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Kriegsende: Die deutsche Kapitulation

Am 7. Mai 1945 unterzeichnete Generaloberst Alfred Jodl in Reims das vielleicht wichtigste Dokument des Zweiten Weltkrieges - die Kapitulation Deutschlands. Doch Stalin war außer sich. Am 8. Mai wurde die Prozedur wiederholt.

Als fast die Menschen 1945 das Ende des Zweiten Weltkrieges feierten, glichen sich die Szenen in den Metropolen der Welt. Überall fielen sich wildfremde Menschen in die Arme, küssten sich und feierten über Tage. Allein die Daten der Siegesfeiern waren unterschiedlich, denn das Deutsche Reich kapitulierte 1945 gleich mehrfach.

In dem fensterlosen Raum einer Mittelschule an der Rue Jolicoeur in Reims ist vor 60 Jahren die Zeit stehen geblieben. Von hier aus, dem operativen Hauptquartier der Amerikaner, plante und leitete General Dwight D. Eisenhower die Schlussoffensive gegen Hitler-Deutschland. Der 7. Mai 1945 steht als letzter Tag auf Kalendern und Tabellen an der Wand, auf denen die Toten und Gefangenen des Zweiten Weltkriegs gezählt wurden. An diesem Tag, um 02.39 Uhr, unterzeichnete Generaloberst Alfred Jodl in der französischen Stadt die bedingungslose Kapitulation der deutschen Truppen. Offiziell bekannt gemacht wurde die Einstellung der Kämpfe erst am kommenden Tag, und das historische Datum von Reims geriet in den Folgejahren immer mehr in Vergessenheit.

Teilkapitulation in der Lüneburger Heide

Die erste große Kapitulation deutscher Heeresverbände trägt allerdings das Datum 4. Mai 1945. Es war der britische Feldmarschall Bernhard Montgomery, der in der Lüneburger Heide die Teilkapitulation von Generaladmiral Hans-Georg von Friedeburg entgegennahm. Von Friedeburg wollte so möglichst vielen Deutschen, Soldaten wie Zivilisten, die Flucht in den Westen ermöglichen. Es entstand die absurde Situation, dass ein Truppenführer seine Feinde geradezu anflehte, ihn gefangen zu nehmen - um so dem anderen Sieger zu entgehen. "Monty" folgte dem, beschrieb aber später genüsslich, wie er die Deutschen lange warten ließ und demütigte. Anfangs bekamen die deutschen Spitzenoffiziere nicht einmal einen Stuhl.

Die Kapitulation in der Lüneburger Heide galt zwar für alle im Norden und Westen kämpfenden deutschen Soldaten, aber eben nicht für die gesamte Wehrmacht. Die nahm drei Tage später Dwight D. Eisenhower in Reims entgegen. Erneut war es von Friedeburg, der mit dem alliierten Oberbefehlshaber eine Teilkapitulation aushandeln sollte. Das Angebot: Die Deutschen würden im Osten noch Widerstand leisten, wenn der Westen zu einem maßvollen Frieden bereit wäre.

Doch Eisenhower lehnte ab. Zum einem wollte der Gentleman nicht die Vereinbarungen mit den Russen umgehen, zum anderen wäre ein Separatfrieden politisch kaum durchsetzbar gewesen. Noch hatten die Amerikaner große Sympathien für "Uncle Joe" Stalin. Auch als Großadmiral Karl Dönitz, nach Hitlers Tod Reichspräsident, Generaloberst Alfred Jodl hinterherschickte, blieben die Amerikaner hart. Mit den Worten "Das ist alles!" lehnte er Jodls Angebote ab. Der deutsche General salutierte stumm und fügte sich.

Das Ende des Sterbens

Um 2.39 Uhr, es war inzwischen Montag, der 7. Mai 1945, unterzeichnete Jodl dann das vielleicht wichtigste Dokument des Zweiten Weltkrieges. Nach fünf Jahren und neun Monaten, nach über 50 Millionen Toten und einem Krieg, dessen Dimension bis dahin kaum vorstellbar war, endete das größte Sterben der Weltgeschichte. Wenige Minuten später besiegelte Eisenhower mit einem Telegramm das Kriegsende. Der Wortlaut der historischen Botschaft: "Die Mission dieser Alliierten Streitmacht wurde um 3.00 Uhr Ortszeit am 7. Mai 1995 erfüllt. Eisenhower."

Damit wäre der Zweite Weltkrieg in Europa eigentlich beendet gewesen. Doch Stalin war außer sich, dass das "offizielle" Ende des Krieges in Regie der Amerikaner vollzogen war. Nicht zuletzt wegen der enormen Verluste der Sowjetunion bestand er auf einer neuen, endgültigen Kapitulation - auch wenn diese eigentlich nur eine Inszenierung war. Doch diese sollte dort stattfinden, wo alles angefangen hatte: in Berlin.

Der Berliner Stadtkommandant Helmuth Weidling hatte schon am 2. Mai kapituliert. Seitdem war die Pionierschule der Wehrmacht in Berlin-Karlshorst das Hauptquartier der Russen. Im Offiziercasino der Schule sollte nun am 8. Mai die Kapitulation unterzeichnet werden - von Stalin bis ins Detail geplant. Für die Westalliierten unterschrieben US-General Carl Spaatz, der britische Luftmarschall William Tedder und General Jean de Lattre de Tassigny, sie waren jedoch nur Statisten.

"Die deutsche Delegation kann gehen"

Die eigentlichen Protagonisten hießen Wilhelm Keitel und Georgi Schukow. Der deutsche Generalfeldmarschall war um Haltung bemüht, doch der Marschall der Sowjetunion ließ das nicht zu. Mit barschen Worten befahl er Keitel, die vorbereitete Urkunde zu unterschreiben. Keitel folgte dem steif. Schukow beschloss die Prozedur mit den Worten: "Die deutsche Delegation kann gehen". Keitel erhob zum Abschied seinen Marschallstab und ging.

Keitel hatte "alle gegenwärtig unter deutschem Befehl stehenden Streitkräfte" den Alliierten übergeben. Dennoch kämpften viele Einheiten weiter - weniger aus Fanatismus denn aus der Hoffnung, sich in den Westen durchschlagen zu können. Doch Mitte Mai schwiegen die Waffen. Der Krieg war aus. Jodl und Keitel wurden 1946 in Nürnberg wegen Kriegsverbrechen schuldig gesprochen und am 16. Oktober hingerichtet.

Zum anschließenden Festmahl war für die Deutschen nur im Nebengebäude gedeckt. Festgesetzt war der Waffenstillstand auf den 8. Mai, 23.01 Uhr. Doch als Keitel unterschrieb war es schon Mittwoch, der 9. Mai, 0.16 Uhr. Die Uhr am Moskauer Kreml zeigte sogar schon 2.16 Uhr. Aus diesem Grund gedenken die Amerikaner am 7., die Deutschen am 8. und die Russen am 9. Mai des Endes des Zweiten Weltkrieges. Genau genommen ist kein Datum richtig: Der Weltenbrand tobte noch vier Monate weiter und kostete noch Zehntausenden das Leben, bis Japan am 2. September 1945 kapitulierte.

Besiegt und besetzt

Am 23. Mai 1945 wurden die Mitglieder der letzten deutschen Reichsregierung in Flensburg verhaftet. Am 5. Juni erklärten die Siegermächte auch die politische Kapitulation des Reiches und übernahmen die oberste Regierungsgewalt in Deutschland. An die Stelle der deutschen Reichsregierung trat der Alliierte Kontrollrat, bestehend aus den Oberkommandierenden der Besatzungsmächte, mit Sitz in Berlin. Er war zuständig für die Belange Deutschlands als Ganzem, während die Mächte in ihren jeweiligen Besatzungszonen nach eigenem Gutdünken regierten. Die besondere Stellung Berlins wurde dadurch unterstrichen, dass die Stadt zum Sondergebiet erklärt und in einzelne Besatzungssektoren geteilt wurde.

Die NS-Diktatur, die zwischen 1933 und 1945 das ganze Ausmaß eines totalitären Herrschaftssystems demonstriert hatte, hinterließ ein verwüstetes Land, ein zerstörtes Staatswesen, ein politisches und geistig-moralisches Vakuum. Der von Hitler-Deutschland entfesselte Zweite Weltkrieg forderte über 50 Millionen Tote.

Dusko Vukovic mit Material von AP/DPA / DPA