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Zusammenhalt während Pandemie Jung und in der Politik: Was Solidarität in der Corona-Krise für uns bedeutet

Im Uhrzeigersinn: Aminata Touré (Bündnis 90 / Die Grünen), Lilli Fischer (CDU), Ria Schröder (FDP) und Lilly Baudszun (SPD)
Im Uhrzeigersinn: Aminata Touré (Bündnis 90 / Die Grünen), Lilli Fischer (CDU), Michel Brandt (Die Linke) und Lilly Baudszun (SPD)
© Carsten Rehder/Michel Brandt/Aniko Lembke/Lilly Blaudszun / DPA
Wie kann man sich während der Corona-Pandemie solidarisch zeigen? Wie wichtig ist der Zusammenhalt in diesen Tagen? Junge Politiker und Politikerinnen teilen im stern ihre Ansichten.

Alle reden darüber, beschwören sie und fordern sie ein – aber was bedeutet das überhaupt: Solidarität? "Unbedingtes Zusammenhalten", empfiehlt das Wörterbuch. Und doch kann Solidarität so viel mehr sein.  

Im stern teilen fünf junge Politiker und Politikerinnen ihre Definition von Solidarität. In einem Punkt sind sich eigentlich alle einig, losgelöst von ihrer Partei: Während der Corona-Pandemie kommt es auf uns alle an, auf unser Handeln und das Miteinander. Kurz: auf Solidarität.

Fünf junge Politiker und Politikerinnen über Solidarität während der Corona-Pandemie

Aminata Touré, 27, Vizepräsidentin des Schleswig-Holsteinischen Landtages(Bündnis 90 / Die Grünen)

Aminata Touré
Aminata Touré
© Carsten Rehder / DPA

"Solidarität zeigt sich dieser Tage in ganz unterschiedlichen Formen. Im Privaten sehen wir, wie Menschen sich gegenseitig unterstützen durch Einkaufen oder Erledigungen machen, damit gerade die Risikogruppen nicht den Gefahren der Ansteckung ausgesetzt sind. Viele Menschen, die es sich leisten können, spenden Geld, Zeit und Unterstützung.

Diese Solidarität hat aber nur dann Sinn, wenn alle mitmachen bei dem Kontaktverbot. Diese Krise können wir nur gemeinsam lösen. Neben der Solidarität ist es gerade aus Perspektive einer Politikerin wichtig deutlich zu machen, dass wir als Staat gerade eine große Verantwortung tragen. Wir müssen durch diese Krise führen, Maßnahmen vorschlagen und dort nachjustieren, wo es falsch oder nicht gut genug läuft."


Michel Brandt, 29, Bundestagsabgeordneter (Die Linke)

Michel Brandt
Michel Brandt
© Michel Brandt

"Solidarität kann auf verschiedenen Ebenen geübt werden. Zum einen kann direkte und individuelle Solidarität im Kleinen praktiziert werden. In Zeiten der Covid-19 Pandemie reicht das, sofern möglich, vom zu Hause bleiben über das Einkaufen für Menschen in der Nachbarschaft bis hin zum Aufbauen von Hilfsstrukturen.

Darüber hinaus braucht es Solidarität mit gewissen Gruppen, beispielsweise mit den unterbezahlten Arbeitskräften, die gerade die Gesellschaft am Laufen halten. Anerkennung zeigen und Klatschen reichen nicht aus. Darum brauchen wir Menschen, die sich politisch und zivilgesellschaftlich organisieren, um gemeinsam für eine faire Entlohnung der systemrelevanten Berufe zu streiten. Letztendlich braucht es auch gesamtgesellschaftliche Solidarität. Das Ziel ist eine Gesellschaft, in der das Gemeinwohl im Zentrum steht. 

Solidarität ist der Kleister, der die Gesellschaft zusammenhält. Je weniger sie praktiziert wird, desto mehr bröckelt der Zusammenhalt. So sehen wir, dass Populismus und Rassismus in dem bestehenden leistungsorientierten und individualistischen Wirtschaftssystem grassieren. Gleichzeitig ist Solidarität ein sich selbst verstärkender Prozess und der Schlüssel zu einer Gesellschaft fern von Ellenbogenmentalität und Ausbeutung. Wir brauchen nur den Mut, um dafür zu kämpfen.


Lilli Fischer, 20, Mitglied im Stadtrat von Erfurt (CDU)

Lilli Fischer
Lilli Fischer
© Aniko Lembke

"Die allermeisten von uns telefonieren momentan deutlich öfter als gewohnt mit ihren Großeltern. Als ich mich neulich mit meiner besten Freundin unterhielt, erzählte sie mir, wie glücklich ihre Oma in der aktuellen Zeit sei. Alle bleiben zu Hause, um sie zu schützen. Die Oma schafft es leider selbst kaum noch aus dem Haus und die Frage 'Was habt ihr denn heute zu Hause gemacht?' bringt etwas Freude für sie mit.

