Der Big Apple wird grün (Teil 2) Der Sozialismus lebt mitten in Brooklyn


Den real existierenden Sozialismus gibt es nur noch auf Kuba? Von Wegen! Mitten im Zentrum des Kapitalismus, in New York, will eine Gruppe von Leuten gesunde Lebensmittel für alle ermöglichen. Und wie? Mit Hilfe von Karl Marx.
Von Michael Streck, New York

Auf der Reise durch das neo-grüne New York begegnet man liebenswerten Utopisten, Aktivisten, Fundamentalisten, und immer wieder auch Realisten, die von Europa schwärmen, vom grünen Geist der alten Welt und ganz speziell von Germany. Die sich neugierig und ein wenig neidisch nach der "Green Party" erkundigen und es überhaupt nicht lustig finden, wenigstens von einem Bauern aus Crawford, Texas, regiert zu werden.

Öko ist angesagt

Anna Lappé, 32, ist so eine. Sie versteht sich "als Anwalt des sozialen Wandels". Lappé ist eine Ernährungsmissionarin, schreibt Blogs und Bücher über gesunde Nahrung und Hunger in der Welt. Ihre Stücke erscheinen in allen großen amerikanischen Blättern, und das Magazin "Time" adelte sie als eine der führenden Köpfe der Öko-Bewegung. Lappé, langes, braunes Haar, bildhübsches Gesicht, sitzt im Olmea-Restaurant in Brooklyn und bestellt selbstverständlich organischen Caesar's Salat. Sie hat nicht viel Zeit. Sie hat nie viel Zeit. Ist wieder auf dem Sprung. Erst Kolumbien, dann Kalifornien, eine Handelsreisende in Sachen Kalorien. Sie erzählt von ihrer Mutter, die sie als Kind als "Versuchstier für biologisches Essen" benutzte, und vom Vater, einem Toxikologen, "spezialisiert auf vergiftete Böden". So was kommt von so was, und also wurde aus Anna ein Ernährungsapostel mit Wohnsitz: Brooklyn. New York hat mehr zu bieten als jede andere Stadt in diesem Land. "Wo", fragt sie, "wo gibt es schon eine städtische Sondereinheit für Übergewicht?" Gute Frage.

Die fleißige Umweltschützerin

Anna Lappé klingt in ihren Aussagen düster, besorgt, dunkel. Wenn Dorfman der "lazy environmentalist" ist, ist sie das Gegenteil, der "busy environmentalist". Sie fliegt durch die Welt, bekämpft Hunger in Afrika - und Unwissenheit in ihrer Heimat. Da war diese Lehrerin, die ihr erzählte, dass die Kinder in ihrer Klasse nicht mit Messer und Gabel essen können. "Wäre das bei euch in Europa vorstellbar?".

Sie sorgt sich über den Niedergang der amerikanischen Landwirtschaft ("nur noch zwei Prozent wollen Bauern werden"), den Einfluss der Nahrungsmittelkonzerne. "Wir befinden uns an einem Wendepunkt", sagt sie. "Endlich merkt der Mensch, dass wir uns krank machen mit dem Zeug, das wir in uns hineinstopfen." Nur, grün ist in Amerika auch die Farbe des Geldes, des Dollars, und das ist die Crux. "Der status quo", sagt sie bitter, "ist doch elitär. Wenn du reich bist, kannst du dir alles leisten. Aber was machen die Ärmeren?" Sie fordert: Gesundes Essen für alle zu zivilen Preisen, klassenlos gut. Sie fordert den ernährungstechnischen Sozialismus.

Die Bio-Lebensmittelgenossenschaft

Und - hört die Signale! - selbst der existiert bereits in New York. Lediglich ein paar Blocks von Annas Wohnung entfernt, residiert in Park Slope der Food-Coop, mit 12.900 Mitgliedern die größte Kooperative dieser Art in den USA. Das System ist simpel: Wer sich als Mitglied einschreibt, muss zwei drei Viertel Stunden im Monat in diesem selbst verwalteten Supermarkt arbeiten. Im Gegenzug dürfen die Teilzeit-Schichtdienstler zu vernünftigen Preisen erstklassige Bio-Kost einkaufen. Sie haben einen Kindergarten dort und eine Wandtafel mit Ratschlägen, wie man sich bei seinem Kongress-Abgeordneten postalisch korrekt beschwert. Es gibt eine Art Räterat und einmal im Monat ein großes öffentliches Treffen, die Generalversammlung. Der Sozialismus lebt mitten in Brooklyn. Die Genossen berichten von frühmorgendlichen Debatten beim Kistenstapeln über CO2-Ausstoß, Jürgen Habermas, Fidel Castro und den weiblichen Orgasmus, "was hältst du von der G-Punkt-Debatte?".

