Öl für Paläste "Eindruck einer Missetat"


"Öl-für-Lebensmittel" war der gut gemeinte Versuch der Uno, dem irakischen Volk unter Saddam Hussein zu helfen. Es endete als gigantischer Raubzug: Saddam machte Milliarden - unter den Augen der Uno. Und auch Kofi Annan gerät unter Druck.
Von Katja Gloger

Was war schon dabei? Im Dezember 1995 heuerte ein junger Mann mit gutem Namen als Trainée bei der Schweizer Firma Cotecna an. Er war smart, er war jung, er war ehrgeizig, und rasch stieg er auf zum stellvertretenden Verbindungsmann im westafrikanischen Nigeria, einem wichtigen Markt für seinen Arbeitgeber. Damals erholte sich die Firma Cotecna gerade von einer großen Bestechungsaffäre, in die Pakistans Premierministerin Benazir Bhutto verwickelt war. Deren Familie soll bis zu zwölf Millionen Dollar Bestechungsgelder erhalten haben, lauteten die Vorwürfe, unter anderem von Cotecna . Da konnte ein junger Mann mit gutem Namen nicht schaden - zumal, da dieser Kojo Annan der Sohn des Uno-Generalsekretärs ist.

Oil-for-Food größtes Hilfsprogramm der Vereinten Nationen

Und es war wohl nicht mehr als ein Zufall, dass sich Cotecna damals um einen Millionen-Auftrag bei der UN= beworben hatte. Es ging um die Abwicklung der Lieferungen aus dem gigantischen Hilfsprogramm "Oil-for-Food", Öl-für-Lebensmittel: im Rahmen dieses Programms war es dem irakischen Diktator Saddam Hussein gestattet, Öl zu exportieren. Von den Einnahmen sollte er vor allem humanitäre Güter für sein Volk kaufen - unter strikter Kontrolle der Uno. "Oil-for-Food", genannt OFF, entwickelte sich rasch zum größten Hilfsprogramm in der Geschichte der Vereinten Nationen. Sie kontrollierte Wareneinkäufe im Wert von 46 Milliarden Dollar. Und Firmen wie Cotecna prüften dabei den Warenfluss an Grenzübergangsstellen. Im Dezember 1998 hatte Cotecna schließlich den zunächst mit 4,8 Millionen Dollar bezifferten Uno-Auftrag erhalten.

Doch bald schon wurde erste Kritik laut am Sohn des Uno-Generalsekretärs und seinem Arbeitgeber. Kojo Annan habe die Firma im Dezember 1998 verlassen, hieß es. Auch eine interne Uno-Prüfung konnte keine Patronage feststellen. Für leisen Unmut sorgte einzig ein Bericht, der bemängelte, dass die Firma Cotecna ihr kostengünstiges Angebot wenige Tage nach Auftragserteilung nach oben korrigiert hatte.

Kofi Annan zeigt sich enttäuscht von seinem Sohn Kojo

Doch vergessen wurde dabei offenbar: Noch bis zum Februar 2004 wurde Kojo Annan von seinem ehemaligen Arbeitgeber mit monatlich 2500 Dollar bedacht. Es handle sich um ganz normale Zahlungen für die Schweigepflicht des ehemaligen Mitarbeiters, heißt es bei Cotecna. Es mag ein ganz normaler Vorgang sein, eine ziemlich normale Geschichte vom berühmten Vater und seinem Sohn, doch es riecht nach Patronage und nach Korruption und das ist nicht gut für die Uno. Denn deren guter Ruf steht wegen des gescheiterten "Oil-for-Food" Programms auf dem Spiel. Und dies zu einer Zeit, in der Kofi Annan grundlegende Reformen der Organisation mit ihren 191 Mitgliedsstaaten durchsetzen will.

Er sei "enttäuscht", dass er von seinem Sohn offenbar nicht die volle Wahrheit erfahren habe, sagte Kofi Annan. Nun könne der "Eindruck einer Missetat" entstehen.

Wohl wahr: denn für die US-Administration scheint die Kofi-Kojo-Affaire die ideale Munition, um die UN sturmreif zu schießen: Der Uno-Generalsekretär mit dem internationalen Heiligenschein gerät ordentlich unter Druck und die Vereinten Nationen werden noch mal so richtig diskreditiert. Das passt zur Anti-Uno-Stimmung im Land, gibt späte Rechtfertigung für den US-Alleingang gegen den Irak und lässt die Uno als korrupten, reformunfähigen Bürokratenhaufen erscheinen.

"Dieser Skandal wird erst enden, wenn Kofi Annan zurücktritt, auch wenn er persönlich unschuldig ist", wütet der konservative Kommentator William Safire. "Er hat das Sekretariat der Vereinten Nationen in Unehre gestürzt." Der einflussreiche republikanische Senator Norm Coleman, Vorsitzender des wichtigen Investigativ-Ausschusses des US-Senats, gibt sich überzeugt: "Unsere Truppen im Irak wären wahrscheinlich nicht solchen Gefahren ausgesetzt, wenn die Uno ihren Job bei der Beaufsichtigung des "Oil-for-Food" Programms richtig gemacht hätte. Kofi must go!"

Fünf Kongress- und Senatsausschüsse für den "Oil-for-Food"-Skandal

In Washington laden seit Anfang des Jahres fünf Kongress- und Senatsausschüsse Zeugen im "Oil-for-Food" Skandal vor. In New York ermitteln zwei Staatsanwälte gegen US-Unternehmen und Banken. Für die UN wiederum arbeitet eine Ermittlungs-Truppe unter dem ehemaligen US-Zentralbanker Paul Volcker. Allein sie hat Zugriff auf 55 interne Prüfberichte der Uno. Im Januar soll sie Kofi Annan einen ersten Bericht vorlegen.

Korruption, Missmanagement und Patronage; Bürokratie, Desinteresse und Verantwortungslosigkeit - die Uno steht nicht gut da und ihr Chef Kofi Annan auch nicht. Dem Mann, der angetreten war, Transparenz zu schaffen, die Vereinten Nationen und ihren überkommenen Sicherheitsrat gründlich zu reformieren, könnte der "Oil-for-Food" Skandal noch schwer zu schaffen machen. Denn was als gut gemeinter Versuch begann, einem Volk zu helfen, das unter den Uno-Sanktionen gegen einen kriegswütigen Diktator litt, endete als einer der größten Raubzüge der Geschichte - geduldet von der Uno. Saddam Hussein scheffelte Milliarden Dollar, schmuggelte Millionen Barrel Öl und erkaufte sich politische Unterstützung mit Bestechungsgeldern, möglicherweise auch bei hohen Uno-Diplomaten.

Zu seinen "Geschäftspartnern" sollen osteuropäische Präsidenten ebenso wie Ölhändler mit Sitz in den USA gezählt haben. Nach vorsichtigen Schätzungen kassierte Saddam insgesamt elf Milliarden Dollar. Nach Berechnungen eines US-Ausschusses könnten es aber auch 20 Milliarden Dollar gewesen sein. Und viele verdienten kräftig mit: Russische Firmen vor allem und französische und chinesische - Länder mit Vetorecht im Uno-Sicherheitsrat. Aber auch die USA machten ihren Schnitt. Denn in den Raffinerien des ölgierigen Landes wurde letztlich ein Großteil des von Saddam geschmuggelten Öls verarbeitet. Teilweise bezogen die USA sieben Prozent ihrer Ölimporte aus dem Irak.

Lesen Sie im zweiten Teil: Korruption und Manipulation, eine gelähmte Uno und Kickback-Gelder im Diplomatenkoffer


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