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M. Streck: Last Call: Der Grenfell Tower und die Trittbrettfahrer der Tragödie

Während die Anwohner und Angehörigen nach dem Brand des Grenfell Towers noch trauern, riefen Aktivisten einen "Tag der Wut" aus und marschierten auf das Parlament. Wenn London momentan eines nicht brauchen kann, dann das.

Grenfell Tower Protest London

Wut, in den Stadtteil getragen von Aktivisten oder solchen, die sich für Aktivisten halten

In den vergangenen Tagen war ich oft in Notting Hill und bei dem ausgebrannten Hochhaus, dem Grenfell Tower. Ich konnte dort die verschiedenen Stufen der Trauer regelrecht fühlen. Zuerst war der Schock, danach kam die Verzweiflung, in die sich trotzige Hoffnung auf ein Wunder mischte, das natürlich nicht kam.

Dann kam die Wut.

Die Wut kam zuletzt, und sie wurde auch in diesen armen Stadtteil getragen von Aktivisten oder solchen, die sich für Aktivisten hielten. Manchmal erinnerte mich die Gegend um das schwarze Grab an diese Szene aus Monty Pythons "Das Leben des Brian", in der Brian an diversen Predigern vorbei geht, die alle zur Menge reden, ehe er selbst aus Versehen einer wird.

So ähnlich war das dort auch. Überall standen vornehmlich junge Männer und brüllten ihren Zorn und ihre Wut in ein überhitztes London. Sie schimpften und fluchten auf die Konservativen und auf die Medien, sie forderten sofortige Gerechtigkeit, und es hörte sich an wie ein Standgericht. Verschwörungstheorien kreisten. Die schrecklichste ging so: Drei Tage vor dem Feuer seien Leute vom Local Council im Grenfell Tower von Tür zu Tür gegangen und hätten die Bewohner instruiert, im Falle eines Brandes das Gebäude nicht zu verlassen. Eine andere machte den Inlandsgeheimdienst verantwortlich.

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Die wenigsten kamen aus Notting Hill

Diese wütenden Leute kamen aus allen Stadtteilen, aber die wenigsten kamen aus Notting Hill. Sie verteilten Flugblätter, die meisten von ihnen weiß und ihrer Kleidung nach zu urteilen eher wohlhabend. Die erschöpften Überlebenden hatten anderes zu tun als Reden zu halten. Und die Angehörigen der Opfer wollten trauern und keine Wut. Ich weiß nicht, was schlimmer ist. Die Tragödie oder die Trittbrettfahrer der Tragödie.

Am Mittwoch riefen einige dieser Gruppen zu einem "Day of Rage", einem Tag der Wut auf. Die größte Gruppierung darunter heißt "Movement For Justice By Any Means Necessary" (MFJ). Sie sind gegen Homophobie, Rassismus, Sexismus, Sparpolitik. Ich habe keine Ahnung, ob es auch etwas gibt, wogegen sie nicht sind. Sie marschierten von Sheperds Bush auf Westminster, sie wollten London zum Stillstand bringen und die Regierung stürzen mit Slogans wie "Die ganze Wahrheit muss ans Licht". Im Parlament saß unterdessen eine 91 Jahre alte Dame, die Queen, und verlas in nur neun Minuten die ausgedünnten Vorgaben von Theresa Mays schwächelnder Regierung.

Ich hätte mir im Leben nie träumen lassen, dass ich jemals mit der per se widerlichen Boulevardzeitung "Daily Mail" übereinstimme. Aber am Mittwoch war das ausnahmsweise so, als das Blatt "Kapert nicht unsere Trauer" titelte. Denn genau das taten die Aktivisten mit dieser Demo. Sie kaperten die Trauer und den Schock rund um den Turm für ihre politische Agenda. Das war billig und falsch und verlogen.

Niemand hatte die gefragt, die es anging

Niemand hatte die Leute von Notting Hill gefragt. Niemand hatte Fatima Bouhalia gefragt, die tagelang um ihre Freundin Raina Ibrahim und deren zwei junge Töchter weinte, verbrannt im 23. Stock. Niemand hatte die Brüder Nabil und Hisam Choukair gefragt, die um ihre Mutter, die Schwester, drei Nichten und den Schwager weinten, durchaus nach Gerechtigkeit verlangten, aber sehr betreten schauten, als sich eine Gruppe von Demonstranten auf die "Notting Hill Methodist Church" zubewegte, vor der die beiden standen mit den Bildern der Vermissten, und die Schreihälse diesen Ort des Gedenkens in eine Kundgebung verwandelten. Nabil und Hisam nahmen ihre Schilder und zogen wortlos weiter.

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Ein Feuerwehrmann steht vor dem Eingang des 24-stöckigen Grennfell Towers

Ein Feuerwehrmann steht vor dem Eingang des Grennfell Towers. Experten zufolge konnte sich das Feuer wegen der Fassade des Baus so schnell ausbreiten

Und niemand hatte Mohammed al Wahabi gefragt, ob sie in seinem Namen London zum Stillstand bringen dürfen. Er hätte sie vermutlich angebrüllt und ihnen zugerufen, sie sollten sich ihre falsche Wut dort hin schieben, wo die Sonne nicht scheint. Auch er zornig, aber vor allem darauf bedacht, den Menschen zu erklären, wie das Leben so war und ist im armen Sprengsel des reichen Notting Hill. Mohammed hatte Freunde und Verwandte im Turm, der hinter ihm schwarz in den Sommerhimmel ragte. Er sagte: "Kommt hier her, sprecht mit uns Anwohnern, informiert euch. Lasst euch sagen, dass wir Armen immer weiter an den Rand getrieben werden und auch dieses arme Notting Hill irgendwann verschwindet und wir weiter ziehen müssen, immer weiter raus."

Er war wütend und zu Recht wütend. Aber seine Wut war eine andere Wut als die der Demonstranten, die auf Westminster zogen und mutmaßlich im Namen der Leute vom Grenfell Tower "Justice now" brüllten und auf May fluchten und den Kapitalismus und die Gier, als sei das alles eine Erfindung der Tories und als habe es Tony Blairs New Labour nie gegeben.

Das Signal des Imam: Mut statt Wut

Tage der Wut? Am frühen Montag morgen raste ein rassistischer Psychopath in eine Menge von Muslimen in Finsbury Park, und ein besonnener Imam namens Mohammed Mahmoud stellte sich schützend vor den Täter und verhinderte, dass die Wut eskalierte. Mahmoud, gerade 30 Jahre alt, setzte seinen Mut gegen die Wut.

Wenn dieses London, geschunden und gebeutelt und verwundet von Terror und Feuer, eines nicht gebrauchen kann, ist es noch mehr Wut.

Deshalb bin ich wütend auf diese Wutbürger.

Ich könnte Wut gut nachvollziehen, wenn die Menschen irgendwann auf die Straße gingen und gegen den Brexit protestierten, weil ihnen langsam dämmert, in welche erbarmungswürdige Position ein paar Polit-Clowns und notorische Lügner dieses Land getrieben haben. Und sie realisieren, dass es doch keinen goldenen Regenbogen gibt und auch nicht die Wiederauferstehung des Empire und nicht mal Fuchsjagden für die Reichen.

Aber das wäre eine ganz andere Geschichte. Und diese Wut kommt erst noch.


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