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Last Call: Der englische Patient

Unser Kolumnist musste zum Arzt. Und hatte die Gelegenheit, im Wartezimmer über das britische Gesundheitssystem NHS nachzudenken. Es ist ein bisschen wie früher mit dem Sozialismus. In der Theorie gut. In der Praxis weniger...

Ein britisches Krankenhaus

Ein britisches Krankenhaus: stern-Autor Michael Streck findet das Gesundheitssystem auf der Insel noch schlechter als in Deutschland.

Vor einigen Wochen war ich krank. Krankheiten machen schon in Deutschland keinen Spaß, aber in Großbritannien erst recht nicht.

Man muss wissen, dass jeder in Großbritannien lebende Mensch automatisch krankenversichert ist über den “National Health Service“. Die Briten sind sehr stolz auf den nach dem Krieg gegründeten NHS. Bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in London ließ der großartige Regisseur Danny Boyle Krankenschwestern über den Rasen wirbeln als Reminiszenz. Das gab damals den größten Applaus. Der amerikanische Filmemacher Michael Moore reiste vor Jahren für seinen Film “Sicko“ auch nach Großbritannien und verglich das britische Gesundheitssystem mit dem amerikanischen. Heraus kam eine Eloge.

In der Theorie ist der NHS tatsächlich eine gute Idee. In der Theorie ist aber auch der Sozialismus eine gute Idee.

In der Praxis funktionieren beide nicht.

In der Praxis begibt man sich in die nächstgelegene Praxis, in meinem Fall die “Cherry Tree Surgery“ im Norden Londons. Wenn man Glück hat, bekommt man noch am selben Tag einen Termin. Ich hatte Glück. Die Ärzte, die hier General Practioner (GP) heißen, haben für ihre Patienten im Schnitt weniger als zehn Minuten Zeit, meistens aber nicht mehr als fünf. Mein GP war ein freundlicher älterer Herr, der mit dem Rennrad zur Arbeit kam und noch ziemlich schwitzte, während er fragte, was mich zu ihm führe. Er maß den Puls, schaute in meinen Rachen und verschrieb mir Antibiotika. Das dauerte drei Minuten. Die restlichen fünf Minuten sprach er über Fahrrad-Touren durch Mecklenburg-Vorpommern und schimpfte auf den Brexit. Zum Abschied sagte er: “Wenn es in zehn Tagen nicht besser ist, kommen Sie wieder.“

Nach zehn Tagen war es nicht besser. Es war, im Gegenteil, erheblich schlechter. Diesmal verschrieb er Nasentropfen, erzählte wieder von Mecklenburg-Vorpommern und schimpfte auf den Brexit. Zum Abschied sagte er: “Wenn es in vier Wochen nicht besser ist, denken wir mal über einen Neurologen nach.“

Ungefähr fünf Minuten nach diesem Besuch, dachte ich über einen Neurologen nach. Ich rief an, bekam einen Termin. Und zahlte privat.

Wenn man “NHS“ und “crisis“ googelt, kommen 27 Millionen Treffer. Jeden Tag steht irgendwas über den NHS in der Zeitung. Meistens sind es Horror-Geschichten über Wartezeiten, fehlendes Personal, Fehldiagnosen, Notstände in Krankenhäusern. Eine kleine Auswahl aus dieser Woche:

“Kinder mit psychischen Krankheiten warten 18 Monate auf einen Termin.“

“Schwangere Britin muss nachweisen, dass sie wirklich aus Großbritannien stammt.“

“Wartezeiten in Krankenhäusern auf dem schlechtesten Level seit 1999.“

Das ließe sich endlos fortsetzen.

Der Brexit macht alles nur noch schlimmer

Besonders schlimm ist es im Winter. Dafür gibt es einen fest stehenden Begriff, “winter crisis“. Allerdings gibt es auch eine Frühjahr-, Sommer- und Herbstkrise. Krise ist immer. In den kalten Monaten ist die Krise nur noch etwas schlimmer. Für diesen Winter benötigte der NHS zusätzliche 350 Millionen Pfund, um halbwegs über die Runden zu kommen. Das ist exakt die Summe, die Boris Johnson während seiner Brexit-Werbetour durchs Land auf seinen roten Bus pinseln ließ und sie dem NHS versprach statt Brüssel. Pro Woche. Es war eine der vielen infamen Lügen.

Die Wahrheit ist, dass der Brexit die Sache nur verschlimmert. Im Sommer ließ die Regierung 50 Gutachten in Auftrag geben über die Auswirkungen des EU-Austritts auf Service und Wirtschaft. Die meisten Ergebnisse sind momentan noch Verschlusssache. Das verheißt nichts Gutes. Einzig die Resultate über die Gesundheit sickerten durch. Sie sind schockierend. In wenigen Jahren fehlen 40 000 Krankenschwestern, die meisten aus EU-Ländern. Jeder zweite Arzt vom Kontinent erwägt ernsthaft, Großbritannien zu verlassen. Das sind die Aussichten. Es wird nicht besser.

Das Problem ist: Der NHS ist eine Heilige Kuh. Jeder weiß, dass es so nicht weitergehen kann und die Menschen private Zusatzversicherungen brauchen. Aber das Thema ist toxisch. Kein Politiker traut sich daran. Die Heilige Kuh gehört dringend zum Veterinär.

Die Kosten für Gesundheit und Pflege sind natürlich kein rein britisches Problem. Überall in Europa stoßen wir an Grenzen. In Deutschland natürlich auch. Aber Deutschland ist noch mal anders.

Anfang des Monats war ich auf Besuch in der alten Heimat und nutzte den für einen Check-Up bei meiner Hausärztin. Sie nahm sich mehr als zehn Minuten Zeit. Sie machte Sonaraufnahmen, ein EKG, Lungen- und Bluttests. Zum Abschied sprach sie, die Briten mit ihrem Brexit würden spinnen und ich solle aufhören zu rauchen. Sie sagte noch, dass sie sich mit den Ergebnissen vom Bluttest in ein paar Tagen bei mir melden würde.

Dann fuhr ich zurück nach England.

Nach ein paar Tagen rief sie an. Alles so weit in Ordnung. Ein Wert allerdings sei alarmierend – Vitamin D-Mangel, zu wenig Sonne, mehr Schatten als Licht. Darunter leiden insbesondere Nordeuropäer. Sie sagte: “Wir nennen das im Übrigen die englische Krankheit.“