Hollywood Von der Pleite zum Hit


4400 Leute warten auf ihren Einsatz, der Hauptdarsteller kostet eine Millionen Dollar. Das Drehbuch ist vermurkst, der Produzent fast bankrott. Dennoch wird "Vom Winde verweht" einer der erfolgreichsten Filme aller Zeiten.

Seit drei Tagen hat David O. Selznick nicht geschlafen. Pillen und Alkohol halten den Produzenten wach. Hollywood im Februar 1939: Die Dreharbeiten an der größten Filmproduktion aller Zeiten liegen still, jeder verlorene Tag kostet 10000 Dollar. Das Drehbuch ist unausgegoren. Die Mannschaft murrt. Gerade hat wieder ein Kameramann gekündigt. Den Regisseur hatte Selznick selbst gefeuert. Jetzt sind die Schauspieler unzufrieden.

Der Produzent will mit Margaret Mitchells Südstaaten-Epos "Vom Winde verweht", dem erfolgreichsten Buch der letzten Jahre, Filmgeschichte schreiben. Das mächtige Studio MGM hat viel Geld investiert. Selznick lässt sich noch einen Whisky bringen.

Kulissen von über zwei Kilometer Länge werden in Originalgröße gebaut, von Atlantas Kirche bis zu Scarlett O'Haras Schlafzimmer. 340 Kilometer Holzbalken haben Selznicks Handwerker verbaut. 2868 Kostüme sind geschneidert, 1000 Pferde, Hunderte von Kleintieren, 450 Fahrzeuge stehen bereit. 4400 Menschen warten auf ihren Einsatz vor oder hinter den Kameras.

Größer, besser, spektakulärer

Dieser Film soll größer, besser und spektakulärer werden als alles, was vorher im Kino zu sehen war. Drei Jahre haben die Vorbereitungen gedauert. Das Budget für "Vom Winde verweht" ist auf unfassbare vier Millionen Dollar angewachsen. Und ein Dollar ist viel Geld in jenen Tagen; eine Kinokarte kostet 50 Cent, eine große Filmproduktion üblicherweise nicht mehr als 200000 Dollar. Die Filmindustrie ist 1939 der elftgrößte Wirtschaftszweig der Vereinigten Staaten. Mit 530 neuen Filmen in diesem Jahr macht sie 700 Millionen Dollar Gewinn.

Selznick, Sohn osteuropäischer Einwanderer, ist mit seinen 37 Jahren schon selbstständiger Studioboss mit einer Machtfülle, die heute kaum mehr denkbar ist. Er hält alle Fäden in der Hand, kontrolliert Autoren, Schauspieler, Verleiher und Kinobetreiber. Doch "Vom Winde verweht" droht ihm zu entgleiten.

59 Sprechrollen stehen im Drehbuch - einmalig. Die Besetzung war eine Tortur. Zwei Jahre dauerte allein die Suche nach der perfekten Scarlett. Im ganzen Land hatten sich Kandidatinnen beworben, 1400 wurden zu Probeaufnahmen geladen. Auch Hollywoodgrößen wie Katherine Hepburn und Bette Davis sprachen vor. Sie konnten den Produzenten nicht überzeugen. Am Ende engagierte er die unbekannte Engländerin Vivien Leigh.

Sexsymbol und Superstar

Clark Gable, Sexsymbol und bis dahin teuerster Schauspieler der Welt, gibt den Helden Rhett Butler. Eine Million kostete es, ihn anzuheuern. Jetzt fühlt sich der Superstar wie ein Stück Fleisch verschachert, er lästert über seine Rolle ("nur für Frauen interessant"), hasst seine Kostüme ("noch nie so schlecht sitzende Anzüge getragen") und weigert sich, mit dem Regisseur zu arbeiten. Den hat Selznick also gefeuert. Wenn jetzt wenigstens gedreht werden könnte.

Der Produzent engagiert den besten Troubleshooter Hollywoods, Drehbuchautor Ben Hecht, Wochengage 15000 Dollar. Geschlagene drei Tage und Nächte spielt Selznick ihm und Victor Fleming, dem neuen Regisseur, jede einzelne Filmszene vor - Scarletts ganze Lebens- und Liebesgeschichte. Zeigt ihnen, wie die Heldin im Film wirken soll: zickig, verspielt, intrigant, tapfer, hinreißend charmant. Beschreibt die Wirren des Bürgerkrieges und die Niederlage der Südstaaten, jede einzelne Liebeserklärung haucht er ihnen vor. Und jetzt wird verdammt noch mal umgeschrieben. Und dann wird gedreht.

Selznick fällt aufs Sofa. Die Anwesenden fürchten, er sei ins Koma gefallen. Doch der Produzent schläft nur. Und wahrscheinlich träumt er vom größten Filmerfolg aller Zeiten. Von acht Oscars. Von mehreren Jahren ununterbrochener Laufzeit in den Kinos. Von weltweiter Faszination, von Einspielergebnissen, die für Jahrzehnte unübertroffen sein werden. Träumt von unendlichem Reichtum. Von einer unsterblichen Legende. Er wird das alles bekommen. Es ist der amerikanische Traum - made in Hollywood.

Barbara Mounier print

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