VG-Wort Pixel

Probleme beim Probebetrieb Als Komparse beim BER: "Wir haben Flughafen gespielt"

Auch die Gepäckanlage wird erprobt: Die Komparsen checken mit Koffern ein.
Auch die Gepäckanlage wird erprobt: Die Komparsen checken mit Koffern ein.
© privat
Gepäckaufgabe und Sicherheitskontrolle - wie reibungslos funktionieren die Abläufe am neuen Hauptstadtflughafen in Berlin? Diese Woche haben Freiwillige den BER getestet. Wir sprachen mit einem der ersten Komparsen.

Der Countdown läuft: Am 30. Oktober soll Berlins neuer Flughafen im Süden der Hauptstadt seinen Betrieb aufnehmen - mit neun Jahren Verspätung. Dazu sind neben den baulichen Abnahmen auch Tests mit Freiwilligen erforderlich. Schon einmal hatte es im Frühjahr 2012 einen Testlauf mit Komparsen gegeben. Doch platzte kurz danach die für den 3. Juni geplante Eröffnung.

Nachdem in den vergangenen Wochen ausschließlich Mitarbeiter der Berliner Flughäfen die Abläufe erprobten, durften jetzt die ersten Freiwilligen, die sich online beworben hatten, die Abläufe vom Check-in-Schalter bis zum Abflug-Gate testen – unter erschwerten Corona-Bedingungen.

Wir haben mit André Eckard, einen der 400 Komparsen, die am Dienstag von 11 bis 16 Uhr den neuen Hauptstadtflughafen ausprobieren durften, gesprochen.

Herr Eckard, wie kamen Sie an den Komparsen-Job?

Ich hatte vor sechs Jahren mal an einer BER-Führung teilgenommen. Das Flughafengebäude war schon damals fix und fertig eingerichtet – sicherheitstechnisch aber nicht abnahmefähig. Im Januar diesen Jahres habe ich mich für den Probetrieb online beworben. Mitte Juni erhielt ich dann die Nachricht, dass ich per Los ausgewählt worden bin, als einer von 9000 Komparsen, die im Testzeitraum benötigt werden.

Wie lief der Testlauf ab?

Alles war gut organisiert: Per Shuttle-Bus ging es vom Flughafen Schönefeld zum BER-Terminal. Dort mussten wir uns am Eingang mit unserem QR-Code der E-Mail-Bestätigung akkreditieren. Ich bekam eine knallgrüne Warnweste mit der Aufschrift "ORAT Flughafen-Tester", ein Lunchpaket und ein mehrseitiges Skript mit meinen Aufgaben als "fiktiver Passagier".

Einchecken zu einem Testflug mit der Fluggesellschaft El Al, die seit Wochen den Flugbetrieb komplett eingestellt hat
Einchecken zu einem Testflug mit der Fluggesellschaft El Al, die seit Wochen den Flugbetrieb komplett eingestellt hat
© privat

Wohin sollte die Reise gehen?

Wir waren an diesem Tag 400 Tester. Die meisten sollten zwei Flüge und eine Ankunft absolvieren. Ich aber musste für nur einen Flug einchecken, mit El Al nach Tel Aviv. Das ist mit besonderen Sicherheitsüberprüfungen verbunden, die mehr Zeit in Anspruch nehmen.

Wie war Ihr erster Eindruck beim Betreten des neuen Flughafenterminals?

Mit der Rolltreppe ging es zur oberen Abflugebene in die Haupthalle. Die ist großzügig, luftig und durch die riesigen Fensterfronten von Licht durchflutet. Besonders gefielen die Oberflächen aus Holz bei den Check-in-Terminals. Holz zieht sich wie ein Leitmotiv später durch das ganze Gebäude. Alles macht einen wertigen und gleichzeitig funktionalen Eindruck.

Wie ging es dann weiter?

Es war genau vorgeschrieben, dass ich zum Beispiel mit einem mittelgroßen Koffer reisen sollte. Den holte ich mir beim Akkreditieren von einem Gepäckband und ging zum Check-in-Bereich 8, zu einem dieser hölzernen Würfel. Dort traf ich auf das Bodenpersonal, das ebenfalls im Training war. Es bestand aus jungen Israelis, die alle nur Englisch sprachen.

