Dutschke-Heimat Luckenwalde Die Stadt mit dem Pullover


Die Luckenwalder hadern mit dem bekanntesten Sohn der Stadt - trotz Ausstellung und Ehrenmal. Rudi Dutschke, der vor genau 40 Jahren ein Attentat überlebt hatte, ist vielen Brandenburgern zu sehr Vergangenheit und vor allem zu sehr Westen. Ein Besuch in der Heimat des Studentenführers.
Von Doris Hellpoldt

Es klingt fast ein bisschen trotzig, wenn Roman Schmidt am Ende seiner Führung durch das Heimatmuseum sagt: "Wir brauchen den Dutschke eigentlich gar nicht." Viel zu oft reduzieren die Besucher sein Museum - und irgendwie auch die Stadt Luckenwalde - auf Dutschkes Strickpulli. "Der bekannteste Pullover Deutschlands", das steht auf dem Glastäfelchen neben dem Pulli. Natürlich sei er auch stolz, ihn hier zu haben. Aber es sei eben nur einer von "zwölf Schätzen" von Luckenwalde.

Das Kleidungsstück teilt sich die Vitrine im Eingangsbereich des Heimatmuseums mit einem Holzpaddel aus Papua-Neuguinea, daneben stehen Whiskey-Flaschen mit Originalverschluss aus dem "VEB Edelbrände und Spirituosen Luckenwalde" und eine schmutzig-silberfarbene Fahnenspitze mit FDJ-Emblem. Die "Ost-Geschichte" ist hier präsenter. Verständlich, denn "die 68er waren für die Leute hier ein West-Problem", sagt Helmut Dutschke. "Es hat einfach keinen interessiert."

Gedenkstele zwischen ehemaligen Bürgermeister

Auch ein Grund dafür, warum er, der Bruder des wohl bekanntesten Studenten der 68er-Generation, immer wieder an Grenzen stößt sind mit seine Versuchen, bei den Luckenwaldern, wenn schon kein Verständnis, dann doch wenigstens ein Bewusstsein für Rudi Dutschke zu wecken. Immerhin: Die Gedenkstele für den Studentenführer steht zwischen ehemaligen Bürgermeistern, Stadträten und Ehrenbürgern.

Für die meisten Menschen in Luckenwalde ist Dutschke eine theoretische Figur. Zu weit weg, zu sehr Vergangenheit. "Die Leute hier haben andere Sorgen", sagt Museumsleiter Roman Schmidt. Die Stadt ist seit der Wende von 28.000 auf 21.000 Einwohner geschrumpft. Wie überall im Osten viele Arbeitslose, viele auf Hartz IV. Es gibt einen neuen Biotechnologiepark, eine Kunsthalle, ein Stadttheater - und eben Rudi Dutschke.

In Luckenwalde hielt Dutschke seine erste öffentliche Rede. 1958 war das, er stand kurz vor dem Abitur. Bei einer Schulversammlung sprach er sich gegen eine Wiederbewaffnung in Deutschland aus, gegen die immer offensiveren Rekrutierungsmaßnahmen der Nationalen Volksarmee, NVA. Es kostete ihn das erträumte Journalistik-Studium in Leipzig. Seine Abiturnote wurde auf 3 heruntergesetzt - nicht gut genug.

Im Sommer 1961, kurz vor dem Mauerbau, ging Dutschke nach Westberlin, machte dort noch einmal Abitur. Dann das Studium - Soziologie statt Sportjournalismus. Was genau er in Berlin tut, erfährt die Familie nicht. In Briefen von und nach Luckenwalde beschränkt man sich vorsichtshalber meist auf unverfängliche Informationen, Familiengeschichten. Die wenigen Besuche finden unter Stasi-Überwachung statt. Trotzdem kommt er ab und an, am Sonntagnachmittag, zum Skat-Spielen mit Vater und Brüdern. Einmal erkennt ihn die Mutter im Westfernsehen, in der ersten Reihe einer Studentendemonstration. Ein Schock für sie.

Das Attentat auf ihren Jüngsten am 11. April 1968 hat sie nicht mehr erlebt. Bei den Brüdern ist die Erinnerungen daran aber noch lebendig: die Odyssee durch Westberlin, um ihn im Krankenhaus zu besuchen. Vorher der Weg durch die Ämter, alles abhängig vom Wohlwollen einiger Bekannter an einflussreichen Stellen. Neben diesen Geschichten haben sie nur ein paar persönliche Dinge zurückbehalten, Fotos, Zeugnisse. Und den Strickpullover, der nun im Museum hängt.

Nach der Wende kam dann doch nach und nach das Interesse -in Wellen, immer rund um die Jahrestage. Wenn mal wieder eine Gruppe engagierter Lehrer ein medienwirksames Schulprojekt anschob. Eine preisgekrönte Wanderausstellung entstand so, 1993. Ein Dokumentarfilm, von Schülern gedreht. 2005 ein Theaterstück.

Alles Weitere findet sich jetzt im Heimatmuseum. Sorgsam verpackt im Archiv-Bereich unter dem Dach bewahrt Museumschef Schmidt weitere Dutschke-Schätze auf: Seine Doktorarbeit, übersät mir handschriftlichen Anmerkungen in rot, grün, blau. Den Druck-Kugelschreiber, mit dem diese Anmerkungen geschrieben wurden. Eine Lederjacke und der erste Ausweis, den Dutschke in West-Berlin bekommen hat.

Im Gästebuch es Museums finden sich Einträge wie "Wir kamen, um Rudi Dutschkes Pullover zu betrachten und sind beeindruckt." Museumschef Schmidt nimmt es mit Humor, beharrt aber darauf, dass Luckenwalde und das Museum mehr zu bieten haben als Dutschke-Memorabilia.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker