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TUNNELBAU: »Rund um die Uhr wurde gegraben!«

Am Abend des 3. Oktober 1964 gelang 57 Menschen die Flucht von Ost- nach Westberlin durch einen Tunnel unter der Berliner Mauer hindurch. Wolfgang Fuchs half ihn zu bauen.

Ich stand in einem Hausflur auf der Westseite und gab wie ein Verrückter Lichtzeichen: Stopp, zu gefährlich, überall Posten! Doch mein Schwager Rainer war nicht mehr zu bremsen.

Mit Riesensätzen stürmte er auf die Mauer an der Bouchestraße im Ost-Berliner Bezirk Treptow zu. Mir blieb keine Wahl, auch ich mußte los. Schnell hatte ich den damals etwa zweieinhalb Meter hohen Grenzwall erreicht. Im selben Moment versuchte Rainer, sich auf der DDR-Seite hochzuhangeln. Irgendwie bekam ich seine Hände zu fassen. Und da hingen wir nun, wie ein Paar Wienerwürstchen über der Mauer - er im Osten, ich im Westen.

Heute muß ich lachen, aber es war ein Scheißspiel. Wir hatten nur etwas Glück, mein Schwager kam heil rüber. Doch an jenem Augustabend des Jahres 1962 wurde mir klar, daß diese Kletterei über die Mauer viel zu gefährlich geworden war. Ich mußte einen anderen Weg finden. Wenn oben geschossen wird, dachte ich, dann krabbelst du eben durch einen Tunnel! Die Buddelei schreckte mich nicht. Ich war Anfang Zwanzig und voller Abenteuerlust. In Jena hatte ich Feinoptik gelernt, und dann, nach meiner Flucht in den Westen, als Drogist gearbeitet.

Ich war nicht allein. Viele meiner Bekannten hatten Leute im Osten, die aus Ulbrichts DDR raus wollten. Noch im selben Jahr legten wir los, zuerst am Berliner Legiendamm. 100 Meter hatten wir uns schon durch den Erdboden geschaufelt, dann gaben wir auf. Das Unternehmen war verpfiffen worden. Es folgten, der Reihe nach, die Tunnel an der Heidelberger Straße, der Boyenstraße, dem Güterbahnhof an der Schwedter Straße und an der Bernauer Straße. Monatelang wühlten wir unter Tage, insgesamt wohl an die 400 Meter. Nur durch den letzten Tunnel gelang Weihnachten '63 vier Mädchen die Flucht. Dann wurde die Aktion vom Verfassungsschutz zurückgepfiffen. Das Passierscheinabkommen sollte nicht gefährdet werden.

Gut vier Monate hielten wir still. Dann, im April 1964, begann ich im Keller einer dichtgemachten Bäckerei in der Bernauer Straße 97 wieder mal, Preßluftbohrer, Spaten und Schippen zu verteilen. Mit dabei: Mein Freund Reinhard Furrer, der inzwischen verstorbene Astronaut und Weltraumprofessor - oder kurz 'Klunte 2'. Ich war 'Klunte 1'.

Das Geld für meinen siebenten Tunnel kam übrigens auch vom STERN. Motorwinden, Werkzeuge und die Belüftungsanlage kosteten einiges. Ich selbst und meine Helfer haben nie einen Pfennig genommen. Trotz der Plackerei. Und die dauerte hier immerhin ein halbes Jahr. Rund um die Uhr wurde gegraben und geschippt, jeden Tag. Manchmal schafften wir einen Meter, manchmal vier. Immer fünf bis sechs Mann pro Schicht. Insgesamt schufteten 35 Leute.

Vom Bäckerkeller ging es erst mal etwa zehn Meter steil bergab, dann wühlten wir uns, langsam wieder ansteigend, in Richtung Strelitzer Straße 55 im Ost-Berliner Bezirk Prenzlauer Berg. Dort wollten wir im Keller ankommen. Alles war genau ausgekundschaftet. Doch irgendwie waren die Messungen unter der Erde nicht exakt. Denn wir kamen nach 140 Metern nicht im Keller des Hauses, sondern auf dem Hinterhof an - im Toilettenhäuschen. Vorsichtig wurde der letzte, mit Sand vollgeschippte Trog per Motorwinde in die Bäckerei gezogen. Dort war kaum noch Platz, überall nur Erde und Steine. Selbst die Luft wurde knapp, wir mußten ein Rauchverbot verhängen.

Am 3. Oktober 1964 gegen 20.30 Uhr konnte die Aktion starten. Ein paar Stunden vorher klingelten unsere Kuriere bei den Flüchtlingen und gaben ihnen genaue Order. Sie sollten einzeln oder in kleinen Gruppen zur Strelitzer 55 gehen. Vom Dachboden eines Hauses auf der Westseite konnten wir den Fahrdamm genau beobachten und über Feldtelefon ins Toilettenhäuschen melden: 'Alles in Ordnung.' Es lief wie am Schnürchen. Auch in der nächsten Nacht. 31 Frauen, 23 Männer und drei Kinder schleusten wir durch den Tunnel in den Westen.

Plötzlich, gegen Mitternacht des 4. Oktober, tauchte im Hausflur der Strelitzer 55 die Stasi auf. Als die merkten, was da lief, holten sie schnell Verstärkung. Und schon ging die Ballerei aus einem Dutzend Maschinenpistolen los. Es war wie Krieg. Dabei wurde der Grenzer Egon Schultz von seinen eigenen Genossen tödlich in den Rücken getroffen. Von unseren Männern wurde keiner geschnappt, alle retteten sich durch den Tunnel in die Bäckerei. Zur gleichen Zeit durchstöberte die Stasi in der Strelitzer sämtliche Kellerräume. Auf das Scheißhaus im Hof kamen sie zuletzt.

WOLFGANG FUCHS

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