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"Ich bin eine Qutenfrau" "Mit so viel Aggression nicht gerechnet" – Reaktionen auf die stern-Titelgeschichte

"Ich bin eine Qutenfrau": "Mit so viel Aggression nicht gerechnet" – Reaktionen auf die stern-Titelgeschichte
Die Debatte um die Frauenquote wird in Deutschland mit Leidenschaft geführt – das zeigt die Vielzahl der Reaktionen auf unsere Berichterstattung. Lesen Sie einen Überblick dazu, plus ein Gespräch mit Düzen Tekkal, einer der Protagonistinnen der Geschichte.
Von Helen Bömelburg und Karin Stawski; Interview: Silke Gronwald

Kritik ist nicht das Schönste für Journalisten, und Lob nicht das Schlimmste. Am besten ist es, wenn wir beides ernten. Dann können wir sicher sein, eine überfällige Debatte ausgelöst zu haben. Uns erreichten enthusiastische Zuschriften zur Titelgeschichte und dem Digitalprojekt  "Ich bin eine Quotenfrau". Von Männern und Frauen, Jungen und Alten, von Firmenchefinnen und Altenpflegerinnen. "Ihr seid die Besten!", "Spirit von Sisterhood – das macht richtig Laune", "Weiter so!"

Die kritischen Stimmen: Wirtschafts­liberale lehnen die Einmischung in innerbetriebliche Entscheidungen ab, die eine Quote bedeuten würde. Manche Feministinnen beklagen, nun werde frau doch ­wieder auf ihr Geschlecht reduziert. Stolze Väter von Töchtern und viele junge Frauen sind sich sicher: So einen Karriere-Turbo wie die Quote braucht keine, die es wirklich draufhat.

Zehntausende Reaktionen, analog und digital. Liebe und Hass. Was lernen wir?

Ein paradoxes Bild

Zuerst und erschreckend: Allein das Fordern von mehr Macht für Frauen ist für manche ein Tabu. Eine der Protagonistinnen aus der Wirtschaft erzählt, wie ein Dax-Vorstand sie anrief. Ein Freund, sagt sie, er habe es gut gemeint: "Du weißt schon, dass du dich gerade nicht bei allen beliebt machst. Hast du keine Angst?" Eine Warnung. Sie habe gesagt: "Ach, mein Lieber. Wovor? Dass mich ein Aufsichtsratsvorsitzender nicht für einen Posten in Betracht ziehen könnte? Dann wäre das Unternehmen nicht der richtige Platz für mich." Zweitens: Der Blick von außen zeigt, dass Deutschland ein paradoxes Bild abgibt. Erstaunt blickten Leser aus dem Ausland auf den stern, auch die französische Zeitung "Le Monde": "Das ist einer der Widersprüche der Bundesrepublik Deutschland. Obwohl seit 15 Jahren eine Frau an der Spitze steht, liegt das Land eindeutig hinter seinen Nachbarn, wenn es um den Zugang des weiblichen Geschlechts zu verantwortungsvollen Positionen geht."

Drittens: Die Quotendebatte ist eine über Identität. Was ist eine Frau, was ein Mann? Was sind "gute" Rollen? Das geplante Quoten-Gesetz mag am Ende nur für die Spitzen einiger Hundert Unternehmen gelten – das Signal, das davon ausgeht, hat Millionen erreicht. "Ohne das Privileg, ein Mann zu sein, wäre ich nicht, wo ich bin", gibt ein Rechtsanwalt auf Twitter zu – unter dem Schlagwort #Quotenmann, das zum Trend wurde.

Und wie bei allen Reizthemen meldeten sich auch jene Menschen, die statt Reflexion nur Reflexe sprechen lassen. Die uns Journalisten im Allgemeinen und Quotenfrauen im Besonderen auf einem Pipi-­Kacka-Vagina-Niveau anpöbeln, weil sie kein einziges Argument haben. Mit denen lohnt keine Debatte. An alle anderen: Danke, dass Sie sich die Zeit nehmen, Teil der Diskussion zu sein. Wir bleiben dran.

