HOME

Heilsarmee: Soldaten mit Suppenkelle

Als Methodistenprediger William Booth 1878 sich dazu entschied, seine Bewegung "Heilsarmee" zu nennen, gelang ihm damit ein großer Wurf, denn die Armee war damals hoch angesehen. Doch mit der "Halleluja-Armee" geht es schon lange bergab.

Die Heilsarmee kocht ihre Suppe noch immer wie vor 125 Jahren. Dick ist sie, körnig und von gelbbrauner Farbe. Eine nahrhafte Mahlzeit - aber keine Köstlichkeit. Was beabsichtigt ist, denn schließlich soll man nach dem Verzehr den Entschluss fassen, sein Leben zu ändern. Das ist die Philosophie - heute genauso wie 1878, als sich die Heilsarmee ihren eingängigen Namen zulegte.

Manche Bücher geben den 13. August als Datum an. Aber dieser Tag ist nirgendwo belegt. Gordon Taylor, Hauptarchivar in der Londoner Zentrale der Heilsarmee, weiß nur, dass sich der ehemalige Methodistenprediger William Booth (1829-1912) irgendwann im Sommer 1878 dazu entschied, seine Bewegung "Christliche Mission" in "Heilsarmee" umzubenennen.

Diskussion um Namensänderung

Das war ein großer Wurf, denn die Armee stand damals in hohem Ansehen. Eine neue evangelische Freikirche, die den "Hochburgen des Teufels" den Krieg erklärte, eine Zeitung mit dem Namen "Der Kriegsschrei" druckte und ihre Mitglieder in Uniformen steckte - das machte Eindruck. Heute schreckt es ab. In der Heilsarmee wird schon länger darüber diskutiert, ob der Name geändert werden soll.

Weltweit haben die Soldaten mit der Suppenkelle immer noch Zulauf. In 109 Ländern bezeichnen sich insgesamt mehr als eine Million Menschen als Heilssoldaten oder Salutisten. Aber in Europa geht es schon lange bergab. Je reicher ein Land wird, desto schwerer hat es die Heilsarmee. Als sie im 19. Jahrhundert in den Slums des Londoner East End entstand, lag dort die durchschnittliche Lebenserwartung bei 35 Jahren. Heute rufen in London selbst soziale Stiftungen dazu auf, Bettlern kein Geld mehr zu geben: Niemand müsse auf der Straße sitzen, wenn er nicht wolle. Warum soll man da noch etwas in die Sammelbüchse werfen? Eine, die noch anders denkt und große Summen spendet, ist die holländische Königin Beatrix, eine tiefgläubige Kalvinistin.

Die "Halleluja-Armee" macht es ihren Soldaten nicht leicht. Das zeigt schon ihr Hauptquartier: Ein Wehrturm mit schwarzem Kreuz überragt eine weit verzweigte Kaserne aus dunklem Backstein, in der man sich als Fremder verläuft. Die Leute, die einem dann freundlich den Weg weisen, wirken allerdings in keiner Weise bedrückt - sie lächeln, und es sieht nicht aufgesetzt aus.

Harte Arbeit in Männerwohnheimen und Suppenküchen

Wer die Uniform mit den Schulterklappen anzieht und den Hut mit den roten Bändern aufsetzt, der entscheidet sich für harte Arbeit in Männerwohnheimen und Suppenküchen, für Disziplin und Entsagung. Das liegt nicht gerade im Trend, und so fehlt es an Nachwuchs. Die meisten Jungen kommen aus Familien, die schon seit Generationen dazugehören. Der Ururgroßvater des 37 Jahre alten John Hughes, der heute im Archiv der Heilsarmee arbeitet, setzte sich einst verkehrt herum auf sein Pferd und ritt so die Dorfstraße herunter, um das Interesse an seinen Predigten zu steigern.

Solche Aktionen könnte die Heilsarmee heute auch wieder gebrauchen. Eine gewisse Anpassung gibt es aber durchaus: So dürfen seit kurzem auch Offiziere ihren Ehepartner frei wählen anstatt sich auf andere Salutisten zu beschränken und außerdem noch die Zentrale um Erlaubnis zu bitten. Doch all zu große Zugeständnisse an den Zeitgeist will man auch wieder nicht machen. Im Kern geht es nun einmal um Selbstaufopferung, nicht Selbstverwirklichung. "Es muss von Herzen kommen", sagen altgediente Soldaten. Das sei noch immer das Salz in der Suppe der Heilsarmee.

Christoph Driessen / DPA
Themen in diesem Artikel