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M.Streck: Frischluft: Von Doktorspielchen und Magneten in der Nase: Wie Fetisch-Unternehmer und Astrophysiker in der Krise "Gutes" tun

Die Corona-Krise, meint unser Autor Michael Streck, macht die Menschen hilfsbereit, kreativ – und ziemlich erfinderisch.

Krankenschwester Kostüm

Kurisoses aus Corona-Zeiten: Ein Fetischladen aus Manchester stellte seine Sammlung an Krankenschwesterkitteln dem moribunden englischen Gesundheitssystem zur Verfügung

Picture Alliance

Vermutlich jeder versucht gerade, irgendwie ein besserer Mensch zu sein oder zu werden. Junge gehen für Alte einkaufen, die Leute werden kreativ, singen und klatschen aus Fenstern und von Balkonen. Das Netz voll mit schrägen Clips, und aus Großbritannien erreicht uns soeben die schöne Mitteilung, dass eine in Manchester ansässige und auf Fetisch-Utensilien spezialisierte Firma Schutzanzüge und Kittel dem moribunden Gesundheitssystem zu Verfügung stellt. Normalerweise vertreibt das Unternehmen MedFeD Arbeitskleidung, die in Corona-freien Zeiten vorzugsweise in Schlafzimmern zum Einsatz kommt.

Es zahlt sich jetzt aus, dass auf der Insel eine bunte Subkultur blüht, für die die Briten das wunderbare Wörtchen "kinky" erfunden haben. Die Fetisch-Szene im Königreich gilt als bunt, vielfältig und erstaunlich klassenübergreifend. Was dazu führt, dass immer wieder auch Prominente und Politiker auffällig werden, darunter einer mit dem schönen Namen Lord John Buttifant Sewell. Ganz besonders beliebt (und ein Segen nun) scheinen die berühmten Doktorspielchen zu sein mit allem Drum und Dran und Drin, also Kittel, Handschuhen und Overalls. Die Fantasie kennt keine Grenzen.

Die Spende mag zwar nur ein Pflaster sein im allgemeinen Notstand des britischen Gesundheitswesens, aber die Geste zählt. Wie man überhaupt sagen muss, dass dies eben auch die Zeiten des guten Willens sind.

Die Leute greifen etwa wieder zu Instrumenten, auch solche, die es besser nicht täten, denn während diese Zeilen entstehen, quält ein Nachbarskind eine Geige, immer und immer wieder die Melodie von Harry Potter, ausgerechnet.

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Und sollte jemand wirklich daran gezweifelt haben, dass Not erfinderisch macht, hier zwei Beweise des Gegenteils. Noch mal Großbritannien, wo Formel 1-Ingenieure von Mercedes ein Motoren-Modul so umgefummelt haben, dass es fortan als Beatmungsgerät dienen kann. Chapeau.

Erfindung außer Kontrolle geraten

Vom Impetus, Gutes zu tun, handelt schließlich auch eine Episode aus Australien. Dort wollte ein talentierter, junger Astrophysiker vergangene Woche ein Halsband basteln, das den Benutzer mit einem Brummton davor warnen sollte, das Gesicht zu berühren. Daniel Reardon, von Haus aus Experte für Pulsare an der Universität von Melbourne, benutzte dafür Magneten und ein Elektrofeld. Nach einigen Versuchen musste er aber feststellen, dass seine Erfindung genau das Gegenteil von dem tat, was sie sollte: Die Kette brummte nämlich ständig. Worauf der Akademiker gelangweilt und leicht versonnen mit den Magneten spielte, sie sich erst an die Ohrläppchen heftete, dann an die Nasenflügel, was die "Dinge etwas außer Kontrolle geraten ließen", wie er später befand. Die Magneten, um es kurz zu machen, verschwanden in der Nase.

Reardon versuchte, sie erst mit weiteren Magneten zu extrahieren, die dummerweise auch in der Nase landeten, dann mit Zangen, die selbst magnetisch wurden. Die ganze Aktion begann jedenfalls ziemlich lästig zu werden. Der Physiker musste sich von seiner Freundin ins nahe Spital bringen lassen. Aber siehe: Die Ärzte, längst an andere Atemwegsbeschwerden qua Corona gewöhnt, mussten lachen.

Reardon gelobte im "Guardian", vorerst nichts mehr erfinden zu wollen. Ende gut, alles gut. Und nebenan schweigt nun sogar die Geige.

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