HOME

Billighotels: Zimmer ab zwei Euro die Nacht

Die Räume sind winzig, Handtuch, Seife und Klimaanlage kosten extra, aber dafür schläft der Gast auf einer Luxusmatratze: Die Billighotelkette Tune Hotels.com schickt sich an, den asiatischen Markt zu erobern.

Von Michael Lenz, Kuala Lumpur

"Wir geben unseren Gästen eine Fünfsterneschlaferfahrung", strahlt Dennis Melko fröhlich. Wie bitte? Eine Übernachtung in einem 10,5 Quadratmeter großen Zimmer ohne Regale, Schränke, Handtücher, Seife soll eine Fünfsterneerfahrung sein? In Luxushotels ist das Bad gewöhnlich größer als ein komplettes Zimmer inklusive Bad in Tune Hotels.com, Asiens erster Billighotelkette. Doch der Direktor der Tune Hotels.com-Kette erklärt, dass sein Statement genau meint, was es sagt: Es geht um die Schlaferfahrung auf einer Hochqualitätsmatratze der Firma King Koil, die sonst hauptsächlich Luxusherbergen beliefert. Der Rest der Zimmer in Tune Hotels.com ist spartanisch. Kein Bodenbelag, kein Tisch, kein Stuhl, kein Fernsehen, kein Telefon. Einfach nichts.

Tune Hotels.com will die erste Kette von Billighotels in Asien werden. Das Flaggschiff hat Ende April in Kuala Lumpur eröffnet und ist mit einer Auslastung von nahezu einhundert Prozent so erfolgreich, dass bereits ein zweites Tune Hotels.com in der malaysischen Hauptstadt in Planung ist. Bis Ende des kommenden Jahres sollen in Malaysia, aber auch an anderen asiatischen Standorten wie Bangkok, Bali, Singapur oder Siem Reap, bis zu 30 der Billigherbergen entstehen. "Langfristig werden Tune Hotels.com überall dort zu finden sein, wo AirAsia hinfliegt", beschreibt Melko die Expansionsstrategie.

Vom Billigflieger direkt ins Hotel

AirAsia ist der Senkrechtstarter unter den Budgetfluggesellschaften Asiens. Motto: Jeder kann fliegen. 46 Destinationen in derzeit zehn Ländern zwischen Myanmar und den Philippinen, China und Indonesien werden mit täglich 300 Flügen bedient. Der Erfolg gibt der Gründung des Malaysiers Tony Fernandes Recht, der sich als "proletarischen Kapitalisten" bezeichnet. Über 30 Millionen Passagiere hat AirAsia seit 2002 befördert. Gerade erst hat die ganz auf Wachstum eingestellte Airline für sich und ihre neue Langstreckenschwester AirAsiaX mehr als 175 Airbusse geordert.

AirAsia und Tune Hotels.com sind wirtschaftlich getrennte Unternehmen, die aber mit Fernandes und Kamarudin Meranun die gleichen Gründer und Eigner haben. Im Crossmarketing sind die beiden Unternehmen engstens miteinander verbandelt und schieben sich gegenseitig Kunden zu. Vom Tune Hotels.com Banner auf der AirAsia-Webseite kann man auf die Webseite der Herberge durchklicken; das Hotel wirbt für sich auf der Rückseite der Bordkarten der Fluggesellschaft. Die komplette Fassade des Hauses in Kuala Lumpur ziert rot-weiße Logo der Fluggesellschaft und - Überraschung - rot-weiß sind auch die Farben des Hotels.

