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Ulrike Demmer "Es war gut, ein männerdominiertes Thema zu besetzen"

Ulrike Demmer, die stellvertretende Sprecherin der Bundesregierung, war früher Journalistin. Eine Quotenfrau in der Politikredaktion des Spiegel. Ihre Themen: Bundeswehr und Sicherheit. Das hat ihr Respekt verschafft.

"Für mich sind Quoten etwas Allgegenwärtiges und Gutes. Quoten ermöglichen Teilhabe und Gerechtigkeit. Aber ich selbst eine Quotenfrau? Ich habe mir bislang nie Gedanken drüber gemacht. Der Rückblick auf meine Biografie lässt aber keinen anderen Schluss zu... 2005 waren im "Spiegel"einige Ressortleiter und eine Ressortleiterin der Meinung, dass dem Magazin Frauen fehlen. Ich arbeitete damals beim ZDF-Morgenmagazin, als der "Spiegel" mir das Angebot machte, dort Redakteurin zu werden. Es war ein großartiges Angebot und eine tolle Chance. Hätte ich ablehnen sollen, weil sie gezielt eine Frau suchten? Sieben Jahre habe ich für das Magazin gearbeitet. Ich war zunächst für die Bundeswehrberichterstattung zuständig, später auch für Sicherheits- und Verteidigungspolitik im Hauptstadtbüro. Vor meiner ersten Reise in ein Kriegsgebiet fragte der damalige stellvertretende Chefredakteur meine Ressortleiter: 'Hat die Demmer Kinder? Nein. Ok, dann kann sie fahren.' 

Es war gut, im männlich dominierten Spiegel ein so männerdominiertes Thema zu besetzen. Dass ich bereit war, nach Afghanistan, in den Kongo und in den Sudan zu reisen, verschaffte mir Respekt. Bei der Bundeswehr konnte ich über Jahre beobachten, wie sich ein System verändert, wenn es gezielt Frauen fördert. Die Zahl der Soldatinnen, denen ich begegnete, wuchs beständig. Es hat dem System nicht geschadet. Veränderung ist möglich.

Ich durfte im Laufe der Jahre an einigen Führungskräftetrainings für Frauen teilnehmen. Der Markt bietet da allerhand. Die erste Trainerin erklärte uns klipp und klar: 'Die Regeln auf dem Spielfeld bestimmen die Männer. Wenn Sie diese Regeln nicht einhalten, dann bleiben sie für Männer ein Geräusch.' Tatsächlich merkte ich langsam, dass meine Leistungen anders bewertet wurden als die der Männer. Heute bin ich mir sicher, dass das in der Regel nicht einmal böse gemeint war. Es folgte einem unbewussten Leistungsschema, das wir Frauen gar nicht bedienen konnten. Damals habe ich das als sehr ungerecht empfunden. Dass ich für zwei meiner Texte später einen Preis bekam, war befreiend.

"Es ist nie einfach, in der Minderheit zu sein"

Wie anstrengend es ist, in einem Umfeld zurechtzukommen, das vom anderen Geschlecht dominiert wird, erfahren Männer ja nur selten. An eine Gelegenheit kann ich mich aber erinnern: eine Redaktionskonferenz. Es ging nicht um Themen für das Heft, sondern um die Teilhabe der Frauen an Führungspositionen und Meinungsmacht. Im Raum saßen etwa 60 Frauen. Der Chefredakteur und sein Stellvertreter kamen rein, sahen in all die Gesichter und blieben für den Bruchteil einer Sekunde irritiert stehen. Es war deutlich zu sehen, wie unwohl sie sich fühlten allein unter Frauen. Es ist nie einfach in der Minderheit zu sein. Deshalb gibt es Quoten. Überall. In der Politik sind zum Beispiel regionale Quoten fast ein Gesetz. Da kann es einem kompetenten Fachpolitiker passieren, dass er nicht Minister wird, weil sein Bundesland schon mit einem Minister*innenposten bedacht worden ist und die anderen Bundesländer auch ihren Anteil – ihre Quote – im Kabinett besetzen wollen.

Das höchste Gremium der Vereinten Nationen wird nach regionalen Quoten besetzt. Tunesien, Vietnam und die Dominikanische Republik haben einen Sitz im Sicherheitsrat, weil es regionale Quoten gibt. Ich habe in den vergangenen Jahren sicher in vielen Talkshows gesessen und an zahlreichen Podiumsdiskussionen teilgenommen, weil ich eine Frau war, aber immer auch, weil ich etwas zu sagen hatte. In der RBB-Talkshow 'Die Beobachter' von Jörg Thadeusz war ich drei Jahre lang Stammgast. Dort sitzen immer vier Gäste. Zwei Männer. Zwei Frauen. Wenn eine Frau nicht konnte, wurde sie von einer Frau vertreten. Wenn einer der Männer nicht konnte, wurde er durch einen Mann vertreten. Auch das ist bis heute so. Ist das nun eine Frauenquote? Oder eine Männerquote? In jedem Fall war und ist es immer eine muntere, von unterschiedlichen Perspektiven geprägte Diskussion.

Frauen machen 50 Prozent der Gesellschaft aus, ist es da nicht angemessen, dass Frauen auch die Hälfte der Entscheidungen treffen, die unser aller Leben prägen?

Uns interessieren auch Ihre Erfahrungen und Ihre Meinung. Wie sieht es in Ihrem Job aus? Könnten Sie mehr Frauen oder Männer gebrauchen? Schreiben Sie uns unter quotenfrau@stern.de


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