Für andere zu Hause bleiben, für andere einen Mundschutz/Handschuhe zu tragen, für andere Einkaufen gehen, für einander da sein, das ist für mich Solidarität. Einander zu schützen und an einem Strang zu ziehen. Der übergroße Teil scheint begriffen zu haben, wie wichtig die Maßnahmen zur Kontaktvermeidung sind. Natürlich fehlt der Kontakt zu viele Menschen im eigenen Umfeld; ein Lächeln im Park, ein Gruß im Wald, das kann aber schon Solidarität sein. Gemeinsam aushalten."


Ria Schröder, 28, Bundesvorsitzende der Jungen Liberalen (FDP)

Ria Schröder
Ria Schröder
© Britta Pedersen / DPA

"Die Jungen Liberalen in Magdeburg-Börde haben eine Nachbarschaftshilfe aufgebaut. Sie erledigen Einkäufe, gehen mit dem Hund Gassi, betreuen sogar Kinder und bieten ein 'Sorgentelefon' an für Menschen, die einsam oder verunsichert sind. Sie sind nur ein Beispiel für die vielen Formen, in denen sich Solidarität derzeit bei den Jungen Liberalen und in unserer ganzen Gesellschaft zeigt. Jeden Abend wird bei uns im Viertel auf dem Balkon geklatscht für die Krankenpfleger, Ärztinnen und Forscher, die für uns alle gerade an der Front der Virus-Bekämpfung stehen. Eine Instagram-Seite, auf der lokale Geschäfte und Restaurants über ihre Öffnungszeiten und Liefermöglichkeiten informieren, hatte innerhalb von wenigen Stunden mehr als 5.000 Follower. Überall erlebe ich Menschen, die anpacken und helfen wollen, wo sie können. 

Es gibt aber auch diese Ereignisse: Eine alte Dame aus der Nachbarschaft, die ich in der vergangenen Woche fragte, ob ich für sie einkaufen gehen soll, zeigte sich erbost. Das könne sie schon noch alleine, sie werde sich auf ihre alten Tage nicht in der eigenen Wohnung einsperren lassen. Und eine Berliner Krankenpflegerin empörte sich: Auf euren Applaus kann ich verzichten! Solidarität ist nicht eine bestimmte Handlung. Und sie kann auch unvollkommen sein oder falsch verstanden werden. Solidarität ist eine innere Haltung, die sich in unserem Land gerade an unzähligen Stellen in vielfältiger Weise zeigt. Das macht mich dankbar und gibt mir Mut, dass wir diese Krise gemeinsam überstehen werden."


Lilly Blaudszun, 18, studentische Mitarbeiterin im Bundestag(SPD)

Lilly Blaudszun
Lilly Blaudszun
© Lilly Blaudszun

"Die Corona-Pandemie ist die bisher größte Ausnahmesituation meines Lebens. Noch nie war ich mir meinen deutschen Privilegien so bewusst und wusste so sehr zu schätzen, dass ich überhaupt die Möglichkeit habe, zu Hause zu bleiben, dass ich eine Regierung habe, die sich verantwortungsvoll um ihre Bürger*innen kümmert und dass die Versorgung gewährleistet ist.

Viele von uns sorgen sich gerade um sich und ihre engsten Mitmenschen, gerade auch um Ältere und Vorerkrankte, die von der Pandemie besonders gefährdet sind. Dabei vergessen wir oft, was hinter den deutschen Grenzen passiert. Es ist gut und wichtig, dass wir italienischen Intensivpatient*innen helfen und uns so international solidarisch zeigen. Europäische Solidarität heißt aber auch, auf die acht zu geben, die es gerade selbst nicht tun können. Auf der griechischen Insel Lesbos gibt es Flüchtlingslager, in denen Menschen dem Virus auf engstem Raum, ungeschützt und mit schlechtesten Hygienebedingungen ausgesetzt sind.

Solidarität bedeutet für mich, in diesen Tagen nicht nur an sich selbst zu denken, sondern vor allem auch an andere. In Zeiten, in denen wir uns in Deutschland vor allem Problemen wie der Umsetzung von Homeschooling stellen, dürfen wir nicht vergessen, dass es Menschen gibt, die während dieser Pandemie kein Dach über dem Kopf, kein Essen und keine medizinische Versorgung haben. Ich möchte, dass wir diese Zeit alle bestmöglich überstehen. Lasst uns solidarisch sein und niemanden zurücklassen."


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