Klimaanlage, Seife, Frühstück kosten extra

"Wir arbeiten nach dem gleichen Prinzip wie Billigairlines", sagt Melko. Will heißen, gebucht werden kann nur über das Internet. Wer lange im Voraus bucht, kriegt ein Einzelzimmer für 9,99 malaysische Ringgit, das sind etwa 2,10 Euro. Wer aber von heute auf morgen im Tune Hotels.com wohnen will, zahlt den vollen Preis von 54,99 RM, also 11,55 Euro. Hinzu kommen - ob Schnäppchen oder nicht - die Extras. Fünf Stunden Klimaanlage kosten 1,05 Euro, soviel wie für Deluxe-Variante des Toilettenkits "Sense", das außer Seife und Shampoo auch Wattestäbchen und Duschkappe enthält. Frühstück kostet auch. Das addiert sich schnell zu einer Summe, für die in asiatischen Städten wie Kuala Lumpur ein ordentliches Zimmer in einem Mittelklassehotel oder einem Gästehaus zu haben ist.

Das Gästehaus "Trekker Lodge" zum Beispiel, in dem der Autor dieser Zeilen wohnt, liegt mitten in Kuala Lumpurs "Goldenem Dreieck" mit seinen Shopping Malls, Bars, Restaurants und Discos. Das Doppelzimmer kostet 20 Euro, einschließlich Frühstück, Klimaanlage ohne Ende, Handtuch, Seife und kostenlosem drahtlosen Internetzugang rund um die Uhr. OK, die Matratze hat keine fünf Sterne. Melko macht die Gegenrechung auf: "Wer lange im voraus einen AirAsia-Flug bucht, zahlt vielleicht 100 Ringgit für das Ticket und 9,99 für das Zimmer. Billiger geht's nicht." Auch wahr.

Jeder Quadratzentimeter wird genutzt

Das Vorgängerhotel in dem Haus in Kuala Lumpur hatte 103 Zimmer. Tune Hotels.com hat 173! Ganz so wie bei Billigfliegern so viele Sitzreihen wie möglich gequetscht werden, wird in den Tune Hotels.com jeder Quadratzentimeter genutzt. Statt auf jeder Etage einen Raum für Bettzeug und Putzmittel zu haben, gibt es für alle Etagen nur einen. Ergebnis: sieben Extrazimmer. Es gibt keinen Pool, keine Restaurantküche, keinen Fitnessraum. Für das ausgelagerte Café und den Kiosk auf kleinstem Raum kassiert Tune Hotels.com Miete. "Wir gehen effizient mit Raum um", strahlt Melko. Das verspricht Profit und lockt Investoren an. Im Juni ist mit 50 Millionen US-Dollar der Grundstücks- und Hotelgigant Dubai World an Bord gekommen. Die gute Nachricht für die Gäste: jedes Hotel wird im Stadtzentrum oder am Strand sein.

Dem Budgetprinzip sind auch Minibar und Bilderschmuck in den Zimmern zum Opfer gefallen. So mancher wird jetzt sagen, na ja, die gewöhnliche Hotelkunst ist eh so nervig wie Fahrstuhlmusik. In Tune Hotels.com aber wird man sich bald nach röhrenden Hirschen zurücksehnen. Zimmerwände, Flurwände, Fahrstuhlkabinen sind zugekleistert mit Anzeigen. Werbung, so Melko, trage zu einem Viertel des Umsatzes der Tune Hotels.com bei. Effizienter Umgang mit Raum eben.

Der Markt für preiswerte Hotels und Flüge in Asien ist riesig. Die Folgen der asiatischen Finanzkrise von vor zehn Jahren sind verdaut, die Volkswirtschaften boomen, der Mittelstand in Malaysia, Thailand, Indonesien und vor allem in China wächst und wächst und wächst und legt eine Konsumfreude sondergleichen zu Tage. Shoppen bis zum Umfallen ist die Lieblingsbeschäftigung der Asiaten, der sie am liebsten in einer anderen als ihrer Heimatstadt nachgehen. AirAsia und seine Mitbewerber wie Tiger Airways aus Singapur machen es möglich zu Preisen, die selbst bei kurzfristigen Buchungen mehr als attraktiv sind. Eine Stichprobe Anfang Juli ergibt Tarif für einen Flug mit Tiger Airways von Singapur nach Bangkok 20 Euro. AirAsia verlangt für die gleiche Strecke 23 Euro. Melko freut sich: "Wir stimulieren den Markt."

Wissenscommunity