HOME

Entscheidungsschlacht: Stalingrad - Mythos und Mahnmal

Neun eisige Wochen ist die 6. deutsche Armee im Winter 1942/43 in Stalingrad eingekesselt. "Munition praktisch verschossen", funkt General Paulus nach Berlin. Hitler befiehlt: "Festung Stalingrad" halten.

Noch im Frühjahr 1942 sah es so aus, als ob die Rote Armee keine Chance hätte, die deutsche Wehrmacht jemals zurückzuschlagen. Doch schon im Herbst, in Stalingrad an der Wolga, erlebte die deutsche Wehrmacht in einer Materialschlacht ohne Gleichen ihre erste vernichtende Niederlage im Krieg gegen die Sowjetunion - der Wendepunkt an der Ostfront.

Stalingrad gilt noch immer als die berüchtigste Schlacht des Zweiten Weltkriegs. Zum militärischen Superlativ wurde sie wegen des Kessels, in dem sich die Deutschen seit dem 23. November 72 Tage lang befunden hatten. Nachdem die 6. Armee im Herbst 1942 zunächst 90 Prozent der Stadt erobert hatte, begann die Sowjetarmee am 19. November mit einer Gegenoffensive. Sie führte zur Einkesselung und nach erbitterten Kämpfen am 31. Januar 1943 zur Kapitulation der deutschen Truppen.

Über eine Million Tote

Kaum ein Ereignis der Militärgeschichte hat sich ähnlich traumatisch in das Bewusstsein der Deutschen eingeprägt wie die Schlacht an der Wolga vor 60 Jahren. Mehr als eine Million Menschen starben bei den Kämpfen, Soldaten wie Zivilisten, Russen, Deutsche, aber auch Österreicher, Ukrainer, Rumänen, Ungarn und Italiener - gefallen, erfroren, verhungert.

Während Hitler den militärischen Sachverstand seiner Generäle immer krasser ignorierte, lernte Stalin allmählich, auf seine führenden Militärs zu hören. Die sowjetische Rüstungsproduktion kam in Schwung, und die deutsche Wehrmacht hatte - über 1.500 km weit auf sowjetischem Gebiet - wachsende logistische Schwierigkeiten.

Nach dem Scheitern der deutschen Moskau-Offensive und den erbitterten Abwehrkämpfen des Winters 1941/42 wollte die Führung im Sommer 1942 mit einer neuen Offensive die Entscheidung suchen. Ausgangspunkt der deutschen Katastrophe war die "Operation Blau" - ein geheimer Angriffsplan Hitlers, der auf die russischen Erdölreserven im Kaukasus zielte. Und Hitler war überzeugt von der Durchschlagskraft seiner Elitetruppe, der 6. Armee, die schon am Frankreich-Feldzug erfolgreich teilgenommen hatte: "Mit der 6. Armee kann ich den Himmel stürmen."

Im August 1942 erreichten deutsche Truppen dann erstmals die Wolga. Anfang September gelang es ihnen, einen Ring um Stalingrad zu schließen. Die Rote Armee hatte sich zu diesem Zeitpunkt jedoch schon in die Stadt zurückgezogen und dort festgesetzt. Von Blitzkrieg und einer schnellen Eroberung konnte mittlerweile keine Rede mehr sein.

Erst Mitte September schafften es deutsche Verbände, bis in das Stadtzentrum vorzudringen. Voreilig feierten sie den Sieg. Für etwa 170.000 deutsche Soldaten wurde die Stadt, die ihren Namen zu Ehren des roten Diktators trug, zum Massengrab. Die Schlacht wurde zu einem erbitterten, zähen und aufreibendem Kampf um Häuserblöcke und Straßenzüge, Mann gegen Mann. Oft nur geringe Erfolge mussten mit ungeheuren Verlusten erkauft werden.

Durchschnittliche Lebenserwartung von 24 Stunden

Sturzkampfbomber legten die Stadt in Schutt und Asche. Am Boden lagen sich die Stellungen bald nur noch ein bis zwei Meter voneinander entfernt gegenüber, mit aufgesetzten Bajonetten kam es zum Nahkampf.

