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Reportage

Blog "Follow Me": Ich hatte 2012 den Pannen-Airport BER besucht. Jetzt war ich wieder dort - und bin entsetzt

Vor sechs Jahren sollte der neue Berliner Flughafen BER eröffnen. Seitdem wird mehr oder weniger gebaut. Vergleichen Sie die "Fortschritte" mit unseren Vorher-Nachher-Bildern.

Eine positive Nachricht gleich vornweg: Die Bäume auf dem Willy-Brandt-Platz vor dem Terminal-Gebäude sind gut angewachsen. Aus den Fugen der Gehwegplatten sprießt das Gras. Auch die grünen Moosschichten auf den Holzbänken gedeihen prächtig. Nur Menschen verirren sich selten auf das leere Gelände vor dem neuen Hauptstadtflughafen, an dem seit 2006 gebaut wird - mal mehr, mal weniger.

Anfahrt zum BER über die A113

Die Schönefelder Allee führt großspurig zum Flughafengelände. Bei meinen ersten BER-Besuchen 2012 waren die Parkhäuser noch gesperrt. Jetzt können Passagiere, die von Berlin-Schönefeld abfliegen, im Parkhaus P3 ihren Wagen abstellen und mit einem Shuttle zum ehemaligen DDR-Flughafen fahren, wo vor allem Billigflieger abheben.

Verwaistes Areal: die Airportcity

Der Flughafenterminal liegt zwischen den beiden Pisten, flankiert von der Airport City mit Bürogebäuden und links dem Steigenberger Hotel, das vor Jahren im Schlummermodus betrieben wurde und jetzt geschlossen ist. Eröffnungstermin: unbestimmt.

Vorfahrt Ankunftsebene

Unter dem weit ausragenden Vordach war im November 2012 - fast ein halbes Jahr nach dem abgesagten Eröffnungstermin am 3. Juni 2012 - längst nicht alles fertig. Inzwischen sind auch die gläsernen Aufsätze für die Lichtschächte montiert.

Seit zwölf Jahren wird am Großflughafen gewerkelt.  Die komplexe Baustelle verschlingt nach Angaben in den Medien täglich eine Million Euro.

Hinauf zur Abflugshalle

Ernüchterung im Vergleich vorher/nachher: Sah es 2012 nicht aufgeräumter aus als 2018? Diesen Blick haben Passagiere, wenn sie mit dem Auto vorgefahren oder am unterirdischen Bahnhof angekommen sind und einchecken möchten. Schon seit Jahren schwebt unter der Decke die rote Skulptur "The Magic Carpet" der kalifornischen Künstlerin Pae White.

Check-in-Inseln aus Edelholz

War vor knapp sechs Jahren alles besser? 2012 wurde mit Hunderten von Komparsen der Check-in geprobt. Jetzt herrscht gähnende Leere. Viel Platz wurde Lufthansa eingeräumt, die 2012 von Berlin aus 38 Ziele anflogen und 15 Maschinen am BER stationieren wollte. Im Moment fliegt Lufthansa von Tegel aus nur noch Frankfurt und München an. Selbst der Nonstop-Flug nach New York wurde im Frühjahr 2018 gestrichen.

Nach der Sicherheitskontrolle: Die Plaza

Mindestens 22 Millionen Fluggäste sollen hier jedes Jahr durchlaufen. "Wir bauen eigentlich nicht mehr", sagt der momentane Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup beim Rundgang. Die Mitarbeiter im Terminal seien mit "Mängelbeseitigungs- und Prüfprozessen" beschäftigt. So müssen auch die 750 Monitore ausgetauscht werden, die seit Jahren laufen und nun ihre Lebensdauer erreicht haben.

Die Plaza als Weiche für die Passagiere

Nach der Sicherheitskontrolle und den Duty-free-Läden - links hinter den Wandschirmen - geht es über die Plaza nach rechts zu den Flugsteigen und über die Treppe eine Ebene höher zu den Gates der Non-Schengen-Flüge. 

