Nachbarland blickt mit Neid über die Grenze. Die Lohnstückkosten der deutschen Industrie haben sich seit 1999 um sieben Prozent besser entwickelt als im Euro-Raum. Gerade jetzt in Zeiten des Aufschwungs beflügelt das die Wirtschaft, die mit 2,5 Prozent so schnell wie seit sechs Jahren nicht mehr wachsen soll.

"Nach einer schmerzhaften Phase fährt Deutschland jetzt die Früchte der Entwicklung ein", sagt Jürgen Michels, Volkswirt der Citigroup. "Es lohnt sich wieder, in Deutschland zu investieren." In diesem Jahr sind die Investitionen einer der wichtigsten Antriebsmotoren der Wirtschaft. Das Gute daran: Neue Maschinen und neue Werke schaffen Arbeitsplätze.

Seit Jahren haben Rationalisierung, Kostensenkung und Verlagerung ins billige Ausland den deutschen Firmen gute Gewinne beschert und sie hochwettbewerbsfähig gemacht. "2006 wird Deutschland zum vierten Mal in Folge Exportweltmeister werden - und das trotz der Massenarbeitslosigkeit", sagt Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer.

Marion Trimborn/DPA / DPA

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