Reaktionen zwischen Liebe und Hass

Wer auch immer für die Karriere eine Quote braucht, ist zum Arbeiten zu dumm/faul oder für andere Karrierewege zu unansehnlich.
Corinna Herold, Landtagsabgeordnete Thüringen, AfD, auf Facebook
Je mehr Hass-Tweets mir entgegenschlagen, desto entschlossener werde ich sagen: Ich bin eine Quotenfrau. Denn ich befürworte die Frauenquote. Auch Gegenwind ist Energie.
Prof. Claudia Kemfert, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung, über Twitter
Großartige Aktion des stern. Danke an alle, die mitgemacht haben!
Katharina Fegebank, Zweite Bürgermeisterin von Hamburg, Bündnis 90/Die Grünen, über Twitter
Schämen sich Quotenmänner wie der Scheuer etwa dafür, nur deswegen ihren Job zu haben? Ach nee, halt, bei dem war es ja echte Kompetenz…
Anonyme Twitter-Nutzerin
Denken Sie tatsächlich, dass Quotenfrauen immer super ausgebildete, geeignete Superwomen sind, die mit ihren Heldentaten ihre schlechten und kompetenzlosen männlichen Vorgänger überstrahlen? So viel Naivität, nur um diese lächerliche Quote als etwas Positives darzustellen.
Kerstin Godenrath, stellvertr. Kreisvorsitzende Halle (Saale), CDU, über Twitter
Ich bin eine junge schwarze Frau, Mutter von Zwillingen und arbeite Vollzeit für das Unternehmen Telefonica. Hier ist der Grundstein für Diversität bereits gelegt, allerdings ist noch nicht das Ziel erreicht. Bei früheren Arbeitgebern sollte ich mich bei der Weihnachtsfeier nach hinten stellen, damit man mich von der Bühne nicht sehen kann, und mir einen netten Rock anziehen, wenn ich zum Kunden fahre. Diese und ähnliche Aussagen habe ich nie von einer weiblichen Vorgesetzten gehört. Diversität ist kein Trend. Ich bin da, wo ich bin, weil ich hier hingehöre.
Barbara Hautum per E-Mail
Wenn Frauen sich selbstbewusst Quotenfrau nennen, ist das klug und strategisch wichtig. Quotenfrauen sind Pionierinnen, die dann zeigen, dass sie die Aufgaben besser meistern als manch männlicher Vorgänger.
Karl Lauterbach, SPD-Bundestagsabgeordneter, über Twitter
Stark, was @stern.de gemeinsam mit 40 Macherinnen, Unternehmerinnen und Politikerinnen auf den Weg gebracht hat. Jetzt liegt es an uns allen, besonders aber an den Männern, die Denkschranken zum Thema Frauenquote einzureißen und Vielfalt Raum zu geben!
Martin Speer über Twitter
Ich arbeite in einem internationalen Maschinenbau-Unternehmen als einzige Frau im Verkauf. Einer der harmloseren Sprüche, wenn ich die besten Verkaufszahlen bringe: "Du bist ja auch blond." Widerlicher wird es bei: "Wie, Sie haben Kinder? Ich dachte, eine Frau in Ihrer Position sei lesbisch." Der Klassiker: "Wo ist denn der Techniker?" Als Frau hat man im Marketing, Sekretariat, vielleicht in HR zu arbeiten! Wir sind tatsächlich im Deutschland Helmut Kohls oder ­Gerhard Schröders stehen geblieben.
Natascha Döme per E-Mail
Wir werden alles dafür tun, um diese Vorstandsquote zu verhindern.
Hans Michelbach, CSU, Vizechef des Parlamentskreises Mittelstand
Was genau fürchtet das männliche Geschlecht? In einer idealen Welt wäre alles gerecht verteilt – auch das Versagen. "Die Emanzipation ist erst dann vollendet, wenn auch einmal eine total unfähige Frau in eine verantwortliche Position aufgerückt ist", sagte Heidi Kabel.
Jane Hois, per E-Mail
Warum gibt es so wenige Frauen im Straßenbau? Warum so wenig Heizungsinstallateurinnen? Und warum gibt es so wenige Kindergärtner, Altenpfleger, Friseure? Weil das Interesse an diesen Jobs beim jeweiligen Geschlecht nicht so stark ausgeprägt ist – völlig diskriminierungsfrei. Die Quote würde vielleicht mehr Frauen in Positionen bringen, aber nicht auch das Interesse der Frauen steigern. Die wenigen interessierten Frauen würden also gegenüber den interessierten Männern bevorzugt werden – rein aufgrund ihres Geschlechts. Das nennt man dann Diskriminierung. Frauen können alles. Dazu brauchen sie keine Quoten.
Markus Witt per E-Mail

"Mit so viel Aggression hatte ich nicht gerechnet"

Düzen Tekkal
Düzen Tekkal Journalistin und ­Filmemacherin
© Carolin Windel/stern

Die Kriegsberichterstatterin Düzen Tekkal ist eine der 40 Protagonistinnen des stern-Projekts, die viel Kritik für ihre Teilnahme abbekam. Im Interview erzählt sie, wie sie die Reaktionen erlebt hat.

Frau Tekkal, Sie haben heftige Reaktionen auf Ihre Teilnahme an der stern-Aktion "Ich bin eine Quotenfrau" bekommen. Was war da los?

Auf allen Kanälen ging es ab, auf Facebook, Twitter, Instagram, aber auch am Telefon. Es gab Beschimpfungen, Beleidigungen und Unterstellungen, die weit unter die Gürtellinie gingen, wie etwa: "Früher hat sie beim Escort-Service gearbeitet und ist anschaffen gegangen, und jetzt will sie hier einen auf Quote machen." Oder: "Ich hatte immer Achtung und Respekt vor deiner Leistung, aber jetzt werde ich mich abwenden." Oder: "Wie peinlich ist das denn!"

In Ihrer Arbeit als Menschenrechtsaktivistin sind Sie Anfeindungen gewohnt?

Wenn man sich für Minderheiten engagiert, dann kennt man das, dann ist man auf Gegenwind eingestellt. Aber beim Thema "Frauen in Führung" hatte ich nicht mit so viel Aggression gerechnet, das hat mich echt überrascht. Es zeigt, wie stark sich einige Menschen angegriffen fühlen. Und es zeigt, dass das Thema offenbar einen sehr wunden Punkt getroffen hat.

Wie gehen Sie damit um?

Ich habe mir seit frühester Kindheit eine dicke Hornhaut zugelegt. Vieles perlt an einem ab, manches tut aber doch weh und trifft. Aber zum Glück habe ich auch ganz viel positives Feedback und Unterstützung bekommen, das gibt Kraft, weiterzumachen.

Erschienen in stern 50/2020

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