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Carolin Kebekus "Bin mir sicher, dass ich für TV-Jobs oft weniger Geld bekommen habe als männliche Kollegen"

Sehen Sie im Video: Carolin Kebekus zur Frauenquote – "Ich war früher oft wütend".
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Mehr als eine Frau bei einem Comedyabend? Konnte sich Carolin Kebekus früher selbst nicht vorstellen. Die Komikerin über Ungerechtigkeit beim Weihnachts-Abwasch, Solidarität unter Kolleginnen und warum es ohne gesetzliche Frauenquote beim Fernsehen nicht geht.

Die Komikerin, Schauspielerin und Sängerin Carolin Kebekus ist eine der 40 Frauen, die sich im aktuellen stern für eine gesetzliche Frauenquote stark machen. Warum sie das Thema Gleichberechtigung schon so lange begleitet, erzählt sie hier im Interview.

Frau Kebekus, warum bezeichnen Sie sich als Quotenfrau?

Ich werde oft als einzige Frau im Comedy-Business wahrgenommen, was ja nicht stimmt. Das liegt daran, dass viele glauben, dass der Platz für Frauen begrenzt ist. Ich hab in meinem Programm mal eine Nummer darüber gemacht, dass man schon in der Kindheit lernt, dass es immer nur eine Frau geben kann. Das fängt beim Krippenspiel an: Nur eine kann die Maria sein, der Rest spielt Schafe. Bei den Schlümpfen waren alle nach ihren Talenten und Eigenschaften benannt – nur die Schlumpfine, die konnte gar nichts. Die war einfach nur die Frau. Das findet man überall so.

Das heißt für Sie war es beruflich ein Vorteil, eine Frau zu sein?

Ja, jeder, der bislang nur Männer für sein neues Jahresprogramm beisammen hatte, hat mich gebucht, weil er dann sagen konnte, dass auch eine Frau dabei ist. Das ist aber nicht nur positiv. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem Kollegen zu Beginn meiner Karriere, der mir zur Tour gratulierte und sagte: Da hast du aber Glück gehabt, dass da keine andere Frau war, als du angefangen hast! Ich war total sauer, weil er damit meine Leistung zunichte gemacht hat. Dabei war ich einfach gut und besser als viele Männer.

Haben Sie auch Benachteiligung erlebt?

In der Comedy-Branche gibt es die sogenannte Mixed-Show, bei der fünf verschiedene Künstler an einem Abend auftreten. Wenn ich da früher angerufen habe und mitmachen wollte, dann hieß es oft: Leider haben wir schon eine Frau. Dabei kann es ja durchaus drei lustige Frauen geben, die unterschiedliche Typen sind und unterschiedliche Geschichten erzählen. Das zeigt: Die Sichtbarkeit von Frauen ist wahnsinnig eingeschränkt. Für mich war das damals auch okay, ich hab das gar nicht hinterfragt und gedacht: Stimmt, schade, dann beim nächsten Mal vielleicht.

Sie hatten also kein Bewusstsein für Gleichberechtigung-Themen?

Das kam langsam. Irgendwann hab ich gemerkt, dass ich das Thema Frauen häufig in meinem Programm hatte. Dann hat mich eine Journalistin gefragt, ob ich denn Feministin sei. Ich war sehr jung und hab das verneint. Sie hat mich dann richtig wie ein kleines Mädchen aufgeklärt, was Feminismus bedeutet, dass das nichts Schlimmes ist, wo Ungerechtigkeiten liegen und dass eigentlich alles, was ich mache schon immer feministisch war. Erst dann hab ich bewusst angefangen, mich damit zu beschäftigen. Und plötzlich habe ich Vieles besser verstanden.

Wie meinen Sie das?