Im Moment wird das Gebäude "still bewirtschaftet": Die Rolltreppen und Gepäckbänder werden regelmäßig angeworfen, Wasserhähne in den Toiletten aufgedreht, und Geisterzüge fahren zur Belüftung in den unterirdischen Bahnhof - "Werterhaltungsbetrieb" nennt sich das.

Die 715 Meter lange Haupt-Pier

Fast dasselbe Bild wie vor Jahren: Die Deckenverkleidungen hängen immer noch herab, um Zugang zu den Kabel-, Entrauchungsschächten und den 70.000 Sprinklerköpfen zu haben. Noch ist der Hauptterminal ein Sanierungsfall und baurechtlich nicht abgenommen. Der Prüfprozess soll noch bis Frühjahr 2019 dauern. Erst 40 Prozent der Tests sind abegehakt.

Ursprünglich waren für den Bau des neuen Flughafens unter zwei Milliarden Euro eingeplant. Nun liegen die Kosten bei über sieben Milliarden Euro. 

Bewegung auf dem Vorfeld

Blick nach Westen auf eine der 16 Fluggastbrücken der Haupt-Pier und auf den 72 Meter hohen Tower. Dort sitzt die Flugsicherung und steuert den Verkehr von Berlin-Schönefeld schon seit Jahren. Denn die nördliche Piste vom BER-Airport sind für die Starts- und Landungen in Betrieb. Auch werden Hangars und Abstellflächen von Flugzeugen genutzt. 

Ein Erweiterungsbau, der die Kapazitäten von 22 auf 28 Millionen Passagiere im Jahr erhöhen wird, soll noch vor der geplanten Eröffnung im Herbst 2020 fertig sein. Der schlichte Terminal T2 bleibt den Billigfliegern vorbehalten, die in Berlin schon jetzt zwei Drittel aller Flüge ausmachen. Die 240 Meter lange Fluggasthalle kommt ohne Schnickschnack und eine komplizierte Entrauchungsanlage aus. "Es ist keine Kathedrale des Verkehrs, sondern es ist ein zweckmäßiges Gebäude, das einen gehobenen Industriebaustandard hat", sagt Lütke Daldrup.

Zwei von vier Airport-Chefs in sechs Jahren

Ab 2006 war Rainer Schwarz (rechts im oberen Bild) Chef der Berliner Flughäfen. Unter seiner Ägide wurde vier Wochen vor dem geplanten Termin die Eröffnung am 3. Juni 2012 abgesagt. Im Sommer 2013 musste er seinen Hut nehmen. Vor Gericht wies er jegliche Mitschuld an der geplatzten Eröffnung zurück und klagte auf Auszahlung ausstehender Gehaltszahlungen in Millionenhöhe.

Seine Nachfolge trat Ex-Bahn- und Air-Berlin-Chef Hartmut Mehdorn an, der seinen Rücktritt als Flughafen-Retter zum März 2015 verkündete. Danach war für zwei Jahre der Industriemanager Karsten Mühlenfeld im Amt, bis der Stadtplaner und Berliner Staatssekretär Engelbert Lütke Daldrup (links im oberen Bild) im Frühjahr 2017 die Geschicke übernahm. Er hat eine Inbetriebnahme mit Beginn des Winterflugplans Ende Oktober 2020 angekündigt.

"Wir haben noch gut zwei Jahren Zeit, und der Termin enthält genug Reserven", sagt der BER-Chef. Eine große Eröffnungs-Sause wird es nicht geben. "Es ist kein Anlass mit Prunk und Pomp aufzutrumpfen. Wir haben eine Aufgabe zu erledigen, auf die nicht nur die Eigentümer, die Länder und der Bund warten, sondern die Öffentlichkeit seit vielen Jahren", sagt er mit Bescheidenheit. "Wir haben keinen Grund eine große Party zu feiern." Auf Nachfrage sagte er, dass es einen Plan B für weitere Verschiebungen nicht gebe.

In Hamburg verzögerte sich die Eröffnung der Elbphilharmonie um sechs Jahre. Am Kölner Dom wurde sogar 632 Jahre gebaut, bis das imposante Gotteshaus endgültig fertiggestellt wurde. Die Hoffnung stirbt auch in Berlin bekanntlich zuletzt.

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