VG-Wort Pixel

Aminata Touré "Wir sprechen von einem Umfeld toxischer Männlichkeit"

Sehen Sie im Video: Grünen-Politikerin Aminata Touré über die Frauenquote und toxische Männlichkeit.
Mehr
Die Einigung zum neuen Quoten-Gesetz sieht Grünen-Politikerin Aminata Touré als Anfang. Doch für wirklichen Fortschritt brauche es mehr.

Wie bewerten Sie die Einigung der Großen Koalition zum Quoten-Gesetz?

Es ist ein Anfang.

Würden Sie den Begriff "Quotenfrau" für sich in Anspruch nehmen?

Natürlich sträubt sich im ersten Moment alles dagegen. Wer will schon Quotenfrau genannt werden? Aber mir ist Ihre Idee sympathisch, diesen Begriff umzudeuten, neu zu definieren. Leider muss man selbst mit Frauen darüber diskutieren, ob eine Frauenquote sinnvoll ist. Kolleginnen von FDP und CDU sprechen sich oft gegen die Quote in ihren Parteien aus, weil sie sich davor fürchten, dann als Quotenfrauen zu gelten.

Was sagen Sie diesen Politikerinnen?

Dass sie anders oft gar nicht an Spitzenpositionen kommen, wie die Besetzungen in ihren eigenen Parteien beweisen. Das Problem zeigt sich auch darin, dass die Quote immer noch als eine Sache der Frauen erscheint.

Wessen Sache sollte sie sonst sein?

Die von uns allen natürlich. Die Notwendigkeit der Frauenquote wird auch darin deutlich, dass Männer offenbar keine Notwendigkeit dafür sehen. Bei frauenpolitischen Debatten reden meist weibliche Angeordnete. Ich habe in einer Landtagsrede den Spieß mal umgedreht und gesagt, dass wir eine faktische Männerquote haben. Da reagierten viele Herren auf einmal sehr nervös.

© Carolin Windel / stern

Nun hat sich Markus Söder plötzlich der Sache angenommen. Freuen Sie sich darüber?

Grundsätzlich ist es richtig und wichtig, wenn Parteivorsitzende sich so festlegen. Aber ich breche nun auch nicht in Jubelstürme aus. Söders Kollege Daniel Günther hat sich ja auch bereits in die Richtung geäußert, aber ich habe noch nichts davon mitbekommen, dass die Riege der CDU Schleswig-Holstein irgendwie weiblicher geworden wäre. Es reicht nicht, ein Interview darüber zu geben.

In Brandenburg hat das Verfassungsgericht gerade die Quote für die Landeswahllisten kassiert. Ein herber Rückschlag?

Ich nehme die Gewaltentrennung sehr ernst und insofern muss man das Urteil akzeptieren. Auch wenn es total schade ist. Aber es ist nur einer von vielen Versuchen für paritätischere Parlamente, dieser eine ist nun eben schief gegangen. Es ist nun mal anstrengend, weil wir als Grüne ja praktisch für andere Parteien mitkämpfen müssen, wir kämpfen auch für mehr liberale Frauen und mehr christdemokratische Frauen – wir sind es nicht, an denen es liegt.

Das muss man jetzt leider fragen: Kämpfen Sie auch für mehr AfD-Frauen?

In diesem Fall nein, ich wünsche mir grundsätzlich keine Nazis im Parlament.

Haben Sie als Kind, als Mädchen den Eindruck gehabt, in einem Patriarchat aufzuwachsen?

Meine Mutter war in ihren Überzeugungen sehr feministisch, ohne das so zu benennen. Sie hat uns immer gesagt, dass es nichts gibt, das man nicht könnte, bloß weil man eine Frau ist. Trotzdem ist man aber schnell von patriarchalen Strukturen betroffen, die gehen ja deshalb nicht weg.

Wer hat Sie in Ihrer Karriere unterstützt?

Meine ehemalige Chefin Luise Amtsberg im Deutschen Bundestag hat mich sehr unterstützt und mich motiviert, zu kandidieren. Ich bin auch deshalb zu den Grünen gegangen, weil sie eine Partei sind, die von feministischen Überzeugungen geprägt ist. Ich habe Politikwissenschaften studiert und dort erlebt, dass wieder diese ganzen Jungs versuchen, die Debatte zu übernehmen. Ich saß in einem Raum mit Männern, die schlecht vorbereitet waren, vielen Frauen, die sich sehr gut vorbereitet hatten, aber sich nicht zu melden trauten. Weil die Typen die ganze Debatte dominierten. Deshalb war mir wichtig, in eine Struktur zu kommen, die das ausschließt.

Wie darf man sich das Geschlechterverhältnis bei den Grünen vorstellen?

Es ist ein großes Missverständnis, zu glauben, dass es um quotierte Plätze keinen Konkurrenzkampf gäbe. Man bekommt diese Posten nicht geschenkt, man muss ebenso darum kämpfen.

Sind grüne Männer frei von diesem Denken?

Absolut nicht. Wir hätten gerne dieses Selbstbild, dass bei uns ausschließlich Feministen da wären. Aber ganz sicher gibt es auch hier Männer, die sich denken, dass sie eigentlich die besseren wären und bloß von der Quote von den ihnen zustehenden Posten ferngehalten werden. Ich glaube sogar in dem Moment, an dem wir die Quote als Struktur aufgeben, würden wir wie jede andere Partei sein.

Gibt es konkrete Fälle von Sexismus?