Genauso hat sich das der Gründer Joe Holtz gewünscht, als er Ende 1972 mit neun anderen auf die Coop-Idee kam. "Kommunikation!", ruft Joe, 56 Jahre, ein Aktivist seit Vietnam, den ein recycelbares Papp-Schildchen als "General-Koordinator" ausweist. "Wir praktizieren hier direkte Demokratie." Was gelegentlich dazu führen kann, dass Coop-Mitglieder am Telefon auch sehr direkt angerüffelt werden, wenn sie ihre Schicht verpassen - "Wendy, das ist jetzt schon das zweite Mal." Über solche Wiederholungstäter richtet ein Disziplinar-Anhörungskomitee, das chronische Schwänzer angemessen zu sanktionieren hat. Passiert. Aber selten. Denn die Coop-Menschen wissen: Ohne Fleiß kein Fleisch - von garantiert politisch korrekt behandelten und ergo schweineglücklichen Kühen.

Zwei Gesichter

Solche Dinge erlebt man in Brooklyn, Mutterboden der Umweltfreunde. Junge Familien, Gebildete und Besserverdienende leben dort rund um den Prospect Park, die Restaurants servieren Bio-Essen, Pilates-Studios boomen, Volvos summen durch die Straßen. Brooklyn würde, ökologisch betrachtet, auch prima nach Berlin oder Hamburg passen.

Wohingegen Manhattan eher grün glitzert mit seinen Türmen und dem Central Park in der Mitte, an dessen Westflanke ein neuer Markstein ökologischen Designs in den Himmel ragt - 42 Stockwerke hoch über Hell's Kitchen: Das Hearst Building, eröffnete im September vergangenen Jahres, ein Meisterwerk des britischen Architekten Sir Norman Foster und New Yorks offiziell erster grüner Wolkenkratzer. 80.000 Quadratmeter Bürofläche, umbaut aus recyceltem Stahl, recyceltem Beton und Glas aus Wolfen, Sachsen-Anhalt. Futuristisch, schön, hell und umweltfreundlich. Der Tower des Zeitschriftenkonzerns verbraucht 23 Prozent weniger Strom als vergleichbare, konventionelle Gebäude. Das, Amerikaner lieben nun mal Statistiken, entspricht einer Energieersparnis von 1074 Tonnen Kohlendioxid oder der Schadstoff-Verbrennung von 215 Autos. Die Mehrkosten beim Bau sollen sich in bereits fünf Jahren amortisiert haben. Sagt einer, der von der ersten groben Skizze an dabei war. Michael Wurzel, 39 Jahre, ein Deutscher mit britischen Akzent. Er ist Partner von Foster und führt den Besucher stolz durch den gläsernen Tempel. Dies ist auch sein Werk. Und es ist gelungen.

Das Wohlfühl-Hochaus

Im Atrium ein Wasserfall - gespeist aus einem 53.000 Liter fassenden Regenwasser-Tank auf dem Dach -, der im Sommer zugleich die Halle kühlt. Dahinter ein gigantisches Kunstwerk des Briten Richard Long, "Riverlines", gefertigt aus Fluss-Schlamm vom Hudson und dem River Avon. Selbst die Kunst im Hearst-Gebäude ist naturbelassen. In der Kantine gibt es organische Mahlzeiten, und die Stühle sind komplett wieder verwertbar. Die Büros kommen größtenteils mit natürlichem Licht aus, was, formidable Nebenwirkung, auch noch leistungsfördernd ist. In den USA haben sie für alles Studien, und eine, vom "Green Building Council" besagt, dass Schüler in lichten Klassenräumen bis zu 20 Prozent mehr lernen und Patienten in sonnenbestrahlten Zimmern schneller heilen. Und falls die knapp 2200 Hearst-Angestellten doch mal die Lampen anhaben, werden die via Sensoren automatisch gelöscht. "Foster musste nicht einmal große Überzeugungsarbeit" leisten, sagt Wurzel. "Die Hearst-Leute" waren von der Idee begeistert." Es ist ein Wohlfühl-Hochhaus. Es setzt Maßstäbe. Am Bryant Park in Midtown entsteht momentan das neue Gebäude der "Bank of America", und das soll noch schöner, höher, grüner werden. Das Wettrüsten hat gerade erst begonnen - die Stadt wird Öko-Bauten steuerlich bevorzugen.

