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IBN SINA, GENANNT AVICENNA: Der Medicus aus dem Morgenlande

Er war der größte Geist der islamischen Welt, und vor seiner Weisheit verneigte sich selbst das Abendland. Ibn Sina, genannt AVICENNA, der Arzt und Philosoph aus Persien, begründete die moderne Heilkunst und leugnete die Unsterblichkeit der Seele.

Er war der größte Geist der islamischen Welt, und vor seiner Weisheit verneigte sich selbst das Abendland. Ibn Sina, genannt AVICENNA, der Arzt und Philosoph aus Persien, begründete die moderne Heilkunst und leugnete die Unsterblichkeit der Seele. Und er liebte den Wein und die Frauen

Allen Gläubigen Gruß. Möge der Barmherzige Eure Werke segnen

Die Schüler und Freunde des Ibn Sina allen Liebhabern der Wissenschaft und der Gelehrsamkeit zur Nachricht. Wir, die wir Euch schreiben, durften unseren Meister, den größten Arzt des Erdkreises, den Heiler der Emire und der Bettler, kennen, durften seiner Unterweisung teilhaftig werden.

Er ist nicht mehr. Wir haben ihn begraben in der Stadt Hamadan im Jahre 428 (1037 bei den Ungläubigen).

Euch, die Ihr lest, widmen wir diese biografischen Fragmente, da Ihr, eifrig im Gehorsam gegen die Lehre des Propheten (ihm sei Preis), wahre Nachrichten über das Leben Ibn Sinas erhalten müsst. Denn seine Neider werden nicht müde werden, sein Andenken mit Schmutz zu bewerfen und seine Werke zu schmähen. Sie spüren, dass ihr geringer Verstand sich mit den Gaben des Sheik al Rais, des Meisters und Herrn der Gelehrten, nicht zu messen weiß. Wider ihre Lügen haben wir aufgezeichnet, wie Ibn Sina, der Perser, gelebt und was er vollbracht hat.

Unser Bericht beginnt im Jahre 370 (980 bei den Ungläubigen). Wunder über Wunder hat der Allmächtige gewirkt! Von den Küsten des Atlantik weit im Westen und dem Land Al-Andalus über den Norden Afrikas, über Barka und Ägypten, durch Syrien und das Herz Arabiens in die persischen Lande bis hin zum fernen Indus-Strom erstrecken sich die Reiche der Rechtgläubigen. Einen gewaltigen Halbmond formt das Haus des Islam auf den Landkarten, Völkerschaft um Völkerschaft hat sich seit den Tagen des Propheten (sein Name sei gepriesen) den siegreichen Armeen der Muslime gebeugt, hat Aufnahme gefunden in ihrer weltumspannenden Gemeinschaft. Und da ist keiner, der von ihr zurückgewiesen würde, ob Schwarz oder Weiß, ob Sklave oder Freier, wenn er nur spricht und bekennt, dass da kein Gott ist außer Allah, welcher Muhammed gesandt hat als seinen Propheten.

Erst ein Dutzend Generationen ist gekommen und gegangen, seit die Heere des Propheten das Reich der Perser unterwarfen. Mit der Kraft des Wortes wie der Schärfe des Schwertes haben sie das Heidentum der Feueranbeter niedergeworfen und Persien dem Hause des Islam hinzugefügt. Moscheen und Koranschulen zieren das Land. In seinen Städten sind viele, die sich der Gelehrsamkeit widmen. Vor manchem der zahlreichen Kleinfürsten und Emire findet ihre Mühe Anerkennung.

Einem solchen Fürsten, Nuh ibn Mansur von Buchara, diente der Vater des Ibn Sina als Hofbeamter und Steuerverwalter. Er lebte in einem Dorf nahe der Stadt. Im Jahre 370 schenkte Allah ihm einen Erben, eben jenen Ibn Sina, von dem wir Euch berichten. Ein jüngerer Bruder kam hinzu, und bald zog die Familie hinein nach Buchara, wo Ibn Sina in einem großzügigen Stadthaus heranwuchs.

Wir wissen: Schon in seinen frühen Jahren war unser Lehrer mit großer Klugheit gesegnet.