Nicht bei den Grünen explizit, aber in der Politik allgemein. Ich weiß nicht, was die Leute denken, ob die mich in erster Linie als Quotenfrau, noch dazu als schwarze Quotenfrau sehen.... Es geht um subtile Dinge, die man an der Debattenkultur erkennt. Ich bin nicht zart besaitet, ich schlage zurück. Wenn Männer physisch einen Kreis bilden, um unter sich etwas auszumachen, dann gehe ich bewusst da hin. Man merkt es an den Debatten und Tagesordnungen, dass unsere Politik männlich dominiert ist.

Sie haben die Dringlichkeit so treffend zusammengefasst, indem sie beschreiben, wie sie im Bus zum Kieler Landtag fahren…

…wo ich queeren Menschen begegne, schwarzen, vielen Frauen. Und dann im Landtag sehe ich ein anderes Bild. Ich glaube, dass die Parteien in der Verantwortung sind und auch ein Eigeninteresse entwickeln sollten, vielfältiger werden. Auch wir als Grüne müssen strukturell mehr verankern, etwa mehr People of Colour berücksichtigen, Transmenschen, jüdische Menschen, Menschen aus armen Verhältnissen oder mit nicht-akademischen Abschlüssen. Das haben wir mit unserem Vielfaltsstatut nun so beschlossen. Es ist eine schwierige Frage, das in Quoten festzulegen, darüber diskutieren wir gerade. Wir können keine 35 Merkmale, die in der Gesellschaft existieren per Quote abbilden, wenn es etwa nur zwei Positionen zu besetzen gibt.

Stimmt es, dass viele Frauen nicht in die Politik wollen, weil sie die dortigen Gepflogenheiten nicht wollen?

Wir sprechen von einem Umfeld toxischer Männlichkeit. Wir können nicht hinnehmen, dass unsere Parlamente davon geprägt sind.

Zurzeit sprechen wir am meisten über Frauenquoten für DAX-Vorstände. Was hat die normale Frau davon, wenn da mehr Frauen drinsitzen?

Das stimmt, der weiblichen Reinigungskraft in dem Unternehmen geht es keineswegs besser, bloß weil da 'ne Chefin kommt. Es kann sogar sein, dass der Mann in der Führungsetage sich mehr für Frauen einsetzt als die neue Vorstands-Frau. Das Geschlecht allein macht nicht solidarisch. Unsere Debatte muss sich davon lösen, was Akademikerinnen durch Quoten alles erreichen sollen, es geht ebenso sehr um Frauen in Pflegeberufen, die uns durch die Pandemie stärker ins Bewusstsein gerückt sind, aber weiterhin einen Scheißdreck verdienen.

Müssen Männer verstehen, dass sie etwas hergeben müssen?

Anders wird es nicht gehen. Das ist jener Moment, an dem Männer meist aufhören, mit Frauen solidarisch zu sein – wenn sie begreifen, dass sie etwas abgeben müssen. Es verstehen inzwischen auch Frauen aus dem konservativen Spektrum, dass es ohne Quoten nicht geht, weil sie merken, dass Männer nichts freiwillig hergeben. Es gibt wahrscheinlich keine Frau in der Politik, die nicht erlebt hat, dass sie ausgegrenzt wird oder dass man ihr Kompetenzen abspricht.

Stimmt der launige Spruch, dass die Gleichberechtigung erst dann Realität ist, wenn auch unfähige Frauen an Posten gelangen?

Man könnte es nicht besser sagen. Man sieht doch täglich diese Männer, wo man als Frau weiß: Deinen Job könnte ich zehnmal besser, aber ich bin eben kein 30 Jahre älterer Mann. Frauen können es sich leider nicht leisten, inkompetent zu sein.

Sie sind vermutlich die bundesweit bekannteste Angeordnete des schleswig-holsteinischen Landtags, in jedem Fall aber wesentlich bekannter als der Landtagspräsident, dessen Stellvertreterin sie sind. Spüren Sie da Neid?

(lacht) Sagen wir so: Direkt hat mir das noch keiner ins Gesicht gesagt. Ich habe bei meiner Wahl nicht alle Stimmen der demokratischen Abgeordneten bekommen, da gab es einige, die mich offenbar nicht wollten. Es gibt durchaus Menschen, die keine junge Frau in diesem hohen politischen Amt sehen wollen.

Wäre Ihre Karriere als Mann anders verlaufen?

Weiß ich nicht, ich war ja noch nie ein Mann. Vielleicht wäre ich entspannter. Man wird ständig mit Fragen konfrontiert, ist man an dieser Stelle, weil man eine Frau ist, weil man jung ist, weil man schwarz ist … als würde die Welt so funktionieren? Das Schwarzsein, das Frausein, das jung sein übernimmt keine Arbeiten für mich, das nimmt mir nicht ab, in meinem Job gut zu sein.

Was raten Sie jungen Frauen, die Karriere machen wollen?

Ich hätte gerne früher kapiert, dass viele Widerstände nichts mit mir und meinem Können zu tun haben. Man muss die Strukturen verstehen. Ich hatte eine Familie und Freundinnen und Freunde, die mich unterstützt haben, aber das politische Umfeld war mau – um ehrlich zu sein. Es ist wichtig, dass man sich Supporter zulegt. Wir müssen Menschen unterstützen, die ohne Hilfe im politischen Raum nicht zurechtkommen, weil er zu viele Menschen abstößt. Und ich würde mir mehr Solidarität unter Frauen wünschen. Wir lassen uns viel zu sehr gegeneinander aufstacheln und in eine ungesunde Konkurrenz treiben.

Uns interessieren auch Ihre Erfahrungen und Ihre Meinung. Wie sieht es in Ihrem Job aus? Könnten Sie mehr Frauen oder Männer gebrauchen? Schreiben Sie uns unter quotenfrau@stern.de


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker