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Raimund Steiner: "Ich schämte mich, sie zu erschießen"

Den Österreicher Raimund Steiner, 24, überraschte die Invasion im Pyjama. Als einer der Ersten meldete der Offizier kurz nach Mitternacht die Landung. Die von ihm kommandierte Merville-Batterie zählte zu den ersten Angriffszielen der Alliierten.

"Um 0:26 Uhr riss mich das Telefon aus dem Schlaf. Mit einem Funker und einem Unteroffizier befand ich mich in der Beobachtungsstelle an der Küste, rund drei Kilometer vor der Batterie. Aus der Batterie rief Hauptwachtmeister Buskotte an. Ein Lastensegler sei gelandet, die Besatzung bringe alle um. Handgranaten wurden auf die Schlafstellen meiner Soldaten geworfen. Wer aufstand und sich muckste, wurde umgebracht. Ich befahl allen, sofort in den Kommandobunker zu gehen. Der war eingegraben, mit meterdickem Beton darüber, und dort waren unsere Kommunikationsleitungen nach draußen.

Überlebt hatten ungefähr noch 20 Mann, ein Dutzend davon war verwundet. Der Bunker hatte ein Entlüftungssystem, durch das warfen Angreifer Handgranaten und ätzendes Phosphor ins Innere. Durchs Telefon hörte ich, dass meine Männer keuchten wie in ihrer letzten Stunde. Die einen beteten, die anderen fluchten und alle kämpften mit dem Ersticken. Ich konnte sie nicht umkommen, nicht ersticken lassen da drinnen. Als Erstes rief ich meinen Vorgesetzten an, General Richter.

"Typisch Ostmärker", sagte der, denn wir Österreicher waren Schlappschwänze für ihn, "wegen eines abgestürzten Flugzeuges gleich eine Invasion melden!" Da war ich allein. Es war niemand da, außer mir und den Infanteristen. Aber die waren ja machtlos. Was kann man denn mit so einem altmodischen Gewehr machen gegen die modernsten Automatikgewehre, die Bombenteppiche, die Flammenwerfer und was die Alliierten alles hatten. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ich war ja noch ein ganz junger Bursche. Es war hoffnungslos. Dann hab ich mit dem Divisionskommandeur der 711. Infanterie-Division, die östlich uns lagen, Verbindung aufgenommen. Ich sah nur eine Möglichkeit: mit der Artillerie auf meinen Kommandobunker feuern und die, die auf dem Bunker sitzen, herunterschießen. Der General stellte mir sein Artillerie-Regiment zur Verfügung, verlangte aber, dass ich mich vorkämpfe zur Batterie, um dort das Feuer zu leiten.

Mein Unteroffizier, der Funker und ich krochen die drei Kilometer auf dem Bauch. Inzwischen waren schon überall Nahkämpfe, Mann gegen Mann. Jeder schoss auf jeden, es war ja stockfinstere Nacht. Ein Chaos. Die Schiffsartillerie feuerte hinein, die Bomber kamen und zogen Lastensegler hinter sich her. Es war die Hölle. Wir robbten mitten durch das Inferno. Franceville, der noble Badeort zwischen der Beobachtungsstelle und der Batterie, brannte schon. Überall waren Fallschirmjäger. Wir wurden die ganze Zeit beschossen und mussten uns verteidigen. Ständig kamen Artillerieeinschläge und Schüsse von allen Seiten, es war zum Verzweifeln.

Nahe der Batterie gingen wir in einem Bombentrichter in Stellung. Deutlich sah ich die Männer, die da auf dem Kommandobunker saßen. Heute weiß ich, es waren versprengte Amerikaner. Die rauchten schon Zigaretten, für die war es schon vorbei. Sie hätten den Bunker auch sprengen und hineingehen können, aber das schien ihnen nicht notwendig. Es hätte ja nicht lang gedauert, bis meine Leute am Phosphor erstickt wären.