Um die Mittagsstunde sitzen sie im Schatten der Bäume vor der Moschee von Buchara. Einer ist sehr alt.Viele Karawanen hat er geführt, entlang der Seidenstraße, die aus den Ländern jenseits des Indus in seine arabische Heimat führt. Sehr jung ist noch der andere, doch schon zeichnen sich in seinem Gesicht die scharfen Züge der Perser ab. Der Alte kaut einen Pinienkern, spuckt aus, blickt den Jungen lange eindringlich an.

»Sage mir Die Wahrheit.«

»Sád. Die Wahrheit. Beim Koran, voll der Ermahnung. Die aber ungläubig sind, sind in falschem Stolz und Feindseligkeit. Wie so manches Geschlecht haben Wir schon vor ihnen vertilgt! Sie schrien, da keine Zeit mehr war zum Entrinnen. Und sie wundern sich, daß ein Warner zu ihnen gekommen ist aus ihrer Mitte; und die Ungläubigen sagen: ?Das ist ein Zauberer, ein Lügner. Macht er die Götter zu einem einzigen Gott? Dies ist fürwahr ein wunderbarlich Ding'«, sagt der Junge. Es ist nicht Persisch, die Sprache seiner Mutter, die er spricht, es ist die Sprache des Propheten:Arabisch.

»Der Ewige hat dich gesegnet. Bewahre seine Gaben. Das Studium des Koran hast du gemeistert. Vermehre dein Wissen.«

Abu Ali al-Husain 'Abd Allah ibn Sina, genannt Ibn Sina, ist zehn Jahre alt.

Die Jugend unseres Meisters fällt in eine Zeit großer Wirren. Viel Zwietracht war im Hause des Islam. Von Ägypten her kamen fremde Propagandisten ins Land Persien, Ismailiten - die ihre Feinde auch die Assassinen nennen -, um ihre Glaubensauslegung zu verbreiten. Sie scheuten keine Gewalt, und ach, viele Gläubige folgten ihrer Lehre - zum Kummer unseres Meisters auch seine Familie. Ibn Sina jedoch blieb fest in seinen früh gereiften Einsichten: »Mein Vater und mein Bruder diskutierten die ismailitischen Lehren daheim. Ich hörte ihnen zu, ich verstand, was sie sagten, doch meine Seele verweigerte sich ihnen« - Ibn Sina blieb ein getreuer Schiit.

Feuereifer hatte ihn gepackt, seine Studien fortzusetzen. Und sein Vater beschloss, ihm darin eine Stütze zu sein: Ibn Sina wurde zu Lehrzwecken in die Obhut eines Gemüsehändlers gegeben, der ihn darin unterwies, nach der Art der Inder zu rechnen. Er meisterte die Prüfung rasch und wurde von Neuem belohnt: »Zu jener Zeit kam Abu Abd Allah al-Natili, der von sich sagte, in der Philosophie bewandert zu sein, nach Buchara«, berichtete uns Ibn Sina und fuhr fort in seiner so eigenen, bescheidenen Art: »Mein Vater lud ihn ein, in unserem Haus zu wohnen, und er widmete sich meiner Erziehung. Zuvor schon hatte ich die Jurisprudenz studiert und häufig Ismail den Asketen aufgesucht, um von ihm zu lernen. Ich war ein geübter Frager, vertraut mit allen Kniffen der Anklage und Widerlegung, denen die Rechtsgelehrten folgen.«

Du bist ein Narr, al-Natili, und ich darf es dir nicht sagen. Ich würde dir deinen ganzen Stumpfsinn entgegenschleudern, dir den Spiegel vorhalten, deine ungelenken Reden tranchieren wie der Schlächter das Lamm. Und doch muss ich schweigen, denn es heißt: Ehre die Älteren. Und du bist ein Gast unter unserem Dach. Dennoch. In Rede und Gegenrede bleibst du immer der Verlierer. Welches Problem du mir auch stellst, ich kann dich überflügeln. In die Sphären, da der Barmherzige meinen Geist wie auf den Schwingen des Falken erhebt, kannst du mit deinen Taubenflügeln nicht steigen. Und wo du herabstoßen solltest auf die Beute eines logischen Schlusses oder den Mittelsatz eines Syllogismus, ziehst du blind weiter deine Kreise. Sechzehn Jahre bin ich alt und kann dich längst bezwingen.