Nie gelang es der 6. Armee, die Stadt vollständig einzunehmen. Und die Gebietsgewinne waren gering. Trotz des Einsatzes speziell für den Häuserkampf ausgebildeter Pioniere konnten am Tag oft nur wenige Quadratmeter erobert werden. Hatten deutsche Kommandos ein Gebäude erobert, war es oft nach nur wenigen Stunden wieder in russischem Besitz. Der Hauptbahnhof wechselte allein am 14. September fünfmal den Besitzer. Ein Rotarmist, der nach Stalingrad kam, hatte eine durchschnittliche Lebenserwartung von 24 Stunden. Stalingrad wurde damals nicht ganz zu unrecht als "russisches Verdun" bezeichnet.

Am 19. November 1942 begann die Rote Armee mit einer groß angelegten Gegenoffensive. Die Soldaten der russischen Heeresgruppen durchbrachen die Stellungen der mit Deutschland verbündeten rumänischen 3. und 4. Armee und schlossen die deutsche 6. Armee unter General Paulus mit etwa 284.000 Mann zwischen Wolga und Don ein. Vom Oberbefehlshaber bis zu den Kommandierenden Generälen und Divisionskommandeuren im Kessel waren sich alle einig, dass nur ein schneller Ausbruch Rettung bringen konnte.

Hitlers Starrsinn

Statt der tödlich bedrohten Armee den Rückzug zu befehlen, forderte Hitler starrsinnig, sie solle sich "einigeln". Man werde sie auf dem Luftweg versorgen.

Er hatte Stalingrad bereits zum Symbol des deutschen Siegeswillens erklärt, ein Rückzug kam nicht in Frage. Mit der Eroberung des strategisch bedeutenden Rüstungs- und Verkehrszentrums an der Wolga verband er schließlich einen persönlichen Prestigeerfolg über seinen schärfsten Gegner, dessen Namen die Stadt trug.

Zehntausende Verwundete lagen praktisch ohne Versorgung in den Kellern der Ruinenstadt. Typhus, Ruhr, Cholera und Gelbsucht breiteten sich aus. Neun eisige Winterwochen war die sechste deutsche Armee in Stalingrad eingekesselt. Spätestens als der am 24. Dezember unter der Tarnbezeichnung "Donnerschlag" durchgeführte Entsatzversuch General Hoths gescheitert war, musste zumindest der militärischen Führung der eingeschlossenen Truppen klar gewesen sein, dass die Armee nur noch vor der Wahl zwischen Tod und Gefangenschaft stand. "Munition praktisch verschossen", funkt General Friedrich Paulus Ende Januar 1943 nach Berlin. Er will die Kapitulation. Hitler lehnt ab.

Stattdessen beförderte er Paulus am 30. Januar 1943 zum Generalfeldmarschall. Der wahre Sinn der Beförderung: Hitler forderte ihn dadurch indirekt zum Selbstmord auf, denn noch nie war ein Feldmarschall in Gefangenschaft gegangen. Und der Diktator wollte den Untergang seiner Armee - Heldenlegenden waren ihm lieber als eine schmachvolle Niederlage. Rund 170.000 Soldaten waren dem Wahn an der Wolga schon zum Opfer gefallen.

"Sie starben, damit Deutschland lebe", heißt die offizielle Lesart in der NS-Propaganda. Am Ende kapitulierte Paulus mit 91.000 Soldaten. Nur 6.000 von ihnen sollten - nach langen Jahren der Gefangenschaft - die Heimat lebend wiedersehen.

Schon in den ersten Monaten nach der Schlacht erlagen weitere 50.000 Deutsche ihren Verletzungen oder den Typhus-Epidemien in den Gefangenenlagern. Die Überlebenden warteten in Auffanglagern auf ihren Transport nach Sibirien, wo weitere 35.000 Mann in Stalins Konzentrationslagern den Tod fanden.

Wendepunkte der Geschichte

El Alamein und Stalingrad: Wendepunkte der Geschichte. Den Sieg der Briten in Afrika kann Hitler-Deutschland noch verkraften, die Niederlage in Russland wird aber zum Menetekel der Katastrophe. Das Gesetz des Handelns ging nunmehr auf die Rote Armee über. Weit reichender als die militärischen Folgen waren die Auswirkungen auf die Moral der deutschen Bevölkerung. Die Niederlage führt vielen Deutschen Anfang 1943 vor Augen, dass der Krieg nicht zu gewinnen ist. Doch Goebbels schreit in den Berliner Sportpalast: "Wollt ihr den totalen Krieg?" Deutschland wird ihn in den folgenden beiden Jahren erleben - bis zum bitteren Ende.

Dusko Vukovic