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M. Streck: Last Call: Die Brücke, die ein Luftschloss ist

Der britische Außenminister Boris Johnson hatte mal wieder eine Idee: Eine gigantische Brücke von Großbritannien nach Frankreich. Die müsste nicht nur den Kanal, sondern alle  Klischees überbrücken. Und wird schon deshalb nie gebaut. Eine kleine Zeitreise der Gemeinheiten.

Boris Johnson (Archivbild) hat die Idee, eine brücke zwischen England und Frankreich zu bauen

Boris Johnson (Archivbild) hat die Idee, eine brücke zwischen England und Frankreich zu bauen

Boris Johnson ist britischer Außenminister, zugleich einer der wichtigsten Brexit-Befürworter und nebenberuflich ein Lautsprecher mit drolligem Haar auf dem Kopf, in dem drollige Gedanken zirkulieren. Am Rande des britisch-französischen Gipfels überraschte er mit einem erstaunlichen Vorschlag. Boris würde gerne eine etwa 35 Kilometer lange Brücke bauen von der Insel nach Frankreich. Er sagte, es sei lächerlich, dass zwei der bedeutendsten Wirtschaftsnationen der Welt lediglich durch einen Eisenbahn-Tunnel miteinander verbunden seien. Das klingt ausgerechnet aus seinem Mund reichlich schräg. Schließlich war Johnson maßgeblich dafür verantwortlich, dass die Briten mit dem Referendum die Brücken nach Europa abbrechen wollen.

Deshalb hier noch einmal ganz langsam und zum Ausschneiden oder Mitsingen: Eine Brücke. Über den Kanal. Zwischen England und Frankreich.

Das Beste zwischen England und Frankreich ist die See

Der Plan überrascht aber auch aus allerlei anderen Gründen. Im Vergleich etwa zum deutsch-britischen Verhältnis gilt das der Briten zu ihren Nachbarn auf der anderen Seite des Wassers als, sehr vorsichtig ausgedrückt: schwierig. Vor wenigen Jahren erst schrieb Stephen Clark ein Buch mit dem wunderbaren Titel "1000 Years of Annoying The French", in dem er die schönsten Pretiosen und Gemeinheiten der bewegten Geschichte zwischen den beiden Nationen auflistet. Beispielsweise das Johnson diametral widersprechende Verdikt seines Landsmanns Douglas William Jerold, der schon im 19. Jahrhundert konzidierte: "Das Beste zwischen Frankreich und England ist die See." Was auf der anderen Seite der See im Übrigen ganz ähnlich gesehen wurde. Vom früheren französischen Premierminister George Clemenceau jedenfalls ist das Bonmot überliefert, Englisch sei in Wahrheit nur schlecht ausgesprochenes Französisch. 

Seit knapp tausend Jahren, seit William der Eroberer aus der Normandie übersetzte und die Insel unterwarf, geht das hin und her und her und hin. Sie bekriegten sich im Mittelalter mal hundert Jahre lang, und bei der Gelegenheit führte Jeanne d’Arc, die Jungfrau von Orléans, die Franzosen eben bei Orléans zu einem historischen Sieg, wurde später aber verhaftet und an die Engländer ausgeliefert, welche sie auf dem Markplatz von Rouen 1431 dem Scheiterhaufen übereigneten. Was wiederum bis heute die Franzosen spotten lässt, dies sei das einzige Mal in der Geschichte gewesen, dass die Briten etwas richtig durchgekocht hätten.

In der Erzfeind-Tabelle führt Frankreich klar

Napoleon nannte die Nachbarn eine "Nation der Krämerseelen", und Winston Churchill erinnerte der im Londoner Exil lebende General de Gaulle an "ein weibliches Lama, das im Badezimmer überrascht wurde". Und so weiter und so fort. Bis heute. In der Erzfeind-Tabelle liegen die Franzosen deutlich vor den Deutschen. Vor der vergangenen Fußball-WM brachte die "Sun" einen putzigen Ratgeber unter dem Titel "Who we hate" – wen wir hassen. Da stand dann: "Argentinien, Uruguay, Frankreich, Deutschland. Und noch mal Frankreich."

Das ist insofern leicht erstaunlich, weil in Frankreich viele Briten leben und umgekehrt viele Franzosen auf der Insel. Allein in London an die 200.000. Man kommt leidlich bis gut miteinander aus – allerdings auch nicht ganz ohne Sticheleien. Das könnte womöglich an der französischen Tendenz liegen, "ziemlich französisch zu sein", wie der Autor Matthew Sturgis befand. Oder, anders herum, an gelebter Arroganz. Der Earl von St Germans in Cornwall kaufte sich vor Jahren im Süden Frankreichs eine protzige Villa, taufte die aber von "La Magnanerie" ganz profan in "Sea View" um, "weil das leichter auszusprechen ist".

So viel zu den Klischees hüben wie drüben, die nach dem Willen von Boris schlicht überbrückt werden sollen.

35 Kilometer Spannbeton als Metapher für gute Nachbarschaft? Boris Johnson, muss man wissen, war ja zuvor Bürgermeister von London und in dieser Eigenschaft mit Bauprojekten nicht sonderlich erfolgreich. Mal baute er eine Gondelbahn für ein Heidengeld, die heute vor allem Gondeln transportiert. Mal wollte er sogar einen Flughafen auf eine künstliche Insel platzieren, die seinen Namen trug, Boris Island. Er wollte sogar schon einmal eine Brücke bauen. Die Garden Bridge, nur über die Themse, ein Brücklein vergleichsweise. Über ein Bächlein, vergleichsweise. Es wurde geplant und geplant, der berühmte Designer Thomas Heatherwick machte sich ans Werk. Und heraus kam ein Luftschloss. Plan beerdigt.

Ähnlich dürfte es auch mit der Kanal-Brücke ausgehen. Es passt nicht. Denn seien wir ehrlich, es hat noch nie gepasst –  selbst wenn sich jetzt alle ganz doll liebhaben wollen. Am Ende ist es wohl so, wie der Dramatiker John Mortimer schrieb. “Grundsätzlich lieben die Briten ja Frankreich. Es wäre ihnen nur lieber, wenn dort keine Franzosen leben würden."