Stockte er in seinen Forschungen, eilte der junge Meister zur Moschee: »Zum Alles-Erschaffenden betete ich ergeben. Er enthüllte mir die Rätsel und machte das Schwere leicht.« Die Tage genügten zum Studium nicht mehr. Im Licht der Öllampe arbeitete Ibn Sina Nacht für Nacht - wann immer der Schlaf ihn übermannen wollte, trank er einen Krug Wein und wurde wieder zum Herrn seiner Kräfte. Die Feinde des Meisters, so haben wir erfahren, wollen ihm seine Trinkgewohnheiten zum Vorwurf machen. »Hat nicht der Prophet allen Muslimen den Wein verboten? Ist ihm nicht der Betrunkene immer ein Gräuel gewesen?« Wir entgegnen: Allzeit war Ibn Sinas Geist Herr im Hause seines Leibes. Nicht dem Rausch wollte er sich hingeben - den Wein erachtete er als Heilmittel seines Verstandes, mit dem er die Schwäche zu kurieren vermochte, die ihn von seiner Sendung abhielt, sämtliches Wissen dieser Welt zu erlangen. Wisst, dass der Prophet den Ärzten gestattet hat, berauschende Trünke als Medizin zu verwenden.

Eineinhalb Jahre waren vergangen, und Ibn Sina hatte die logischen, natürlichen und mathematischen Wissenschaften gemeistert - dies alles mithilfe von Büchern, die ein jeder in den Basaren Bucharas erstehen konnte.

Denn reich gesegnet ist das Land, in das Ibn Sina geboren wurde. Weizen und Reis wachsen in den Flusstälern, es gedeihen Orangen, Aprikosen und Zuckerrohr, der Granatapfel, Melonen und Mandeln, Sesam und Gewürze. Das Handwerk blüht und bringt Stahl- und Kupferwaren hervor, Seide, die viel gerühmten Teppiche - und Papier. Zweihundert Jahre vor der Geburt unseres Lehrers gelang es, Kriegsgefangenen aus dem Lande China das Geheimnis seiner Herstellung zu entlocken - zur Freude der Schreiber und Manuskriptverkäufer, denen preiswerter Rohstoff nun nicht mehr ausgeht.

Jedoch genügte Ibn Sina bald nicht mehr, was an Lesestoff auf dem Markt zu erwerben war. Denn unglücklicherweise lassen die Manuskripthändler bevorzugt solche Werke in Eilarbeit abschreiben, die den stupiden Geschmack der Massen treffen. Die Perlen der Gelehrsamkeit sind selten darunter. Sie ruhen wohlverschlossen in den Bibliotheken der Paläste und hohen Schulen. Fast wäre der Wissensdurst Ibn Sinas ungestillt geblieben, hätte ihm nicht der Barmherzige just zu dieser Zeit einen Weg gewiesen: Unser Lehrer hatte sich in das Studium der Heilkunst vertieft.

Der Mächtige krümmt sich in Krämpfen. Der rasende Schmerz hat sein Gesicht zur Maske verzerrt und ihm alle Farbe genommen. Ein Übriges tun die Egel, mit denen seine Leibärzte ihm den Rücken spicken. Vergebens. Nun wissen sie nicht weiter. Sie fürchten die Rache des Fürsten, und schließlich geben sie einem Vorschlag nach, den sie allzu gern abgewiesen hätten. Sie rufen nach Ibn Sina, dem Achtzehnjährigen, dessen Medizinvorlesung selbst die ergrauten Ärzte des städtischen Spitals hören.

»Nehmt ihm das Gewürm vom Leib. Holt Opium und Selleriesamen. Kocht einen Sud. Bereitet das Klistier.« Der Junge wacht am Lager des Herrn, Tag für Tag. Nuh ibn Mansur wird gesund.