Eines unserer Artilleriegeschütze sollte den Bunker beschießen. Eines hätte genügt, das hätte ich kontrollieren und lenken können. Wir nahmen uns an die Hand, wussten, jetzt kommt‘s auf Leben und Tod. Der Funker gab das Feuerkommando: "Los". Doch statt eines Geschützes feuerte das ganze Regiment mit allen verfügbaren Geschützen. Völlig ungezielt, mit der ganzen Artillerie auf die gesamte Gegend. Alles, was da war, wurde zermalmt...Da waren doch überall Menschen...Es war entsetzlich. Wir versuchten, das Teufelsfeuer zu überstehen. Wir beteten, das sag ich ganz ehrlich. Und als es vorbei war, war der Funker nicht mehr da...Nur noch der Oberkörper, völlig zerfetzt.

Grauenhaft. Der Unteroffizier wimmerte, ein Fuß war ihm abgetrennt worden. Ich lag zwischen den beiden und hatte nur Splitterverletzungen. Ich nahm den Unteroffizier auf den Rücken und robbte zum Verbandsplatz. Ununterbrochen wurde geschossen, ununterbrochen gab es Einschläge.

Manchmal blieb ich erschöpft liegen und dachte: "Lieber Gott, es gibt keine Hoffnung, mach es kurz, ich pack es nicht mehr". Dann robbte ich doch weiter. Auf meinem Rücken jammerte und weinte der Unteroffizier vor Schmerzen. Auf dem Verbandsplatz wollten sie mich nicht mehr gehen lassen. "Sie haben keine Chance, Herr Leutnant, keine Chance", hieß es. Aber ich musste wissen, was mit meinen Leuten ist.

Am Strand entlang bin ich - von einer Deckung zur anderen springend oder auf dem Bauch robbend - zurück zur Beobachtungsstelle. Überall waren Soldaten - ob Engländer, ob Amerikaner weiß ich bis heute nicht. Wenn jemand schießen wollte, musste man schneller sein, das war unser Job.

Wann ich wieder in der Beobachtungsstelle ankam, weiß ich nicht. Das Letzte, was man da tut, ist auf die Uhr zu schauen. Es war noch stockfinster. Ich rief in der Batterie an. Alle waren aus dem Bunker heraus und gesund. Die vier Geschütze waren intakt. Obwohl die Engländer später geschrieben haben, sie hätten unsere Geschütze gleich vernichtet. Mit zwei Geschützen konnten wir sofort auf die Schleuse am Kanal schießen. Es war noch stockdunkel, aber die Kommandos hatten wir geprobt, die standen ja fest.

Kommando Düsseldorf war die Schleuse. Die sechs Meter hohen Stahltore hätte ich mit meinen Geschützen nicht zerschießen können, lächerlich. Aber das Maschinenhaus. Ich hoffte, die Steuerung zu treffen, so dass die Schleuse nicht mehr zu öffnen wäre und die Schiffe nicht in den Kanal könnten. Zwei Geschütze feuerten jeweils sechs Schuss ab und im Feuerschein der explodierenden Granaten konnte ich sehen, es waren Treffer. Später hab ich gelesen, dass ungefähr 38.000 Soldaten den Kanal nach Caen hoch sollten, aber der blieb den ganzen Krieg über unbenutzbar.

Um vier Uhr kam der zweite Angriff von Fallschirmjägern. Diesmal Engländer. Wieder rief mich Buskotte an, sie seien in der Batterie. Von den Minen und dem Drahtverhau war ja nichts mehr übrig. Stattdessen lagen überall Tote und abgetrennte Gliedmaßen nach dem Trommelfeuer. Ich schickte die Männer wieder in den Bunker. Kaum hatte ich's gesagt, kam mir das Grauen: Das ganze noch mal. Wieder durch die Hölle robben. Wieder saßen die Briten auf dem Kommandobunker, haben sofort Phosphor angezündet und meine Leute waren wieder am Ersticken. Die Artillerie hat auch sie - diesmal gezielt - vom Bunker geschossen.

