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Holocaust: KZ Halle - Die verdrängte Vergangenheit

Nach fast 63 Jahren seit Ende des Krieges und 18 Jahren deutscher Einheit haben ostdeutsche Kommunen noch immer Probleme im Umgang mit ihrer dunklen Vergangenheit aus der Nazizeit. Offensichtlich fand der Holocaust immer woanders statt, nur nicht vor der eigenen Tür.

Von Nico Wingert

Auf einem morastigen, mit Brombeerhecken und Sträuchern überwucherten Feldweg am nordöstlichen Stadtrand von Halle verliert sich die Spur des "Tausendjährigen Reiches" in einer kesselartigen Niederung. Umgeben von knapp zehn Meter hohen Böschungen befindet sich ein Areal mit einer Größe von rund 500 mal 500 Meter - ungefähr so groß wie vier Fußballfelder: Hier am Ende des Feldweges "Zum Goldberg" befand sich seit Juli 1944 das "KZ Birkhahn-Mötzlich", eines der über 150 Außenlager des KZ Buchenwald.

Ein von SS-Kommandos scharf bewachtes Lager, umzäunt mit Stacheldraht und Wachtürmen, die mit Scheinwerfern ausgerüstet waren. Täglich mussten die rund 550 KZ Häftlinge drei bis vier Kilometer zu den Flugzeugwerken Halle (Siebelswerke) hin- und zurück marschieren, um dort für die faschistische Rüstungsproduktion zu schuften. In Tag- und Nachtschichten wurden die Häftlinge vor allem bei der Fertigung von Tragflächen und der Montage für Sturzkampfflugzeuge und Bomber (Ju 88 und Ju 188) zwangsverpflichtet. Abweichungen von der Arbeitsnorm wurden mit Essenentzug und Prügel durch die SS-Wachmannschaften hart bestraft.

Verschüttet und Vergraben

Nichts, gar nichts mehr erinnert mehr heute noch an dieses dunkle Kapitel deutscher Geschichte. Das einstige Konzentrationslager ist begraben, zugedeckt von überwuchten Bauschutt und Pflastersteinen, die die Stadt heute dort entsorgt. Zu DDR-Zeiten befanden sich hier ein Schießplatz und das Übungsgelände der paramilitärischen Organisation GST. Bis heute kein Hinweisschild und auch keine Gedenktafel: Das Vergessen des ehemaligen Außenlagers des KZ Buchenwald scheint total zu sein.

"Ein KZ in Halle? Nein, es gab nur Zwangsarbeiter bei den Siebelswerken, die durften sogar frei rumlaufen", erklärt die Pressesprecherin Ria Steppan auf Anfrage. Deswegen gebe es auch kein Statement von der Oberbürgermeisterin Dagmar Szabados (SPD). Der Stadtarchivar würde mehr wissen.

Doch warum die Stadt Halle selbst nach 18 Jahren der Deutschen Einheit sich nicht weiter mit dem KZ in Halle auseinandergesetzt hat, vermag auch Archivar Ralf Jacob (40) nicht genau zu sagen. Immer wieder verweist Jacob auf die vielen Schriften und Bücher, die die Stadt zur Aufarbeitung der Nazizeit herausgibt. Relativ gut dokumentiert sind die Fremd- und Zwangsarbeiterlager der Siebelswerke. Auch über die aus Halle stammende SS-Bestie Reinhard Heydrich, Chef Reichsführer SS , der neben seinem Sekretär Adolf Eichmann maßgeblich Verantwortliche zur "Endlösung der Judenfrage" ist vielfältig dokumentiert.

"Nein, niemand könne behaupten, die Stadt setze sich nicht mit ihrer NS-Vergangenheit auseinander", so Jacob. Besonders Schüler, wie die vom Südstadtgymnasium dokumentierten eindrucksvoll Einzelschicksale von Deportierten, die auf den Internetseiten der Stadt nachzulesen sind. Die Schüler von der Wittekindschule ("Auschwitzprojekt") interessierten sich auch für das KZ Wansleben, knapp 18 Kilometer von Halle entfernt.

Verdienst eines "Hobby-Historiker"

"Vielleicht", so Jacob, könnten ja wieder Schüler die verhängnisvolle Geschichte des KZ in Halle aufarbeiten. Es würde ohnehin an Geld und Personal fehlen. Sollen wirklich nur Schüler und Rentner an der überfälligen Aufarbeitung des KZ in Halle wirken? Jacob wirkt ratlos, eigentlich müssten sich die "Stadtoberen" dazu äußern. Zumindest bei der politisch brisanten Fragestellung, wie sich die Stadt zu dem Holocaust vor ihrer eigenen Tür positionieren möchte.

Das nun Licht in dieses dunkle Kapitel des KZ "Birkhahn-Mötzlich" kommt, ist dem Ortschronisten und Hobby-Historiker Dr. Albert Osterloh (70) zu verdanken. Bei seinen Recherchen in den Bundesarchiven und bei der "Zentralen Stelle zur Verfolgung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg fand Osterloh erstaunliches heraus: Die dortigen Staatsanwälte ermittelten wegen des Aufhängen von zwei Häftlingen im KZ Halle gegen den dortigen Kommandanten , SS-Unterscharführer Johann Plicht (Az IV 429/AR 1947/66). Dabei fanden die Ermittler zwischen 1969 und 1972 acht polnische Überlebende aus dem KZ Halle. Ihre Berichte gehen weit über das jedermann und jederzeit im Internet zugängliche Archiv des "United States Holocaust Memorial Museum (ushmm)", in dem das KZ Halle auch gut dokumentiert ist, hinaus.

