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Katja Kipping "Ein ganz kritischer Moment ist, wenn das erste Kind kommt"

Katja Kipping
Die Politikerin Katja Kipping setzt sich für die Frauenquote ein
© stern/Carolin Windel
Katja Kipping würde sich selbst nur eingeschränkt als Quotenfrau sehen. Was die "Die Linke"-Parteivorsitzende Frauen rät, die sich herablassende Sprüche anhören müssen und was die Politik angehen muss. 

Frau Kipping, sind Sie eine Quotenfrau?

Ja und nein. Ja, ich bin eine Quotenfrau, wenn das heißt, dass man mit Hilfe der Quote gewählt wurde und für eine Quote ist. Nein, wenn unter Quotenfrau verstanden wird, dass frau harmlos sei. Mein Ziel ist eine Situation zu schaffen, in der wir die Quote nicht mehr brauchen. Auch wenn schon viel passiert ist, es reicht nicht.

Was ist konkret passiert?

Wenn ich mir die ersten Artikel über mich anschaue, dass würde sich heute kein Journalist mehr trauen zu schreiben. Da standen dann so Sätze wie "die macht sich bestimmt gut auf einem Wahlplakat" oder "von der würde sich gerne jeder mal enteignen lassen". Und bei den ersten Fotosessions haben die Fotografen Anweisungen gegeben, als sei ich ein Bravo-Girl, das sich romantisch am Baum räkelt.

Wie haben Sie es geschafft sich gegen Männer in der Politik zu behaupten?

Indem ich mutig für meine Überzeugungen eingestanden bin. Zudem habe ich Rhetorik und Herrschaftsmethode, die Frauen benachteiligen, analysiert und thematisiert. Zum Beispiel in einer harten politischen Kontroverse, wenn ich gerade einen guten Punkt gemacht habe und dann kam von dem Mann, du deine Ohrringe sind übrigens sehr hübsch. Ich rede gerne über Mode. Aber zu einem ernstgemeinten Kompliment gehört das richtige Timing. Sonst ist es kein Kompliment, sondern ein Ablenkungsmanöver.

Wie haben Sie gekontert?

Mal ganz direkt, mal auch mit Ironie, wie etwa: Deine Krawatten werden aber auch immer bunter. Die Reaktion war meist erstmal Irritation. Ich war immer sehr klar in der Haltung, aber milde im Ton, ich wollte den Männern auch immer eine Brücke bauen, ihnen eine Chance geben, neues Verhaltensmuster zu lernen, denn auch sie sind manchmal unbewusst geprägt durch patriarchale Muster.

Wie lernt man gut zu kontern?

Zunächst einmal, wenn etwas nicht klappt, ein Spruch daneben geht, es sich nicht als individuelles Versagen einreden. Niemand hat von Anfang an in jedem Moment eine schlagfertige Antwort parat. Das ist ein Prozess, das lernt man mit der Zeit. Und Frauen sollten auch eine gewisse Milde mit sich selbst haben, wenn es mal daneben geht. Lernt daraus und beim nächsten Mal wird es vielleicht besser.

Warum geht es mit der Gleichberechtigung im Job so langsam voran?

Weil wir nicht an die Wurzel des Problems gehen und die Wurzel ist immer noch die Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern. Die ist immer noch stark geprägt von Rollenbilder, Frauen machen im Schnitt 50 Prozent mehr unbezahlte Arbeit. Sie nehmen die Sorge- und Pflegearbeit wahr. Sie arbeiten in Berufen, die tendenziell schlechter bezahlt werden. Siehe Erzieherinnen und Pflegerinnen. Und wenn dann ein Kind kommt, bleiben sie eher zuhause. Vieles läuft ja ganz subtil ab. Es ist ja nicht der Sklaventreiber, der hinter der Frau steht und sagt, du darfst jetzt nicht mehr arbeiten gehen. Sondern das sind ja die vielen kleinen Mikro-Botschaften. Es ist das Liebesgefängnis, es ist ja auch sehr schön, sich ganz dem Kind zu widmen.

Was muss anders werden?

Es gibt nicht die eine Maßnahme. Aber ein ganz kritischer Moment ist, wenn das erste Kind kommt. Dann zementiert sich bei Paaren auf viele Jahre die Rollenverteilung. Deswegen muss beim Elterngeld beispielsweise darauf geachtet werden, dass beide den gleichen Anreiz haben, halbtags zuhause zu bleiben. Gleich von Anfang an Halbe Halbe ist nach meiner persönlichen Erfahrungen optimal, weil für beide dann der Horizont nicht nur auf Windeln liegt, sondern auch noch im Job. Das ist gut fürs Kind, aber auch für die Partnerschaft und für einen selbst.

Und eine radikale Arbeitszeitverkürzung. Das wünschen sich ganz viele, Männer wie Frauen. Es kann nicht sein, dass man Führungsjobs nur mit einer 80 Stunden Woche bewältigen kann. Ich habe mich ganz bewusst dazu entschieden, mich nicht zu entschuldigen, wenn ich Zeit für meine Familie einplane. Ich finde, es müssen sich diejenigen erklären, die 80 Stunden die Woche im Spitzenamt arbeiten. Denn sieben Tage die Woche voll arbeiten, das bedeutet ja, dass sie alle Care- und Familienarbeit auf andere abwälzen müssen.

Uns interessieren auch Ihre Erfahrungen und Ihre Meinung. Wie sieht es in Ihrem Job aus? Könnten Sie mehr Frauen oder Männer gebrauchen? Schreiben Sie uns unter quotenfrau@stern.de


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