Als ich nach dem zweiten Angriff zurück in die Beobachtungsstelle kam, dämmerte es. Es war diesig, aber am Horizont sah ich einen schwarzen Streifen. Dann einzelne Lichter. Dann die Schiffe. Tausende. Tausende. Ich war sprachlos. Auf dem Wasser stiegen die Soldaten in Landungsboote um. Es war Ebbe und alle mussten ins Wasser springen mit der Ausrüstung. Und da, in der Situation, da hätte man die Invasion beenden können. Aber der Hitler hat ja gemeint, sie käme oben bei Calais. Ich schoss auf die ersten Schiffe. Da war ein Frachtschiff, das hab ich versenkt, denn es wurden Unmengen von Munition ausgeladen. Meine Infanteristen baten, Herr Leutnant, machen Sie was, das kommt ja alles auf uns. Ich hätte den ganzen Abschnitt Sword mit der Batterie in Vierersalven beschießen können, das wäre kein Problem gewesen. Aber ich konnte das nicht, solch ein Blutbad anrichten.

Die Infanteristen verstanden das nicht: "Warum nicht? Jetzt kommen sie, jetzt müssen wir das ausbaden." Ich legte dann ein Sperrfeuer auf den Strand, um meine Infanterie zu schützen, da kam kein Angreifer durch. Vielleicht glauben Sie heute, das mache keinen Unterschied, ob die im Wasser sterben oder im Sperrfeuer. Aber in der Situation, mit dem Sperrfeuer, da war das eben ein Angreifer, ein Schütze. Vorher waren es Wehrlose im Wasser, die ihr Gewehr hoch über den Kopf hielten, da schämte ich mich, sie zu erschießen. Ich hätte die ganze Invasion, die ganzen armen Teufel, beschießen können, aber ich konnte es einfach nicht.

Um 14 Uhr meldete Buskotte den dritten Fallschirmjägerangriff. Inzwischen wurden auch wir in der B-Stelle vom Strand her angegriffen. Wir mussten unsere eigene Haut verteidigen. Ich konnte also nur noch die Artillerie anrufen und dasselbe Kommando wieder geben, den Erfolg aber nicht mehr kontrollieren. Am Strand verloren einige Infanteristen die Nerven. Sie sahen die anrückende Armada, sahen ihr Gewehr und erschossen sich. Um die Leute zu beruhigen, habe ich die verängstigten Soldaten in eine alte Festung gebracht, sie hieß La Redoute. Als wir in der Festung waren, feuerte die Schiffsartillerie wie wahnsinnig. Ständig fauchte es über uns hinweg. Überall gab es Einschläge. Jedes Mal, wenn da wieder eine Granate rüberzischte, kam der Putz runter. Zwei Soldaten steckten sich aus purer Hoffnungslosigkeit das Gewehr in den Mund und drückten ab. Ich hatte Todesangst, zitterte, aber ich musste was tun, damit sich nicht noch mehr umbringen. In der einen Ecke stand ein Klavier. Wir haben es aus dem Schutt gegraben und ich fing an zu spielen, gegen den Lärm und die Angst.

Gerettet wurden wir von der feindlichen Artillerie. Die schossen über uns drüber und trafen ihre eigenen Ansammlungen, die schon mit Granatwerfern von der Gegenseite auf uns feuerten. Bevor sie uns angreifen konnten, wurden sie von ihren eigenen Leuten vernichtet. Wir konnten zurück in die B-Stelle und bekamen die Situation wieder in den Griff.

Das war der letzte organisierte Angriff an dem Tag. Kleine Gruppen von Soldaten, die einfach auf eigene Faust geschossen haben, davon hat es noch unzählige gegeben."

Aufgezeichnet von Sabine Fiedler / print
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