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Gestrandet in Patagonien Odyssee durch Corona: "Mein Rückflug wurde neun Mal verschoben"

Beginn der 55-stündigen Rückreise nach Deutschland: Der Dreamliner von Latam am Flughafen von Punta Arenas im Süden Chiles
Beginn der 55-stündigen Rückreise nach Deutschland: Der Dreamliner von Latam am Flughafen von Punta Arenas im Süden Chiles
© Anton Kiepert
Er flog für nur drei Wochen nach Chile. Dann kam Corona. Ein Berliner Student musste vier Monate bleiben. Seine Rückflüge wurden immer wieder gestrichen, bis er selbst die Initiative ergriff. Die größte Überraschung erlebte er bei der Einreise in Frankfurt.

Am 10. März flog Anton Kiepert über Paris nach Santiago und weiter nach Punta Arenas im Süden Chiles, wo er die Semesterferien verbringen wollte. Dann kam alles anderes als geplant.

Nach seiner Rückkehr aus Patagonien sprachen wir mit dem 21-Jährigen über seinen verlängerten Zwangsaufenthalt, die Schwierigkeiten des Ticketkaufs und den durch die Pandemie angepassten Service an Bord des Langstreckenflugs zurück nach Europa.

Herr Kiepert, Sie verbrachten Ihre Semesterferien in Chile. Wann wollten Sie zurück nach Europa fliegen?

Anton Kiepert: Eigentlich am 29. März via Amsterdam nach Berlin. Doch schon eine Woche nach meiner Ankunft in Santiago de Chile schloss das Land Mitte März alle Grenzen für Ausländer. Schon bald erhielt ich eine E-Mail von KLM, dass mein Rückflug gestrichen wird.

Wurde auch ein neuer Termin für den Rückflug genannt?

Ja, schon für Mitte April. Aber auch dieser Flug wurde abgesagt. Dann begann das ewige Hin und Her im 14-Tage-Rhythmus. Jedes Mal musste ich auch meinen Zubringerflug von Punta Arenas nach Santiago umbuchen. Insgesamt wurde mein Rückflug neun Mal verschoben…

… derweil hatte in Berlin längst das Sommersemester begonnen.

Zunächst konnte ich mit dem Laptop meine Vorlesungen per Stream übers Internet verfolgen, aber für die Prüfungen zum Semesterende Ende Juli musste ich unbedingt zurück in Berlin sein.

Hatten Sie Kontakt mit der Deutschen Botschaft für einen Rückholflug aufgenommen?

Ja, aber was mich an dem Programm gestört hat: Ich sollte unterschreiben, dass ich einen Preis zahlen sollte, der angemessen sei - ohne genau zu wissen, wie hoch die Ticketkosten sein werden. Ich hätte nie gedacht, dass sich alles so in die Länge zieht.

Wie lange darf man sich als Besucher aus Deutschland in Chile aufhalten?

Mein Touristenvisum galt nur für 90 Tage. Nach der Absage meines Fluges für Anfang Juni musste ich eine Verlängerung beantragen. Das erwies sich als schwierig, denn weder die Ausländerländerbehörde noch die Polizei wussten Bescheid. Über eine Website erfuhr ich, dass man den Antrag 30 Tage vor Ablauf einreichen muss. Letztendlich habe ich an dem Tag, als mein Visum ablaufen sollte, eine E-Mail mit dem PDF-Dokument erhalten, dass ich weitere 90 Tage in Chile bleiben kann.

Wann haben Sie die Rückreise selbst organisiert?

Als KLM Mitte Juni meinen Flug wieder auf unbestimmte Zeit verschob, habe ich selbst recherchiert. Außerdem musste ich damals nach meiner Rückkehr noch 14 Tage Quarantäne einplanen. Auf der Website der Deutschen Botschaft wurde vor einer Online-Buchung gewarnt, weil im Internet noch Flüge angezeigt werden, die gar nicht mehr durchgeführt werden. So habe ich Stunden mit dem Callcenter der Fluglinie Latam telefoniert.

Maria und Diana sitzen in Auckland fest und berichten von ihrer Rückholaktion nach Deutschland

Wann wurde der Flugverkehr nach Europa wieder aufgenommen?

Es gab zunächst nur wenige Flüge von Südamerika nach Nordamerika und Asien, erst ab Juli vereinzelt auch nach Europa. Alle Verbindungen waren hoffnungslos überbucht.

Dann haben Sie sich ein neues Ticket gekauft.

Ich musste zwei getrennte Buchungen vornehmen, obwohl alle Flüge von Latam durchgeführt wurden. Letzten Mittwoch bin ich dann von Punta Arenas in drei Stunden nach Santiago geflogen. Dort hing ich 23 Stunden am Flughafen herum, dann ging es weiter nach Sao Paulo in Brasilien. Von dort startete der Nachtflug nach Frankfurt…

… und immer mit Maske?

Auf allen Flügen, die bis auf den ersten alle ausgebucht waren, herrschte dauerhaft Maskenpflicht. Das wurde auch mehrmals per Durchsage betont. Nur zum Trinken durfte man den Schutz abnehmen. Die Passagiere waren diszipliniert und hielten sich an die Auflagen.

Wer war mit an Bord?

Der Airbus A350 war bis auf den letzten Platz besetzt. Neben den Chilenen und Brasilianern waren vor allem Deutsche an Bord, darunter viele Familien mit Kindern. Die wollten ebenfalls seit Monaten zurück. Neben mir saß einer, der in Chile in einem Hostel in Puerto Varas zusammen mit 20 anderen Touristen gestrandet war. Als sie merkten, dass sie so bald nicht wegkommen, haben sie angefangen das Hostel zur renovieren, gegen freie Kost und Logis.

War die Verpflegung an Bord des Flugzeuges anders als sonst?

Die Versorgung auf dem fast zwölfstündigen Flug von Sao Paulo nach Frankfurt war unterirdisch. Es gab nur Wasser zu trinken, einen Zitronenmuffin und als Hauptgericht einige Nudeln mit einer käseähnlichen Flüssigkeit.

Nach mehr als sechs Stunden Flugzeit wird es draußen hell. Bis zu 165.000 Liter Kerosin fassen die Tanks der zweimotorigen Maschine. Das verschafft dem Airbus A350 eine Reichweite von bis zu 18.000 Kilometern.

Welche Kontrollen gab es in Frankfurt für die Passagiere, wenn man aus dem Corona-Hotspot Brasilien kommt?

Ich hatte mich vorab informiert, ob eine Quarantäne droht. Aber in Frankfurt gab es außer der Passkontrolle bei der Einreise keine weitere Kontrolle oder Befragung. Nach der Gepäckausgabe hing nur ein Plakat in drei Sprachen, dass man sich für 14 Tage in Quarantäne begeben soll, wenn man aus einem Drittstaat einreist. Das war's.

Wie ging es dann weiter?

Mit der Bahn wollte ich nach Berlin fahren. Aber der ICE hatte Verspätung, der Anschluss in Hannover war am Freitagabend weg. Weit nach Mitternacht kam ich mit einem anderen Zug in Berlin an. Nach 55 Stunden Reisezeit war ich endlich zurück. Eigentlich wollte ich nur für drei Wochen nach Chile. Am Ende blieb ich vier Monate.

Interview: Till Bartels

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