Brigitte Frank Schamlos gierig und ohne jede Reue

Über seinen Vater, den "Schlächter von Polen", hat Niklas Frank 1987 ein bitterböses Buch geschrieben. Jetzt rechnet er mit seiner Mutter ab.

Es waren selige Zeiten, als die Mörder noch unter uns waren. Ein schneller Krieg, und schon konnte man reich, berühmt und mächtig werden. Es gab Villen umsonst, Schlösser, Burgen. Ein Paradies tat sich auf, als die Deutschen 1939 Polen überrannten. So kam auch die deutsche Familie Frank auf die prächtige Krakauer Burg: Hitlers treuer Paladin Hans Frank als NS-Generalgouverneur, seine glückliche Gattin Brigitte als Erste Dame an seiner Seite, die sich fortan gern die "Königin von Polen" nennen ließ. Und just als der Generalgouverneur sich anschickte, Krakau "judenrein" zu machen, notierte Brigitte: "Ja, es ist für deutsche Frauen eine Lust zu leben".

"Das waren wir, die Franks"

Dann inspizierte die Königin ihr neues Reich und zwitscherte: "Kinder, niemand schneidert hübschere Korseletts als die Juden im Ghetto", während Sohn Niklas, der vierjährige Prinz von Polen, in Vatis Limousine durch Krakau kutschierte und jüdischen Buben die Zunge rausstreckte und erst viel später erfuhr, dass polnische und jüdische Kinder in seinem Alter von Deutschen an Häuserwänden totgedroschen wurden. Als der Junge nach dem Krieg die ersten KZ-Fotos aus dem Osten mit den vielen Leichen sah, ahnte er sofort, wer die Schuldigen waren: "Das waren wir, die Franks."

Buch-Tipp

Niklas Frank: "Meine deutsche Mutter",
Bertelsmann, 22,90 Euro

"Meine deutsche Mutter" nennt der langjährige, ehemalige stern-Autor Niklas Frank sein neues Buch. Es ist die Annäherung an eine von Herzen unsympathische Person, die den Zeitgeist riechen konnte. Eine kleine Provinz-Tippse mit dem unbändigen Drang nach oben. Eine Frau, die blitzschnell den Nutzwert ihrer zahlreichen Geliebten zu kalkulieren wusste. Eine Überlebenskampfmaschine, zum Fürchten tüchtig. Ein Raffzahn durch und durch, in ihrem Gefühlshaushalt ebenso wie im besetzten Polen. Und dennoch sagt der Sohn: "Ich habe sie verzweifelt geliebt." Das ist nun wieder sympathisch.

Im Oktober 1946 wurde Hans Frank, der "Schlächter von Polen", in Nürnberg als Kriegsverbrecher gehängt. Das Vermögen der Familie wurde eingezogen. Geld, Haus, Hof, Macht, Ruhm: alles weg. Die schönsten Jahre dieser Frau waren unerbittlich vorbei. Brigitte Frank starb 1959, sie wurde 64 Jahre alt.

Abrechnung mit dem Vater

1987 veröffentlichte Niklas Frank das aufsehenerregende Buch "Der Vater" - eine bittere Abrechnung mit Hans Frank. "Meine deutsche Mutter" ist nun die Fortsetzung, das äußerst lesenswerte Porträt einer Frau, die der liebende Sohn nicht verkitscht zur ewig ahnungslosen Mutti mit fünf Kindern an der Seite des mächtigen Nazi-Gemahls. Er zeigt vielmehr, was sie geworden war: schamlos gierig, ohne jede Reue und völlig desinteressiert am Tod von Millionen von Menschen.

Gerda-Marie Schönfeld print

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