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Kurzschluss am Flughafen: Nach Stromausfall am Hamburg Airport: Bekommen Passagiere eine Entschädigung?

Nach dem Blackout am Hamburger Flughafen ist das schadhafte Kupferkabel ausgetauscht und der Flugbetrieb wieder angelaufen. Von den Flugausfällen betroffene Fluggäste hoffen nun auf eine Ausgleichszahlung nach EU-Recht. Die Chancen bestehen durchaus.

Sitzen auf gepackten Koffern und sind nicht abgeflogen: 30.000 Passagiere waren von den Flugausfällen am Hamburger Flughafen betroffen.

Sitzen auf gepackten Koffern und sind nicht abgeflogen: 30.000 Passagiere waren von den Flugausfällen am Hamburger Flughafen betroffen.

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Über ein verlängertes Wochenende war Hanna Berendt* nach Barcelona gereist. Am Sonntagvormittag sollte sie zurück nach Hamburg fliegen. Doch wegen der kompletten Einstellung des Flugbetriebes am Hamburg Airport wurde ihr Rückflug von Norwegian storniert. Der Billigflieger teilte ihr mit, dass sie umgebucht worden sei: Frühestens am nächsten Donnerstag könne sie in die Hansestadt fliegen. Das bedeutet: drei weitere Nächte im Hotel - auf eigene Kosten.

Abgesehen vom Umdisponieren und Problemen mit ihrem Arbeitgeber, fragt sie sich, welche Rechte ihr zustehen: Kann sie die Fluggesellschaft bzw. den Flughafen für die Ausfälle haftbar machen?

Nach der EU-Fluggastrechteverordnung stehen jedem Passagier bei der Annullierung eines Fluges oder eine Verspätung um mehr als drei Stunden eine Entschädigung zu, die je nach Flugdistanz zwischen 250 bis 600 Euro beträgt. Allerdings entfällt der Anspruch, wenn es sich um "außergewöhnliche Umstände" handelt. Dazu zählen Streiks, schlechte Wetterumstände und politische Instabilität.

Unabhängig davon muss sich eine Airline theoretisch auch um eine alternative Beförderung zum Zielort kümmern und eine Unterbringung in einem Hotel organisieren. Doch in der Praxis lassen Billigflieger ihre Kunden gerne im Regen stehen.

Ist ein Blackout ein ungewöhnlicher Umstand?

Am Tag eins nach dem Blackout am Hamburger Flughafen ist die Antwort, ob ein Stromausfall als höhere Gewalt gilt, unter Juristen nicht eindeutig. André Schulze-Wethmar vom Europäischen Verbraucherzentrum Deutschland (EVZ) sagte der Nachrichtenagentur AFP, dass Fluglinien laut Gesetz nicht entschädigen müssen, wenn Flüge wegen "außergewöhnlicher Umstände" gestrichen werden. Wahrscheinlich werden Gerichte darüber entscheiden müssen.

Anders sieht das der Ronald Schmid von Fairplane. Der Luftrechtler sagt im Gespräch mit dem stern, dass man die genaue Ursache des Stromausfalles kennen müsse. "Liegt diese im Verantwortungsbereich des Flughafens, wird man nicht von einem außergewöhnlichen Umstand ausgehen können." Er macht daher allen Gestrandeten Hoffnung. "Nur wenn ein Dritter die Ursache gesetzt hat, und es so zu einem Stromausfall gekommen ist, wird man einem außergewöhnlichen Umstand bejahen können." Der Experte meint, solange "der Flughafenbetreiber Erfüllungsgehilfe des Luftfahrtunternehmens ist, muss sich dieses einen möglichen Fehler des Flughafenbetreibers zurechnen lassen."

Ähnlich wie bei einer plötzlich aufgetretenen technischen Störung an einem Flugzeug, die Airlines gerne als "außergewöhnlichen Umstand" betiteln, um auf Regressforderungen nicht eingehen zu müssen, liegt auch im Fall von Hamburg eine technische Störung vor. "Zu klären ist auch, warum ein Kurzschluss das gesamte Stromnetz lahm legen konnte", so Schmid. "Ich gehe davon aus, dass nicht sämtliche Einrichtungen eines Flughafens an einem einzigen Stromkreis hängen. Zu fragen wäre aber auch, warum keine Notstromaggregate eingeschaltet werden konnten."

Sollten die Ursache hausgemacht sein, dann könnten sich von den Flugstreichungen betroffene Passagiere an die Airline und diese wiederum an den Flughafen wenden. Daher verwundert es nicht, dass sich im Moment nicht nur Techniker mit der Ursache des ungewöhnlichen Totalausfalls der Stromversorgung beschäftigen - sondern auch Juristen.

Hamburg: Schadhafte Isolierung eines Kupferkabels

Zu berücksichtigen ist auch, was für einen "Bodenabfertigungsvertrag die jeweilige Fluglinie mit dem Flughafen abgeschlossen hat", so Schmid. Es gibt unterschiedliche Rahmenbedingungen, mit und ohne Haftungsübernahme. Unter Umständen kann so eine Airline vom Flughafen Regress für sich und ihre Kunden fordern.

Am Montagnachmittag stand fest, dass der Kurzschluss in der Stromversorgung auf eine schadhafte Isolierung an einem Kupferkabel im Blockheizkraftwerk zurückzuführen sei. "Er traf mitten ins Herz", räumt Flughafenchef Michael Eggenschwiler ein. Beide von der Europäischen Agentur für Flugsicherheit (EASA) vorgeschriebenen Stromkreise für einen Flughafen seien betroffen gewesen.

In der Nacht zum Montag konnte um 3.15 Uhr der Flughafen mitteilen, dass der Flugbetrieb gegen 6 Uhr wieder aufgenommen werden kann, doch fielen zunächst die meisten Starts in der Frühe aus. Es fehlten die entsprechenden Maschinen und Crews, da die Flugzeuge am Abend zuvor nicht landen konnten.

Eines ist jetzt schon klar: Unter Juristen wird der Blackout vom 3. Juni ein Nachspiel haben. Vielleicht kommen Hanna Berendt und die mehr als 30.000 Betroffenen doch noch auf eine Entschädigungszahlung und auf eine Erstattung ihrer Hotelausgaben.

*Der Name wurde von der Redaktion geändert.

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