Ich hab mich früher oft gefragt, warum ich eigentlich so sauer bin. Am Anfang war mein Motor, auf die Bühne zu gehen und besser als die anderen zu sein, oft Wut. Ich hab viel männliche Sprache verwendet, wollte noch krasser als die anderen sein. Irgendwann hab ich gemerkt, dass mich die stetige Ungleichbehandlung wütend macht. Das fängt schon früh an, wenn man als kleines Mädchen öfter die Küche sauber machen muss als der Bruder. Bei meinen Eltern war das zwar nicht so, aber bei meinen Großeltern war es zum Beispiel total klar, dass an Weihnachten die Frauen mit diesem kochend heißen Spülwasser das gute Geschirr gespült haben, während die Männer am Kamin saßen.

Eine große Ungleichbehandlung gibt es bei Gehältern, Stichwort Gender Pay Gap. Verdienen Ihre männlichen Kollegen mehr als Sie?

Das weiß ich nur gerüchteweise, ich hab keine Beweise. Aber ich bin mir sicher, dass ich früher für TV-Jobs oft weniger Geld bekommen habe als meine männlichen Kollegen.

Sind Sie für eine gesetzliche Quote beim Fernsehen?

Ja, absolut, das fände ich super. Bei der ARD hieß es kürzlich vom Programmdirektor, es gäbe keine Frauen, die Samstagabendshows moderieren könnten. Ganz ähnlich hatte ich das vor zwei Jahren schon gehört – und es tat sich nichts. Wenn also an den entscheidenden Stellen, wo Frauen sichtbar gemacht werden könnten, kein Wille für Veränderung da ist, dann muss es eine Regelung von außen geben. Dann muss es eben erzwungen werden, auch, um anderen Frauen zu zeigen, dass es diese Möglichkeit gibt. Dass Moderatorin bei der ARD ein Beruf ist. Hätte ich nicht Gaby Köster auf der Bühne oder Anke Engelke im Fernsehen gesehen, hätte ich unbewusst gedacht, das sei ein Job für Männer. Deshalb braucht man Vorbilder. Je mehr Frauen sichtbar sind, desto mehr kommen nach.

Erleben Sie in Ihrer Branche Solidarität unter Frauen?

Die Solidarität untereinander ist noch recht jung, aber sie ist da. Ich suche mittlerweile viel mehr den Austausch mit Kolleginnen. Das hätte ich früher nicht gemacht, ich kam als Einzelkämpfer in die Branche. Im Nachhinein weiß ich, es wäre schlau gewesen, sich mit Frauen zusammen zu tun und Seilschaften zu bilden. Ich hätte mich mit anderen Frauen verbünden und über brancheninterne Dinge und Gehälter absprechen sollen.

Haben Sie ein Beispiel dafür?

Ich arbeite schon länger mit Martina Hill zusammen. Wir hatten die Figuren Rebecca und Larissa in unserem jeweiligen Repertoire. Lange hat man uns vermittelt, dass wir damit in Konkurrenz zueinanderstehen, weil die Figuren sich ähneln. Wir haben die dann einfach zusammengebracht und profitieren jetzt beide davon.

Sie sind bekannt dafür, in ihrem Programm klar Position zu beziehen. Für welchen Beitrag haben sie den größten Shitstorm bekommen?

Für alles, wo ich mich feministisch äußere, habe ich Shitstorms bekommen, häufig aus dem rechten Lager. Wenn man diese Kommentare liest, merkt man deutlich, dass zwischen Frauenhassern und Rechten eine große Schnittmenge besteht. Interessanterweise werde ich in dem Rahmen nicht als unfähig oder dumm bezeichnet, die Tiraden haben fast immer einen sexuellen Bezug. Oft heißt es dann: Die ist ungebumst. So als ob man es einer Feministin nur ordentlich besorgen muss, damit es ihr dann plötzlich wie Schuppen von den Augen fällt: "Jetzt sehe ich klar! Gib mir eine Schürze! Ich möchte Frikadellen machen."

Uns interessieren auch Ihre Erfahrungen und Ihre Meinung. Wie sieht es in Ihrem Job aus? Könnten Sie mehr Frauen oder Männer gebrauchen? Schreiben Sie uns unter quotenfrau@stern.de


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