DDR Kunst für Bananen und Jeans


Laut einem "streng vertraulichen" Beschluss des DDR-Ministerrates von 1973 sollten Kunstwerke mit Millionenwert verkauft werden. Dringend benötigte die DDR Devisen, doch die Weisung stieß auf heftigen Widerstand.

Die DDR verkaufte bekanntermaßen auch massenweise Antiquitäten zur Beschaffung von Devisen sowie zum Ankauf von Bananen und amerikanischen Jeans-Hosen. Als das immer noch nicht genug Geld einbrachte, sollten auch die großen Museen ihre Depots um wertvolle Kunstwerke "erleichtern" und auf den internationalen Kunstmarkt werfen.

Erlass zur Plünderung der Museumsdepots

Über einen entsprechenden staatlichen Erlass von 1973 zur offiziellen Plünderung der Museumsdepots bald nach der Ablösung des SED-Chefs Walter Ulbricht durch Erich Honecker berichtet jetzt der frühere Ost-Berliner Museumsdirektor Günter Schade im neuesten Jahrbuch der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Es ist das "Protokoll eines gescheiterten Millionendeals".

Danach habe es einen "streng vertraulichen" Beschluss des DDR-Ministerrates gegeben, Kunstwerke aus den Museen im Werte von 55 Millionen "Valutamark" (also nicht DDR-Mark, sondern in frei konvertierbarer Währung) in den internationalen Kunsthandel zu geben. Kulturminister sei damals zu Beginn noch Klaus Gysi gewesen, der in dem Jahr bald von Hans-Joachim Hoffmann abgelöst wurde.

Die Weisung sei bei den Museumsdirektoren auf "großes Unverständnis" und hinhaltenden Widerstand gestoßen, zumal sie auch gegen eigenes DDR-Recht verstoßen habe. Sogar eine Unterschriftenaktion wurde initiiert. Namhafte Künstler wie die Maler Willi Sitte oder Walter Womacka und der Filmregisseur Konrad Wolf, Bruder von Spionagechef Markus Wolf, wurden eingeschaltet.

Eine zentrale Rolle sollte bei der Aktion, für die wertvolle Gemälde oder auch das berühmte "Aleppo-Zimmer" des Islamischen Museums um 1600 zur Disposition gestellt wurden, die "Kommerzielle Koordinierung" des Devisenbeschaffers Alexander Schalck-Golodkowski spielen. Laut Schalck-Golodkowski soll der SED-Chefideologe Kurt Hager der Initiator dieses Kunstverkaufes gewesen sein, wie der Devisenbeschaffer in seinen Memoiren behauptet. Das Museum für Ur- und Frühgeschichte bot im Frühjahr 1973 der Stiftung Preußischer Kulturbesitz kaukasische Bronzefunde zum Kauf an, was allerdings auch sowjetische Interessen berührt hätte.

Kontaktaufnahme trotz Verbots

Um die Abwanderung der nationalen Kulturgüter aus Deutschland zu verhindern, nahmen Ost-Berliner Museumsdirektoren auch - offiziell untersagten - Kontakt zur Stiftung Preußischer Kulturbesitz im Westteil Berlins auf. Stiftungspräsident war der damalige Innenminister Hans-Dietrich Genscher, der über diese "nationale Notlage" im Kulturbereich informiert wurde. Sogar von der Einrichtung einer Nationalstiftung eigens zum Zweck der Rettung dieses "gesamtdeutschen Kulturgutes" war die Rede. Und in der Sowjetunion, die in den 50er Jahren demonstrativ wertvolle Museumsbestände an die DDR wieder zurückgegeben hatte, wurden die DDR-Pläne mit Argusaugen verfolgt.

Die damals um internationale Reputation und Anerkennung bemühte DDR, die auch den gerade abgeschlossenen Grundlagenvertrag mit der Bundesrepublik nicht gefährden wollte, sah ihr Ansehen in Gefahr und machte schließlich einen Rückzieher. Die "Angelegenheit" habe sich erledigt, teilte das DDR-Kulturministerium kurz und bündig in einem Telefonat dem Generaldirektor der Ost-Berliner Museen ohne jede weitere Begründung mit.

Wilfried Mommert/DPA DPA

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