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Breslau: "Die Russen kommen!"

Der Kampf um Breslau, der Hauptstadt Schlesiens, wurde erbittert geführt, während die Zivilbevölkerung hilflos in der Falle saß. Nach der Kapitulation mussten fast alle Deutschen ihre Heimat verlassen.

"Die Russen kommen!" wurde zum Schreckensruf unter den Deutschen im Osten. Am 15. Februar 1945 schloss sich der Ring der Roten Armee um Breslau. Von diesem Tag an gab es kein Entrinnen mehr aus der schlesischen Hauptstadt, die 1939 rund 630.000 Einwohner zählte und im Herbst 1944 auf Befehl Hitlers zur "Festung" erklärt worden war. Auf Anordnung des NS-Gauleiters Karl Hanke vom 20./21. Januar hatte der Großteil der Breslauer im strengen Winter überstürzt die Stadt verlassen müssen - wegen unzureichender Transportmittel über 100.000 Menschen zu Fuß. "Alle Frauen und Kinder verlassen sofort die Stadt...", wurde über Lautsprecher und auf Plakaten bekannt gegeben. Die meisten von ihnen flüchteten zunächst nach Böhmen und Sachsen. Doch bei Schnee und eisiger Kälte und unter chaotischen Fluchtbedingungen kamen Tausende, darunter viele Kleinkinder sowie Alte und Kranke, ums Leben.

In der von einer gewaltigen sowjetischen Übermacht eingeschlossenen Stadt befanden sich Mitte Februar außer rund 40.000 Soldaten und Volkssturmmännern noch zwischen 150.000 und 250.000 Zivilisten. Einwohner der Stadt, vor allem Frauen und Kinder, sowie ausländische Zwangsarbeiter hatten schon in den vorangegangenen Monaten unter großen Verlusten am Bau von Verteidigungswällen arbeiten müssen. Breslau, der "Luftschutzkeller der Reiches", hatte sich jahrelang außerhalb der Reichweite alliierter Luftangriffe befunden und war daher Standort mehrerer Munitionsfabriken.

Bücher für den Barrikadenbau

In der weitgehend unbefestigten Stadt wurden Gebäude abgerissen, um Material für Verteidigungsanlagen zu gewinnen und den vorrückenden Russen im Häuserkampf die Deckung zu nehmen: die "Breslauer Methode". Die Bibliothek der traditionsreichen Universität musste tausende Bücher herausgeben, die zum Barrikadenbau verwendet wurden. Mitten in der Stadt wurden wegen Ausfalls des Vorortflughafens Gandau in Tag- und Nachtarbeit ganze Straßenzüge dem Erdboden gleichgemacht, um dort unter feindlichem Feuer eine improvisierte Start- und Landebahn anzulegen.

Der Kampf um Breslau wurde von beiden Seiten erbittert geführt, während die Zivilbevölkerung hilflos in der Falle saß. In Straßenkämpfen wurden Häuser zerstört, häufig von deutschen Soldaten gesprengt, um den näher rückenden sowjetischen Divisionen möglichst keine Deckung zu geben. Die Stockholmer Zeitung "Svenska Dagbladet" schrieb am 22. März: "In Breslau wird nicht nur um jedes Haus, Stockwerk oder Zimmer gekämpft, sondern um jedes Fenster (...) Während des gesamten Krieges hat es keine Parallele zu einem so dramatischen Kampf (...) gegeben".

Gauleiter Hanke, der die sofortige Erschießung aller angeordnet hatte, die aus der "Festung" zu fliehen versuchten, setzte sich wenige Stunden vor der Kapitulation der Stadt per Leichtflugzeug aus dem belagerten Breslau ab - es war die einzige Maschine, die jemals auf dem improvisierten Flugfeld östlich der Kaiserbrücke abhob. Ende Januar hatte er den ihm missliebigen zweiten Bürgermeister der Stadt, Wolfgang Spielhagen, wegen angeblicher Fluchtvorbereitungen öffentlich hinrichten und die Leiche in die Oder werfen lassen.

Stadt in Trümmern

Breslau kapitulierte am 6. Mai 1945, Tage nachdem der Kampf um Berlin schon zu Ende war. Für die verbliebene Bevölkerung, die wochenlang unter Zwangsarbeit, Belagerung, Kämpfen und Zerstörungen gelitten hatte, war mit der Kapitulation keine Erleichterung in Sicht. Krankenhäuser und Kanalisation waren zerstört, Epidemien verbreiteten sich angesichts der katastrophalen Verhältnisse. Nach Schätzungen des britischen Historikers Norman Davies kamen im Kampf um Breslau insgesamt 170.000 Zivilisten, 6.000 deutsche und 7.000 sowjetische Soldaten ums Leben. Wie auch in anderen deutschen Städten wurden zahlreiche Frauen von Sowjetsoldaten vergewaltigt. Rund 70 Prozent der Stadt lagen in Trümmern.

Wie kaum eine andere Stadt steht Breslau, das heute Wroclaw heißt, in besonderer Weise für die Geschichte von Flucht und Vertreibung. Die Deutschen, die noch in der Stadt lebten, mussten in der Nachkriegszeit fast alle ihre Heimat verlassen. An ihre Stelle rückten überwiegend Polen aus dem heute westukrainischen Lemberg (Lwow/Lwiw), die auf Grund der Beschlüsse von Jalta aus ihrer Heimat im damaligen Ostpolen vertrieben wurden.

Eva Krafczyk/DPA / DPA
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