Der Herrscher hatte bereits seinen baldigen Eingang in die Ewigkeit erwartet, und so groß war seine Erleichterung, dass er unserem Lehrer sicher jeden Wunsch erfüllt hätte. Ibn Sina aber verlangte weder Silber noch Gold, keinen Lapislazuli und keine Seide. Er bat sich aus, freien Zugang zur Bibliothek des Nuh ibn Mansur zu erhalten. »Er gestattete es«, berichtete uns der Meister, »und ich wurde in ein Haus geführt, das viele Räume hatte. In einem befanden sich Bücher über arabische Sprache und Dichtkunst. Ein anderer enthielt die Werke der Rechtskunde - und so fand ich in jedem Raum die Werke zu einer bestimmten Wissenschaft. Ich blätterte im Katalog der Schriften der Griechen. Ich verlangte nach jeder, die ich benötigte. Ich sah Bücher, von denen selbst die Namen nur wenigen bekannt sind. Von vielen hatte ich niemals gehört, noch habe ich sie später jemals wieder gesehen. Ich las sie alle. Ich meisterte, was aus ihnen zu lernen ist.« Unser Lehrer verachtete nicht die praktischen Tätigkeiten des Arztes: Er legte Verbände an, bereitete Arzneien und scheute sich niemals, sich einem Erkrankten persönlich zu nähern, selbst wenn dieser von eklen Ausschlägen gezeichnet war. Dem Gütigen hatte es gefallen, Ibn Sina alles Wissen zu schenken, das geschrieben steht. Erst als dies vollendet war, berief er den Vater unseres Meisters aus dieser Welt ab. Das geschah im Jahre 392 (1002 bei den Ungläubigen).

Da ihm sein Vater genommen war, trat Ibn Sina als Beamter in die Dienste des Hofes von Buchara. Auch hatte er begonnen, seine Erkenntnisse niederzuschreiben. Seinem Nachbarn Abu Bakr al-Baraqi schrieb er gegen Lohn zwanzig Bände zur Philosophie. So hätte Ibn Sina wohl bis ans Ende seiner Tage leben mögen, wäre die Welt nicht geschlagen mit den Übeln der Machtgier, der Eifersucht und der Politik.

Vom Osten her drängen die Türken in sein Land, Stadt um Stadt, Provinz um Provinz bringen sie unter ihren Einfluss. Er ist Perser. Er will ihnen nicht dienen. Er entwich aus Buchara. Er hat sich versteckt und getarnt: In der Robe des Juristen ist er durchs Land gezogen und im Gewand des wandernden Derwischs. Nicht sein Leben ist es, nach dem die Fürsten trachten - sie wollen ihn in ihre Knechtschaft zwingen, die Früchte seiner Gelehrsamkeit ernten, ohne mit Gold und Silber dafür zu zahlen. Als Hofmedicus und Astrologe soll der Meister versklavt werden. Er braucht einen Gönner, muss einen selbstlosen Mäzen finden. Denn er muss schreiben, endlich schreiben, muss sein Wissen niederlegen, damit es bewahrt werde für alle Zeit. Das vierte Jahrzehnt seines Lebens ist angebrochen.

Allah in seiner Gnade fügte es, dass Abu Muhammad al-Shirazi, ein Liebhaber der Wissenschaften und Künste, Ibn Sina in seinem Haus in Gurgan Obdach gab. Erneut packte der Eifer unseren Lehrer: Er arbeitete Tag und Nacht, er heilte Kranke, und er begann, medizinische Experimente anzustellen, die er sorgfältig aufzeichnete. Zu unserem Kummer sind viele seiner Protokolle verschollen, und nur so kommt es, dass die Widersacher des Meisters die irrwitzige Lüge verbreiten, als praktischer Arzt habe er wenig Erfahrung gehabt.

Ibn Sina durchstieß die eitle Trennung zwischen Wund- und Leibarznei, durchbrach die künstliche Scheidewand, die den Arzt vom Apotheker trennt. Er kannte auch keine Scheu, zum Messer des Chirurgen zu greifen. Da er die Beschränktheit seiner Diener nicht weniger fürchtete als die List der Händler, eilte er des Morgens persönlich zum Basar, um Kräuter und Arzneizutaten für seine Patienten zu erfeilschen. Und - Ihr mögt es glauben oder nicht - so gelehrt und erfahren war der Sheik al Rais, dass er sogar Lücken in der Lehre des Hippokrates und des Galen entdeckte! So groß war sein Vertrauen in die eigene Kunstfertigkeit, dass er gänzlich neue und unbekannte Heilweisen ersann und oft sogar das schärfste Schwert der Medizin, den Aderlass mit Egel oder Klinge, gänzlich entbehren konnte.

