HOME

Zweiter Weltkrieg: Dem Erdboden gleich gemacht

Menschen verbrennen, werden erschlagen oder von Explosionen zerfetzt. Als in Nürnberg am 2. Januar 1945 um 18.43 Uhr die Sirenen gellten, brauchten die britischen Bomber keine Stunde, bis die Stadt in Schutt und Asche fiel.

"2. Januar 1945, ein wunderbarer, klarer Wintertag. Der Schnee glitzert auf den Häusern und Kirchen. Kein Mensch ahnt, dass am anderen Tag die Stadt in Trümmern und Asche versunken sein wird, ausgelöscht." So beschrieb eine Zeitzeugin, damals 16 Jahre alt, später ihre Erinnerungen an jenen Tag, der Nürnberg die Zerstörung brachte. Binnen 25 Minuten legten britische Bomber die Altstadt in Schutt und Asche. Etwa 1800 Menschen starben. 60 Jahre später erinnert die Stadt mit zahlreichen Gedenkveranstaltungen an die dunklen Stunden.

Tonnenweise Spreng- und Brandbomben

Um 18.43 Uhr gellen die Sirenen an jenem 2. Januar 1945. Wie schon oft in den vergangenen Wochen und Monaten eilen die Nürnberger in die Luftschutzkeller. "Wer diese wolkenlose und klare Nacht überlebt, wird sie nie vergessen", schreibt der Journalist und städtische Pressesprecher Siegfried Zelnhefer. 1825 Tonnen Sprengbomben und 479 Tonnen Brandbomben fallen auf Nürnberg nieder und verwandeln die Stadt in eine Trümmerlandschaft.

Menschen verbrennen, werden erschlagen oder von der Wucht der Explosionen zerfetzt. Unter den Toten sind 869 Frauen, 173 Kinder, 32 Kriegsgefangene und 66 ausländische Arbeiter. 100 000 Menschen werden obdachlos. Bis die 3000 Brandherde gelöscht sind, vergeht mehr als eine Woche. "Der größte von über 40 Luftangriffen auf Nürnberg im Zweiten Weltkrieg gräbt sich tief ins kollektive Gedächtnis", so Zelnhefer.

Noch heute bezeichnet einer Untersuchung des Nürnberger Stadtarchivs zufolge die Mehrheit der Zeitzeugen die Luftangriffe als "Terror" und "Verbrechen". Den Betroffenen falle selbst 60 Jahre danach eine objektive Einschätzung schwer, schreibt der Historiker Gerhard Jochem in dem neuen Buch "Der Luftkrieg gegen Nürnberg". Ihre Deutung beruhe auf "dem Prinzip der kausalen Entkoppelung der Ereignisse seit spätestes 1939". Der Luftkrieg werde "isoliert von seinen zeitlichen und logischen Voraussetzungen" betrachtet. Oft verdrängt wird auch, dass Nürnberg die Stadt der Nazi- Reichsparteitage war, dass hier 1935 die nationalsozialistischen "Rassegesetze" verkündet wurden, dass der fanatische Judenhasser Julius Streicher in Nürnberg sein Hetzblatt "Der Stürmer" herausgab.

6000 Tote bis April 1945

Der Luftkrieg gegen die Stadt, bei dem bis April 1945 insgesamt fast 6000 Menschen starben, sei "vielleicht der tiefste Einschnitt in der Geschichte Nürnbergs", urteilt Oberbürgermeister Ulrich Maly (SPD). "Das Bild, das unsere Stadt heute bietet, ist in weiten Teilen davon geprägt."

Die Stadt will jedoch nicht nur an den 60. Jahrestag der Zerstörung erinnern. Zur Erinnerungskultur gehörten, so Maly, ebenso der 20. April 1945 als Tag der Befreiung, der 20. November 1945, an dem die Nürnberger Prozesse gegen die NS-Hauptkriegsverbrecher begannen - und auch der 15. September 1935, an dem die "Nürnberger Gesetze", die die Juden zu Menschen zweiter Klasse machten und den Weg zu ihrer späteren Vernichtung ebneten, verkündet wurden.

Stephan Maurer/DPA / DPA
Themen in diesem Artikel