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"Fulminanter Erfolg", aber ... Wie geht es nach dem 9-Euro-Ticket weiter? Es bleibt kompliziert

Frau an einem Fahrkartenautomat der Deutschen Bahn: Was folgt auf das 9-Euro-Ticket?
Das 9-Euro-Ticket vereinfacht den Fahrkartenkauf für Bus und Bahn erheblich
© Karl-Heinz Spremberg / Imagebroker / Picture Alliance
Noch bis Ende August ermöglicht das 9-Euro-Ticket preiswertes und unkompliziertes Fahren mit Bus und Bahn quer durchs Land. Wie es danach weitergeht, ist vollkommen offen. Jetzt hat sich auch Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) in die Diskussion eingeschaltet. Doch eine einfache Lösung scheint nicht in Sicht.

In 51 Tagen ist es vorbei. Am 31. August endet die 9-Euro-Ticket-Aktion und damit die Zeit des unkomplizierten und preiswerten Bus- und Bahnfahrens in Deutschland. Und dann? Fällt das Land zurück in die Tarif-Kleinstaaterei aus Zonen, Waben, Ringen und Einzelfahrkarten, deren Preis allein schon höher ist als jener der Sommer-Monats-Flatrate?

Verkehrs- und Tarifverbünde in Deutschland
Kleinstaaterei: Verkehrs- und Tarifverbünde in Deutschland
© Maximilian Dörrbecker / Wikimedia / CC BY-SA 2.5

Klar ist: Das 9-Euro-Ticket ist ein voller Erfolg, zumindest was die Verkaufszahlen angeht. Rund 21 Millionen Menschen haben die Aktionsfahrkarte im Juni gekauft. Hinzu kommen rund zehn Millionen Abonnentinnen und Abonnenten, die ihre Monatskarten zu den Konditionen des 9-Euro-Tickets nutzen können. Und, von einigen Ausnahmen abgesehen: Die Busse und Bahnen im Land scheinen die zusätzlichen Fahrgäste im Großen und Ganzen verkraften zu können. Überfüllungen wurden nur vereinzelt gemeldet.

Was folgt auf das 9-Euro-Ticket?

Spürbar mehr Fahrgäste in Bussen und Bahnen führen dabei offenbar zu weniger Stillstand auf den Straßen. Nach einer Auswertung des Verkehrsdatenunternehmens TomTom im Auftrag der Nachrichtenagentur DPA ist in fast allen der 26 untersuchten Städten das Stauniveau im Vergleich zur Vor-9-Euro-Ticket-Zeit zurückgegangen. Die Deutsche Bahn als größtes deutsches Verkehrsunternehmen spricht derweil von einem Fahrgastzuwachs von zehn bis 15 Prozent im Regionalverkehr.

Die Indizien sprechen dafür: Die Menschen in Deutschland werden durch das 9-Euro-Ticket bei ihren Mobilitätskosten entlastet, gleichzeitigt wird durch die vermehrte Nutzung des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) das Klima geschützt. Das Modell schreit nach einer Fortsetzung. Aber wie?

Dazu kursiert eine Reihe von Vorschlägen aus Politik und Verkehrsbranche. So geht die Linke mit einer Maximalforderung an den Start und will Bus- und Bahnfahren mittelfristig kostenlos für alle anbieten, quasi ein "0-Euro-Ticket" – dürfte sich nach Lage der Dinge damit aber nicht durchsetzen. Doch zwischen einem Umsonst-ÖPNV und einem Zurück-wie-bisher gibt es viele Schattierungen.

"Länder-PlusTicket" nennt der Verkehrsclub Deutschland (VCD) sein Modell. "Wir müssen aufhören, den öffentlichen Verkehr aus Verbundsicht zu betrachten, und anfangen, von den Fahrgästen aus zu denken", sagt die VCD-Bundesvorsitzende Kerstin Haarmann mit Blick auf unübersichtliche Tarifstruktur in Deutschland. Ihr Verein schlägt vor, das Land in acht Tarifzonen einzuteilen, die sich im Wesentlichen an den Grenzen eines oder mehrerer Bundesländer orientieren.

"Länder-PlusTicket"-Vorschlag des Verkehrsclubs Deutschland
"Länder-PlusTicket"-Vorschlag des Verkehrsclubs Deutschland: Deutschland wird in acht Tarifzonen aufgeteilt
© Verkehrsclub Deutschland

Durch Überschneidungen der Gültigkeitsbereiche sollen auch länderübergreifende Fahrten mit dem Angebot möglich sein. Als Preis für das "Länder-PlusTicket" schwebt dem VCD 75 Euro im Monat vor, für 135 Euro würde das Ticket im Nah- und Regionalverkehr in ganz Deutschland gelten.