Dann kam bestimmt die Frageprozedur: Haben Sie Ihr Gepäck selbst gepackt?

Genau, die übliche Befragung, wenn man nach Israel fliegt. Haben Sie Geschenke von anderen Personen dabei? Nein. Ich gab den Koffer auf und erhielt die Bordkarte für meinem Flug LY 7372 mit der Boarding-Zeit am Gate C21.

Die letzte Boeing 747 von Qantas zeichnet das legendäre Känguru-Logo der Fluggesellschaft.

Der BER wurde geplant, als das Einchecken per Smartphone noch unbekannt war.

Das stimmt, daher braucht man jetzt eher Schalter nur für die Gepäckabgabe. Nirgendwo in der Abflughalle habe ich übrigens Check-in-Automaten gesehen.

Beim Probebetrieb dürfte es keine Warteschlange an den Security Checks geben ...

Doch, das dauerte wie im realen Flughafenbetrieb, denn nur eine Kontrollspur der zentralen Sicherheitskontrolle war geöffnet. Wir Komparsen standen alle mit genügend Abstand, alle trugen eine Maske. Markierung auf dem Boden habe ich keine gesehen, aber es gab immer wieder Durchsagen mit Hinweisen auf die Abstandsregeln.

Wie modern ist der Sicherheitscheck?

Ich stand zweimal in der neusten Generation von Körperscannern, jene die offen sind. Man geht nicht mehr in sie hinein, sondern steht vor einer Wand und winkelt die Arme an. Aber bei der Handgepäckkontrolle gab es bei anderen Komparsen minutenlange Diskussionen wegen der Wasserflaschen.

Werden die Passagiere am BER auch gezwungen, anschließend durch eine Shopping-Mall zu laufen?

Ja, aber der Bereich ist noch eine komplette Baustelle. Kein Laden in der Duty-free-Zone sieht fertig aus. Da wird noch gebohrt und gehämmert. Überhaupt habe ich viele Stellen gesehen, wo nachträglich weitere Löschpunkte und an der Decke zusätzliche Kabelstränge eingebaut wurden.

Offiziell heißt der neue Hauptstadt-Airport: Flughafen Berlin Brandenburg Willy Brandt (BER)
Offiziell heißt der neue Hauptstadt-Airport: Flughafen Berlin Brandenburg Willy Brandt (BER)
© privat

War der Weg zu Ihrem Gate gut ausgeschildert?

Die Beschilderung ist gut. Ich musste wegen meines Tel-Aviv-Fluges weiter zum Non-Schengen-Bereich, also durch die Passkontrolle. Aber die Schalter waren alle geschlossen. So habe ich an einigen Türen gerüttelt, eine ließ sich öffnen.

Sie waren ganz allein, kein Personal weit und breit?

Ja, kein weiterer Mensch. Ich landete dann in einem Zwischenraum, der von Handwerkern blockiert war. Die machten aber freundlich Platz, räumten ihre Leiter zur Seite und haben mir mit ihrer Magnetkarte eine weitere Tür geöffnet. Und schon stand ich im Abflugbereich. Alles prima, dachte ich, jetzt geht's zum Gate.

Aber vor meinem Gate hieß es: zum erneuten Sicherheitscheck eine Ebene tiefer. Dort war alles verschlossen. Eine Ewigkeit musste ich warten, bis wieder die Israelis vom Check-in eintrafen. Die wiederum waren verwundert, warum ich der einzige Passagier war. Hatten sich alle anderen verlaufen?

Was war passiert?

Die Sicherheitsleute kontrollierten mein Handgepäck ein zweites Mal und ein ORAT-Gruppenleiter verständigte die Polizei. Die wollte dann genau von mir wissen, welchen Weg ich im Terminal genommen hatte. Langsam dämmerte es ihnen: Sie merkten, dass die Abstimmung mit der Bundespolizei zur Besetzung der Schalter nicht funktioniert hatte, wo ich eigentlich meinen Ausweis hätte vorzeigen müssen.