Das größte Vertrauen des Kranken erwirbt der Arzt, der seine Methoden am eigenen Leibe erprobt. Auch dies tat Ibn Sina, und stets folgte er den Gesetzen der Logik, um sicher vorherzusagen, dass er keinen Schaden nehmen werde. So bezwang er etwa jenen nagenden Kopfschmerz, der ihn nach nächtlichen, vom Geist des Weines befeuerten Studien oft befiel, auf eine ganz und gar neue Weise: »Er erklärte seine Schmerzen damit, dass eine schädliche Substanz versuchte, die Membranen seines Schädels zu durchdringen, und befürchtete, dass dieser dadurch anschwellen würde. Sofort befahl er, ihm große Mengen Eis zu bringen, zerhackte es, schlug es in ein Tuch ein und umhüllte seinen Kopf damit«, berichtet uns sein Schüler al-Guzgani, der in diesen Tagen die Freundschaft des Meisters gewann und ihm als sein Biograf und Sekretär bis an sein Lebensende treu folgen sollte.

Sage mir, al-Guzgani, willst du meinen Speichel lecken, mich zum Götzen machen, was treibt dich an? Du gleichst einer Klette. Weißt du eigentlich, der du da zwischen den Kissen schnarchst, nachdem unsere Disputation mit den Gebildeten Gurgans wie immer im Zechgelage geendet hat, dass ich in deinen Skripten blättre? Dass ich jedes Wort kenne, das du über mich aufgezeichnet hast? »Der stärkste unter seinen Trieben ist der Geschlechtstrieb, nie hält der Meister sich darin zurück« etwa? Nicht, dass das nicht schmeichelhaft wäre - aber gedenkst du mich so zur Legende zu machen? Stünde mir nicht die Rolle des Asketen zu Gesicht? Nun, es bedürfte dazu wohl größerer Lügenkunst, als du sie aufzubringen weißt, Getreuer. Dennoch: Ich brauche deine Dienste. Denn wer triebe mich sonst an, zu schreiben, zu schreiben, zu schreiben am »Buch der Genesung«, das die ganze Philosophie umfassen wird, als Therapie der Unwissenheit. Und am »Kanon der Medizin«, dem letztgültigen Werk zur Heilkunde, der Essenz des gesamten nur denkbaren Wissens über sie, ihrem Abschluss.

Al-qanun fi at-tibb, der Kanon der Medizin. Eine Million arabische Wörter, tausend Seiten Folio. Das letzte Wort. Ein Gebirge des Wissens. Ist mit menschlichen Mitteln ein solches Werk zu bewältigen? Unserem unermüdlichen Lehrer ist es gelungen: »Es hat mir am Herzen gelegen, vor allen anderen Dingen das Wort zu ergreifen zu den allgemeinen und gemeinsamen Prinzipien der beiden Teile der Heilkunde, ihrer Theorie und ihrer Praxis«, hat Ibn Sina geschrieben. Fünf Bücher bilden den Kanon: Die beiden ersten führen den Wissbegierigen in die Grundlehren der Medizin ein - die Anatomie, die den Bau des menschlichen Leibes erläutert, die Physiologie, die das Funktionieren aller seiner Teile, getrieben vom Gleichgewicht der Körpersäfte, erklärt, sowie die Arzneimittellehre.

Derart gerüstet, kann unser Meister seinen Lehrling durch das dritte Buch geleiten, das er im Geiste des berühmten Arztes des Altertums, Galen, verfasst hat: Vom Kopfe bis zum Fuße nennt es alle Krankheiten der einzelnen Organe und veranschaulicht ihre Erscheinungen - hier hat sich unser Lehrer, sicher eine Frucht seiner Arbeit als praktischer Arzt - wahrlich selbst übertroffen. Er fährt fort, im vierten Buche das gesamte Wissen der Lehre von den Fiebern und der Krankheiten, die den ganzen Körper befallen, auszubreiten. Den Abschluß bildet ein wahrer Juwel: der Arzneischatz des Ibn Sina. Hunderte von Heilmitteln und ihre Anwendung schildert der Sheik al Rais, ein jedes mit der rechten Dosis und Zubereitung. Nichts hat er geheim gehalten.