Verkehrsminister Volker Wissing: "fulminanter Erfolg"

Deutlich günstiger als das VCD-Modell wäre ein sogenanntes 365-Euro-Ticket, wie es unter anderem der Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV) vorschlägt. "Ein leicht buchbares Ticket für alle Busse und Bahnen im Nahverkehr sollte für einen monatlichen Preis von 29 Euro die Verbraucherinnen und Verbraucher, also rund einen Euro pro Tag, angeboten werden", sagt VZBV-Vorständin Jutta Gurkmann. Ein Euro pro Tag für öffentliche Verkehrsmittel – das fordern auch etliche weitere Institutionen wie die Deutsche Umwelthilfe oder die Bremer SPD.

Dass das Bus- und Bahnfahren in Deutschland einfacher werden soll, meint nach den Erfahrungen aus einem Monat 9-Euro-Ticket auch Bundesverkehrsminister Volker Wissing. "Wenn die komplizierten Tarifzonen verschwinden und die Tickets bundesweit gelten, wird der öffentliche Nahverkehr sehr viel stärker genutzt", sagt der FDP-Politiker der "Neuen Osnabrücker Zeitung". "Wir sollten deswegen endlich Wege finden, den Tarif-Dschungel in Deutschland zu beenden." Er spricht von einem "fulminanten Erfolg" des Aktionsangebots und der "besten Idee für den Bahnverkehr seit ganz langer Zeit".

Und trotzdem: Nach dem 31. August werde wahrscheinlich erst einmal Schluss sein mit dem 9-Euro-Ticker, so Wissing. Allen sei klar, "dass der Bund kein Monatsticket für neun Euro auf Dauer finanzieren kann. Das wären jährlich rund zehn Milliarden Euro." Zum Vergleich: Jüngste Zahlen des Umweltbundesamtes weisen 65 Milliarden umweltschädliche Subventionen des Staates pro Jahr auf, darunter zum Beispiel mehr als acht Milliarden für Energiesteuervergünstigungen beim Diesel oder 3,1 Milliarden für die pauschale Besteuerung privat genutzter Dienstwagen.

Geld wäre also theoretisch aufzutreiben, doch die Finanzierung des ÖPNV in Deutschland ist komplex. Sie fällt seit 1996 in den Aufgabenbereich der Bundesländer, der Bund unterstützt sie dabei mit sogenannten Regionalisierungsmitteln. 2021 betrugen diese nach Angaben der Bundesregierung rund 10,3 Milliarden Euro. Bund und Länder müssen sich also über die künftige Tarifstruktur in Deutschland einig werden.

Mit einer schnellen Entscheidung ist daher nicht zu rechnen. Eine gemeinsame Bund-Länder-Arbeitsgruppe soll Vorschläge zu einem "Ausbau- und Modernisierungspakt" für den ÖPNV erarbeiten. "Ab Herbst werden wir dann die notwendigen Schlüsse ziehen", sagt Wissing zur Auswertung des 9-Euro-Tickets. Er zeigt sich aber sicher: "Es braucht strukturelle Veränderungen."

Sollten die regionalen Verkehrsverbünde also nach dem 31. August nicht in Eigenregie ein günstiges Angebot nachlegen, wird es ab dem 1. September wieder wie vor dem 9-Euro-Ticket sein: teuer. Eine typische Pendelstrecke wie zwischen Hamburg und dem etwa 30 Kilometer vom Stadtzentrum entfernten Kaltenkirchen schlägt dann zum Beispiel wieder mit 172,90 Euro zu Buche – im Monat. Gültig nur in den Tarifringen A und B des Hamburger Verkehrsverbundes und ergänzend in den Tarifzonen 604 und 614, die sich zugleich mit der Zone 703 überschneidet. Es bleibt kompliziert.

Quellen: Verband Deutscher VerkehrsunternehmenDeutsche BahnDie Linke, Verkehrsclub Deutschland, Verbraucherzentrale Bundesverband, Deutsche Umwelthilfe, SPD Bremen, "Neue Osnabrücker Zeitung", Umweltbundesamt, Bundesregierung, Hamburger Verkehrsverbund, Nachrichtenagentur DPA

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