Sie haben also Ihren "Geheimweg" durchs Terminal verraten?

Wir rekonstruierten meinen Weg und dann hieß es: Ach, die Handwerker sind schuld! Endlich wurden die Schalter an der Passkontrolle besetzt und die übrigen Passagiere für meinen Flug erreichten auch das Gate C21, ebenso eine Rollstuhlfahrerin und ein Blinder, die ebenfalls am Test teilnahmen.

Bestiegen Sie irgendwann ein Flugzeug?

Nein, mit Verspätung ging's nach dem Boarding in den Rüssel und dann runter. Auf dem Vorfeld, wo mit langem Flatterband die Parkposition für den nicht vorhandenen Jet abgesperrt war, bestiegen wir einen Bus zu einer Rundfahrt über das BER-Gelände, zur Startbahn, an Dutzenden von geparkten Easyjet- und Lufthansa-Maschinen vorbei.

Blick vom "Marktplatz" zurück in den Bereich, der bis Ende Oktober ein Duty-free-Shop werden soll
Blick vom "Marktplatz" zurück in den Bereich, der bis Ende Oktober ein Duty-free-Shop werden soll
© privat

Es stand aber noch eine Landung auf dem Programm ...

... laut unserer Unterlagen sollten wir um 14.30 Uhr aus Dublin eintreffen. Dann gab es erneut Verwirrung, denn die Dame im Bus sagte, wir kämen aus Manchester, zu einem viel späteren Zeitpunkt an. Also wurde die Rundfahrt verkürzt und wir stiegen am Terminal bei einem Gate aus, als ob wir dort aus einem Flugzeug einträfen, warteten erneut vor verschlossenen Türen. Ein Hausmeister mit riesigem Schlüsselbund lief umher ("Wer hat sie denn HIER reingelassen?"), telefonierte wild rum und ließ uns irgendwann aus dem Rüssel ins Gebäude rein.

Wie kamen Sie zum Gepäckband?

Das war ein langer Weg. Denn es stellte sich heraus, dass wir im Terminal auf der genau falschen Seite zur Personenkontrolle reingelassen worden waren. Da müssen Sie genau zur anderen Seite, meinte ein Polizist, und eine Diskussion mit den Leuten vom Testteam begann, weil keiner genau wusste, ob Irland zu den Schengen-Staaten gehört oder nicht.

War die Passkontrolle bei der Einreise besetzt?

Das hat dann reibungslos geklappt. An den Gepäckbändern war viel los, dort wurden Unmengen von Koffern gewuchtet und die Gepäcksortieranlage pausenlos erprobt. Auch sah ich schwarze Limousinen, die vorfuhren mit Delegationen und VIPs, die den Flughafen besichtigten. Am BER ist im Moment viel los.

Glauben Sie nach dem halben Tag am BER, dass Ende Oktober der Betrieb wirklich losgehen kann?

Ja, wir Komparsen haben Flughafen gespielt und zwar erfolgreich. Zwar gibt es noch kleine Ungereimtheiten im Abfertigungsablauf und vereinzelt kleine Baustellen. Die für mich einzige bautechnisch "offene Wunde" war der Duty-free-Shop. Auch Restaurants und Kioske habe ich noch keine fertigen wahrgenommen. Die Mitarbeiter, mit denen ich sprach, von denen viele schon aus Tegel zum BER versetzt sind, wirkten sehr entspannt. Da wohl auch im Herbst der Flugbetrieb durch die Pandemie noch auf Sparbetrieb läuft, fürchtet sich niemand wirklich vor dem Umzug von Tegel zum BER. Corona ist das große Glück für den Hauptstadtflughafen.

Interview: Till Bartels

Lesen Sie auch:

Odyssee durch Corona: "Mein Rückflug wurde neun Mal verschoben"

Auch nach BER-Eröffnung: Viele Airlines wollen weiterhin nach Tegel fliegen 

Pannenflughafen Berlin: "Wir bauen nichts mehr um, wir bauen den BER fertig"

Mehr zum Thema

Newsticker