Die Überlebenden fertigten eine Skizze des Lagers an und berichteten detailliert über ihre Deportation, über den Lageralltag und die Hinrichtung durch Erhängen: Die Häftlinge Viktor Zebulski und Edmund Czerwinski (beide aus Litzmannstadt) sind Anfang 1945 im KZ Halle erhängt wurden. Mindestens ein weiterer Häftling sei bei einem Fluchtversuch erschossen wurden. Der Holocaust fand auch hier in der Saalestadt statt.

"Mindestens vier Lager gab es allein in Halle-Mötzlich" (siehe Skizze), ist sich Osterloh sicher: Das KZ am Birkhahn (heute "Zum Goldberg"), ein Kriegsgefangenlager an der Osramstraße, ein Zwangsarbeiterlager in der heutigen Kleingartenanlage ("Freundschaft" e.V.) und ein Fremdarbeitslager, in dem vorwiegend Frauen untergebracht waren (beide in der Straße "Frohe Zukunft"). Letzteres just an der Stelle, wo heute der weltberühmte Maler Prof. Willi Sitte residiert.

Die Nazis waren die anderen

Über 2000 Häftlingstransporte, so vermerkt es das amerikanische "ushhm" seien in der achtmonatigen Zeit des Existenz des KZ in Halle vom Lager Buchenwald in das Außenlager nach Halle geschickt wurden. Davon zeugen die monatlichen SS-Berichte. Am 13./14. August hatte das Lager 525 Insassen. Am 2. September wurden 500 Häftlinge und am 12. September noch einmal 500, die von Buchenwald in das Außenlager nach Halle deportiert wurden. Darunter befanden sich Polen, Tschechen, Russen, Franzosen Holländer und weitere Nationen. Offizielle Adresse des verschleierten KZ's: Siebel-Flugzeugwerke GmbH, Halle, Boelckestraße 70 (heute Dessauer Str.). Genau dort befindet sich heute das Landesverwaltungsamt Halle. Letzter SS-Kommandant war SS-Hauptscharführer Noll, der - so die Zeugen - nicht so bestialisch wie sein Vorgänger Plicht gewesen sein soll. 44 Jahre später, im Dezember 1989, nur wenige Wochen nach Grenzöffnung, erhielt die Stadt Halle brisante Post aus Frankreich. Darin weisen die Franzosen auf eine Publikation mit einem Verzeichnis "auf Außenkommandos der genannten KZ, in denen französische Häftlinge zur Sklavenarbeit gezwungen wurden" hin. Der Brief enthalten ist die Bitte, "diese zur Ergänzung Ihrer Ortschronik" heranzuziehen. Dieser Brief, so scheint es, verstaubt derweil im Stadtarchiv. Das ist nun über 18 Jahre her.

Ostdeutsche Kommunen scheinen offensichtlich Schwierigkeiten im Umgang mit dem Holocaust zu haben. Möglicherweise liegt dies in ihrer eigenen Geschichte begründet. Schon mit Gründung der DDR gebärdete sich die SED als das unschuldige Deutschland. Jegliche Schuld und Verantwortung für den Holocaust wurde abgelehnt, schließlich sei die DDR ein antifaschistischer Staat. Zahlungen an Israel wurden deswegen verweigert. So erklärte der Kirchenbeauftragte der DDR, Kurt Löffler - kurz vor dem Zusammenbruch der DDR - bei einem Staatsbesuch in Israel im Februar 1989, sein Land sei selbst indirekt ein Opfer der Nazis geworden und brauche daher auch keine Wiedergutmachungszahlungen zu leisten...

Kommunistische Opferrolle

Schuld? Mitverantwortung an faschistischen Verbrechen? Nein, die habe die BRD zu tragen und nicht die DDR, so die offizielle Staatsdoktrin. Dies schlug sich auch in der Bildung nieder: In den Schulbüchern ("Nackt unter Wölfen" von Bruno Apitz) wurde zwar beschrieben, wie ein jüdisches Kind im KZ Buchenwald versteckt wurde, doch der DDR-Erinnerungskult wurde im wesentlichen nur auf den kommunistischen Widerstand und bestimmte Orte reduziert: Wansleben, Halle, Leipzig-Thekla und viele andere KZ-Außenlager wurden verschwiegen. Bis heute?

Dies liesse sich jedoch nicht verallgemeinern, oft hing es vom Engagement des einzelnen DDR-Geschichtslehrers ab, wie der Stadtarchivar Jacob meint. Bei den Hallensern war es üblich zur "Jugendweihe" (mit 14 Jahren) das KZ in Buchenwald zu besuchen. Die schrecklichen Verbrechen waren in Filmen und Fotografien zu sehen.

Holocaust? KZ's? Massenvernichtung? Aber ja doch, die KZ's von Auschwitz und Buchenwald und deren Verbrechen kennt man. Doch was ist mit den Konzentrationslagern vor der eigenen Tür? Die KZ's in Halle, Leipzig-Thekla, Gardelegen, Ohrdruf und andere sind sowohl bei der Bevölkerung und auch den Politikern bis heute unbekannt.