Gewiss hätte Ibn Sina ein friedvolles Leben fristen und bis zum Ende seines Lebens weiter dozieren und disputieren können. Doch muss ihn Langeweile befallen haben - von neuem machte er sich auf: nach Rayy, der reichsten unter den Städten des nördlichen Persien. Den dortigen Fürsten kurierte er von der Krankheit Melancholia, was unserem Meister reichlich Gold eingebracht haben mag. Seine Beobachtungen versammelte er in der Schrift »Die Befindlichkeit der menschlichen Seele«.

Doch kaum war Ibn Sina in einem schönen Hause sesshaft, wurde die Stadt angegriffen und besiegt. Unser Meister wechselte geschickt die Seiten und zog in die siegreiche Stadt Hamadan. Er erwarb die Gunst des berühmten Herrschers Sams ad-Daula, der an Koliken litt.Wer hätte ihn kurieren können, wenn nicht Ibn Sina? Der Mächtige erkannte die Talente des Meisters sogleich und gab ihm höchste Ehren: Ibn Sina wurde sein Wesir, sein erster Minister und Lenker seines Staates. Rasch wurde er in die Strudel der Politik gezogen - einmal forderte das Heer gar seinen Kopf, und sein Herr verbannte ihn. Umgehend schüttelten den Fürsten erneut die Krämpfe, und Ibn Sina wurde zurück gerufen. Er ordnete die Geschäfte der Regierung, verbrachte die Nächte mit gelehrten Disputen und schönen Sklavinnen und schrieb. Fünfzig Seiten am Tag hat unser Meister verfasst, Abhandlungen zur Logik ebenso wie »Die Führung und Verwaltung der Soldaten, Sklaventruppen und Armeen sowie die Besteuerung der Königreiche«. Leider jedoch auch Briefe an den Widersacher des Hofes von Hamadan, Ala ad-Daula von Isfahan. Agenten fingen sie ab - Trauer über Trauer: Unser Meister wurde ergriffen, gedemütigt und eingesperrt auf der Festung Fardajan. Versank Ibn Sina dort in Melancholie? Wünschte er sich von der Zinne zu stürzen?

Keineswegs, Ihr Gläubigen. Ibn Sina schrieb. Er vollendete seine Schriften über Physik und Metaphysik und das Buch »Kolik« über das Leiden, das so viele Fürsten niederwirft. Schließlich hat es dem Allmächtigen gefallen, unseren Lehrer zu befreien. Endlich gelangte er an Ala ad-Daulas Hof nach Isfahan.

Dort hat Ibn Sina sein großes Werk vollendet. Er ersann gänzlich neue astronomische Instrumente. Er schrieb seinem Herrn eine Abhandlung zur Philosophie in - stellt Euch vor - persischer Sprache. Er bereicherte den Arzneischatz des Kanons bis auf fast 800 Drogen. Er beantwortete Tausende von philosophische Fragen. Er lehrte des Nachts. Er begleitete seinen Fürsten auf Feldzügen, doch nie ohne sein Schreibzeug, nie ohne einen Schlauch Wein, nie ohne junge Begleiterinnen, nie ohne neue Gedanken.

Auf solch einem Kriegszug im Jahre 428 (1037 bei den Ungläubigen) schloß sich der Lebenskreis des Größten unter den Gelehrten. Die Krankheit der Kolik, die er so oft bezwungen hatte, ergriff Besitz von ihm. Er rief nach Selleriesamen, nach dem Klistier, doch man gab ihm Opium, und davon noch zu viel.

Seine Bedienten, zu töricht, die Befehle des Meisters zu befolgen, mögen ihn zu Schanden gebracht haben. Er ordnete an, die Heilmaßnahmen einzustellen. Er, der so viele Leiber errettet hatte, konnte den eigenen nicht mehr bewahren.

Doch eines, Ihr Muslime, gilt uns als sicher: Fürsten kommen und gehen. Gelehrte kommen und gehen. Ärzte kommen und gehen. Doch der »Kanon der Medizin« wird bleiben. Wer könnte nun noch etwas Neues ersinnen in der Heilkunst? Sie ist abgeschlossen. Ihre Forschungen sind vollendet. Als Richtschnur und Geleit wird der Kanon die Heilkundigen führen auf immerdar.

Wilhelm Ludwig