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Follow Me: Blackout am Hamburg Airport: Von wegen "deutsche Flughäfen bestens vorbereitet"

Fehlende Information und verzweifelte Passagiere: Am Sonntag herrschte nach einem Kurzschluss am Hamburger Airport der Ausnahmezustand. Dabei hätte es zu einem Totalausfall der Stromversorgung gar nicht kommen dürfen.

Szene vom Sonntag vor dem Flughafengebäude: Statt im Flugzeug zum Start zu rollen, müssen Passagiere den Stromausfall am Hamburger Flughafen aussitzen.

Szene vom Sonntag vor dem Flughafengebäude: Statt im Flugzeug zum Start zu rollen, müssen Passagiere den Stromausfall am Hamburger Flughafen aussitzen.

DPA

Als am dritten Advent im vergangenen Jahr am Hartsfield-Jackson Atlanta International Airport, dem Flughafen mit dem höchsten Passagieraufkommen weltweit, die Lichter ausgingen, mussten 900 Flüge gestrichen werden. Daraufhin gab die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Verkehrsflughäfen (ADV) eine Pressemitteilung mit der Überschrift heraus: "Deutschland ist nicht Atlanta - Deutsche Flughäfen bei bestens vorbereitet".

Dass dem nicht so ist, zeigte sich am Sonntag in Hamburg. Nun gesellt sich die Hansestadt zu Brüssel, Sydney und Atlanta. Denn diese Metropolen betreiben Flughäfen, bei denen innerhalb der letzten zwölf Monate der Strom ausfiel und Zehntausende von Passagieren festsaßen. 

"An allen deutschen Flughäfen kann der Flugbetrieb ohne Stromversorgung über Stunden sicher fortgesetzt werden", heißt es in der damaligen Erklärung, die inzwischen vom Netz genommen wurde. "Eine redundante Stromversorgung" sei "auf der Grundlage von umfangreichen gesetzlichen Reglungen" installiert. Doch in der Praxis hat sich die Beruhigungspille des Flughafenverbandes als Trugschluss erwiesen.

Die Panne am Sonntag hat leider verdeutlicht, dass der Airport auf einen Totalausfall der Stromversorgung alles andere als gut vorbereitet war. Zwar spielt die Belegschaft regelmäßig Szenarien wie Notlandungen mit Rettungsaktionen oder Brandbekämpfungen durch und unternimmt Anti-Terror-Übungen. Doch der am Wochenende wirft einige Fragen auf.

Wieso hat ein Notstromaggregat die plötzlich fehlende Energie nicht geliefert? Kaum nachvollziehen lässt sich das Argument einer Pressesprecherin des , dass "aus Sicherheitsgründen das Hauptstromnetz und der Notstrom an einem Flughafen gleichzeitig laufen müssen.“ Notstrom dürfe nur zur Überbrückung eingesetzt werden. Da es keinen Hauptstrom gab, fiel also diese Möglichkeit aus.

Kommunikation in der Krise ist alles

Besser aufgestellt ist dagegen der Frankfurter Flughafen. größter Airport lässt sich über zwei unabhängige Leitungen von zwei Energieunternehmen versorgen. "Wenn ich eine Großeinrichtung betreibe, kenne ich meine Szenarien und weiß, was passieren kann", sagt der Luftfahrtexperte Heinrich Großbongardt im Gespräch mit dem stern. "Da muss ich vorbereitet sein. Der Hamburg Airport hat am Sonntag keine gute Figur gemacht."

Damit spielt Großbongardt auf die Krisenkommunikation an. Die meisten der 30.000 betroffenen Passagiere kritisieren die schlechte und schleppende Informationspolitik. Da bei einem Totalausfall auch Bildschirme und Lautsprechersysteme nicht mehr funktionieren, sind die sozialen Medien die wichtigste Informationsquelle. Nicht nur gefühlt dauerte es lange, bis die Gestrandeten informiert wurden: erstmals nach knapp zwei Stunden. Dabei lassen sich Nachrichten über Twitter und Facebook von jedem Handy aus verbreiten.

Von Pannen-Airport BER lernen

Ausgerechnet am 3. Juni, dem sechsten Jahrestag der Nichteröffnung des neuen Hauptstadtflughafens BER, erlebte Hamburg die Evakuierung der beiden Terminals. Ironie des Schicksals: Die Dauerbaustelle südlich von Berlin war einmal auch in die Schlagzeilen geraten, weil dort über einen langen Zeitraum Tag und Nacht das Licht brannte. Inzwischen wurde der Schalter zum Ausknipsen jedoch gefunden.

Der erste Juni-Sonntag dürfte für die Mitarbeiter des Hamburger Flughafens eine herausfordernde Notfallübung gewesen sein. Allerdings auf Kosten der Kunden. Denn zwei Drittel der 200 geplanten Starts und Landungen fielen aus. 150 Menschen übernachteten sogar auf Feldbetten in einem älteren Terminal.

Am Tag danach gilt es die Ursache des Kurzschlusses zu klären. War eine Überlastung, ein Blitzschlag oder ein Fehler in der Wartung die Ursache? Denn die Antwort dürfte entscheidend sein, ob Passagiere und Airlines den Flughafen Hamburg in Regress nehmen können.

Wie sagte der Hauptgeschäftsführer des Flughafenverbandes nach dem Desaster im Dezember in den USA: "Bei einem Szenario wie in Atlanta würden die Auswirkungen in Deutschland deutlich geringer ausfallen", so Ralph Beisel vom ADV. "Es ist lediglich von einem zeitlich begrenzten Ausfall in einem eng beschränkten lokalen Gebiet, wie etwa einem Terminalbereich oder einem einzelnen Gebäude auszugehen." 

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