Je grüner, desto hip

New York ist nämlich auch ein Ort der grün angestrichenen Dekadenz. Kaufe grün und fühle dich besser. Was man in SoHo erfährt, wo grün mehr ist als lediglich die Modefarbe der Saison. Und erst recht keine Mode-Erscheinung. Die Sache verhält sich nämlich so: "Die Krise der Umwelt bleibt", sagt der Modemacher Rogan Gregory und also sind seine Öko-Kreationen krisensicher. Gregory und sein Geschäftspartner Scott Hahn, beide Mitte 30, beide mit Hang zu getrimmten Bärten, betreiben von SoHo aus die Öko-Modelinie "Loomstate", "hundert Prozent organische Baumwolle, geerntet auf hundert Prozent pestizidfreiem Boden". Sie sind Pioniere in dieser Nische, und ihre Klamotten werden inzwischen oft kopiert. Oder wie Rogans erste Natur-Jeans-Kreationen vor sechs Jahren sogar als Kunstobjekte hinter Glas verpackt. Auf dass sie sich wenigstens dort halten und nicht nach mehrwöchigem Tragen auseinander fallen. Das geschah zuweilen und wundert Meister Rogan heute noch. Nicht wahr, er verstand seine Baumwoll-Arbeiten nicht als schnöde Hosen. Sondern als Kunst, als Statement, als Botschaft. Profanes Tragen der schönen Stücke führte eben zu Zerfall.

"Loomstate" ist heutzutage bodenständiger, der Kunde kann die Sachen ohne akute Auflösungsgefahr wirklich anziehen. Geblieben ist die Botschaft, etwa auf den Hosenschlitzen - "Nature calls" steht da. Was, in den Worten Scott Hahns, gleich dreierlei bedeuten kann: "Erstens - du musst pinkeln. Zweitens - du hilfst der Umwelt. Oder drittens - Sex." Jedem das Seine. Hahn nennt das wahlweise "psychedelischen Ansatz" oder "Straßenkultur".

Öko auf der Straße

Man verlässt das Studio der psychedelischen Modeschaffenden leicht beduselt und trifft sich am Ende der grünen New York-Exkursion im Meatpacking District mit einem Protagonisten wahrer Straßenkultur. Er heißt Roo Rogers und ist Gründer von OZO Car, Amerikas erstem grünen Auto-Service, ganz präzise: Öko-Luxus-Auto-Service. Rogers, 34, ein rothaariger Brite, der einst für die BBC Dokumentarfilme drehte, ist ziemlich guter Dinge an diesem Nachmittag. Das Business läuft wie geschmiert, "wir sind der am schnellsten wachsende Car-Service in New York". Längst hat die Stretch-Limo-Konkurrenz aufgehört, über die 74 silberfarbenen Hybrid-Autos zu spotten. Große Unternehmen wie "Goldman Sachs" und "Lehmann Brothers" heuern die Kisten immer häufiger - die Fahrer tragen Anzug und Krawatte, jeder Prius hat drahtlosen Internet-Anschluss. Eine Stunde kostet 50 Dollar, und das gute Gewissen fährt mit. "Früher", sagt Rogers, "musstest du Tomaten auf Wirtschaftsgipfeln werfen oder trampen, um als Umweltaktivist was zu gelten. Heute fährst du Hybrid-Autos." Die Frage ist nur: Warum eigentlich? Nehmen wahre Umweltfreunde nicht eher Bus und Bahn? Da muss Rogers kurz schlucken, und dann kommt der gute, alte Aktivist in ihm durch. "Tja", sagt er, "ganz ehrlich: Ich hasse Autos. Ich gehe zu Fuß oder nehme das Fahrrad." Und nur wenn's gar nicht anders geht, steigt er in die eigenen Ökowagen. Aber bitte nicht weiter sagen.

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